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Unkonventionell: Die Drogenentzugsstation von Laila Haidari in Kabul
Aus Rendez-vous vom 23.12.2019.
abspielen. Laufzeit 04:16 Minuten.
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Drogenentzug in Afghanistan Eine kalte Dusche und Gespräche gegen die Sucht

Im Zentrum von Laila Haidari in Kabul fehlt es an allem. Auf Hilfe warten wollte sie nicht und packte hemdsärmlig an.

Afghanistans grösstes Exportprodukt ist Opium. 90 Prozent des Opiums im weltweiten Umlauf stammt aus dem Land, das selbst viele Drogenabhängige zählt. Genaue Statistiken gibt es aber ebenso wenig wie Auffangzentren oder Behandlungsstationen.

Die Frau, die sich den Drogenabhängigen in Kabul angenommen hat, heisst Laila Haidari. Hinter dem Steuer ihres alten Toyota Corolla fährt sie durch die verstopften Strassen und flucht dabei nicht schlecht. Manchmal sei das nötig, um im Verkehrschaos überhaupt ernst genommen zu werden, sagt die 40-Jährige.

Laila Haidari:
Legende: Laila Haidari: Vor zehn Jahren hat sie das Behandlungszentrum für Drogenabhängige in Kabul aufgebaut. SRF

Laila Haidari ist auf dem Weg ins Rehabilitierungszentrum für Drogenabhängige. Auf der Pul-e Sokhta Brücke über den fast ausgetrockneten Fluss Kabul hält sie an. Die Brücke ist ein bekannter Ort für Drogenabhängige. Hier nimmt Laila Haidari regelmässig Männer mit, die von den Drogen loskommen wollen.

Viele seien es nicht, so um die fünf im Monat, sagt Laila Haidari. Auch die Kapazität in ihrem Zentrum ist begrenzt. 20 Drogenabhängige betreut sie zurzeit in ihrer Entzugsklinik. Allesamt Männer. Sie sitzen im Innenhof auf Plastikstühlen oder schauen fern im Keller, wo auch ihre Pritschen stehen. Zigaretten sind erlaubt, sonst aber nichts.

Laila Haidari hat mich unter der Brücke geholt. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar.
Autor: Abdul KhalidPatient, 25

Die Männer sind kurzgeschoren und tragen blaue Spitalgewänder. Die Haarstoppel geben an, wie lange jeder einzelne schon hier ist. Denn bei Ankunft werden die Männer kahlgeschoren, die verlausten Kleider verbrannt.

Der Kopf des 25-jährigen Abdul Khalid ist noch recht kahl, er ist erst seit einer Woche hier. Zuvor war auch er unter der Brücke und nahm Heroin: Laila Haidari habe ihn von dort weggenommen. Dafür sei er ihr unendlich dankbar, denn niemand sonst kümmere sich um die Menschen unter der Brücke.

Laila Haidari.
Legende: Die frühere afghanische Filmemacherin Laila Haidari gründete die Organisation «Life is Beautiful» für Drogenabhängige. Das Zentrum in Kabul heisst mittlerweile «Mother Trust Organisation». (Aufnahme von 2012) imago images

Kaltes Wasser statt Medikamente

Für Abdul Khalid ist Laila Haidari so etwas wie eine zweite Mutter. Die Entzugsstation heisst denn auch «Mother Trust Organisation». Doch viel mehr als bemuttern kann Laila Haidari ihre Patienten nicht. Denn sie hat keine Ausbildung als Pflegerin und kein Geld für Medikamente.

Als Mittel gegen die Schmerzen des Entzugs dient eiskaltes Wasser: «Eine kalte Dusche ist so gut wie jedes Schmerzmittel», sagt die hemdsärmelige Haidari. Ohnehin sei die eigentliche Behandlung weniger eine medizinische, sondern vielmehr eine psychologische.

Laila Haidari.
Legende: Therapie: Im Gespräch sollen Abhängige von den ehemaligen Süchtigen lernen. SRF

Denn in ihrem Innenhof könnten die Männer über ihre Sucht reden und Erfahrungen austauschen mit jenen, die schon länger clean sind. Sie arbeiten als freiwillige Helfer – wie der Bruder von Laila Haidari, Haqqim: Er war vor zehn Jahren der erste «Patient». Sie sei damals aus dem Exil nach Afghanistan zurückgekehrt, um ihn von seiner Drogensucht zu befreien.

Hier muss man sich selbst helfen.
Autor: Laila HaidariGründerin der Drogenentzugsstelle «Mother Trust Organisation» in Kabul

Haqqims Abhängigkeit war der Grund, warum sich seine Schwester überhaupt dem Thema angenommen hat und begann, den anderen Menschen unter der Pul-e Sokhta Brücke zu helfen: «In Afghanistan kann man nicht einfach warten, bis andere Menschen zu Hilfe eilen. Hier muss man sich selbst helfen.» Das will Laila Haidari ändern.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Sacha Walter  (Fliegenderschnee)
    Ich finde zwei Passagen im Text sind ,wohl ungewollt, treffende Hinweise woran unser Gesundheitssystem krankt ;“ Ohnehin sei die eigentliche Behandlung weniger eine medizinische, sondern vielmehr eine psychologische.“ und „ Denn sie hat keine Ausbildung als Pflegerin und kein Geld für Medikamente. Wunderbar nicht? Es wird impliziert dass eine Behandlung vor allem Medikamente, Geld und Schulwissen benötigt
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    1. Antwort von Stefan Renevey  (weissdassichnichtsweiss)
      Da kann ich Sie beruhigen. Alles Geld, alle Medikamente, alles Fachwissen zerbröselt wenn der Klient nicht will.
      Ich darf und kann das sagen, weil ich seit über 20 Jahren als Sozi in verschiedenen Bereichen gearbeitet hab.
      Manchmal wars einfach eine hilfreiche Beziehunge, die letztlich die Stabilisierung brachte.
      Aber Sie haben natürlich recht. Einmal mehr wird uns erklärt, wer eigentlich die Welt ist...Nicht der Mensch, nicht die Menschlichkeit.
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