In der Wohnsiedlung La Cravache im Süden von Marseille kicken drei Jugendliche an einem Nachmittag etwas lustlos einen Ball hin und her. Der Erzieher und Mediator Mohammed Benmeddour geht auf sie zu, fragt, ob sie gerade von der Schule kommen, ob ihre Eltern wissen, dass sie draussen sind.
Fast täglich ist er für den Verein Apis im Quartier unterwegs, spricht mit den Jugendlichen, versucht, ihr Vertrauen zu gewinnen.
Risikofaktor Armut
Armut ist auch in diesem Quartier im reicheren Süden von Marseille verbreitet. Nur wird weniger darüber gesprochen als über die bekannten Problemquartiere im Norden der Stadt.
Die Armut spiele sich hier eher im Verborgenen ab, sagt Benmeddour: «Wenn du zu den Familien nach Hause gehst, siehst du, dass sie in etwas heruntergekommenen Wohnungen leben, der Kühlschrank leer ist und dass es am Monatsende knapp wird mit dem Geld.»
Vor allem für Jugendliche ist ein solches Umfeld ein Risiko. Wer keine Perspektive hat, für den ist die Aussicht auf schnelles Geld verführerisch. Es ist ein Grund, warum einige in den Drogenhandel abrutschen. «Wenn man einen Kumpel hat, der dealt, macht man das nach. Man sieht, dass er damit Geld verdient.»
Prävention von ganz klein auf
Der Verein Apis setzt darum auf Bildungs- und Jugendarbeit von ganz klein auf. Neben der Strassenarbeit bietet der Verein Hausaufgabenhilfe und Kinderbetreuung an, aber auch Box-, Musik- oder Tanzkurse.
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Bild 1 von 3. Der Verein Apis versteht sich weniger als Akteur der Kriminalprävention. Der Schwerpunkt liegt bei Bildungs- und Jugendarbeit. Bildquelle: SRF/Zoe Geissler.
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Bild 2 von 3. Apis bietet verschiedene Sportkurse an. Zum Beispiel Boxen, Judo oder Breakdance. Bildquelle: SRF/Zoe Geissler.
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Bild 3 von 3. Die Kinder können bei Apis auch Geigenunterricht nehmen. Bildquelle: SRF/Zoe Geissler.
Freizeitaktivitäten, die letztlich die Jugendlichen von der schnellen Versuchung abhalten und ihnen eine Perspektive bieten sollen. Der Mitbegründer und Leiter von Apis, Karim Lali, ist überzeugt: «Wenn wir Kinder durch Kunst, Kultur und Sport richtig vorbereiten, können sie im Jugendalter Nein sagen und rutschen nicht in dieses Milieu ab.»
Die Arbeit zeige Wirkung, so Lali: «In der Wohnsiedlung La Cravache gibt es heute keinen Drogenhandel mehr», sagt er stolz. Ob das allein auf Apis zurückzuführen ist, ist unklar. Auch Polizeieinsätze in den vergangenen Jahren dürften dazu beigetragen haben.
Die Gesamtlage in der Stadt bleibt jedenfalls ernst: Am Jugendgericht wurden 2025 achtzehn Prozent mehr Minderjährige strafrechtlich verfolgt als im Vorjahr, meist im Zusammenhang mit Drogenhandel.
Tausende Kinder geraten dank solcher Vereine gar nicht erst in die Fänge der Drogennetzwerke.
Trotzdem: die Arbeit von Vereinen sollte nicht unterschätzt werden, findet der Journalist Philippe Pujol, der sich seit Jahren mit der Drogenkriminalität in Marseille beschäftigt. Für ihn sind Vereine wie Apis essenziell, um Jugendliche zu schützen. Diese seien viel effektiver als die Polizei. Dazu kommt, sagt Pujol: «Tausende Kinder geraten dank solcher Vereine gar nicht erst in die Fänge der Drogennetzwerke.»
Doch die Arbeit für Vereine wird schwieriger: Die finanziellen Mittel werden knapper. Etwa weil die staatlichen Subventionen schrumpfen. Dazu komme, sagt Karim Lali, dass er Schwierigkeiten habe, motivierte Mitarbeitende und Mitarbeiterinnen zu finden. Menschen wie den Mediator Benmeddour, der sagt: «Ich bin hier, um den Jugendlichen zu helfen.» Ob die Jugendlichen die Hilfe annehmen wollten, das liege bei ihnen. Aber wenigstens habe er es versucht.
Benmeddours Arbeit klingt vielleicht unspektakulär. Aber er kann den jungen Menschen Alternativen aufzeigen, bevor andere ihnen ein Angebot machen.