Marseille gilt seit Jahren als Brennpunkt der Drogenkriminalität. Oft ist von den nördlichen Quartieren die Rede. Das greife zu kurz, sagt der Journalist und Autor Philippe Pujol, der sich seit Jahren mit der Situation seiner Heimatstadt beschäftigt. «Marseille ist ein bisschen wie Yin und Yang. Es gibt ein Weiss im Schwarz und ein Schwarz im Weiss.»
Es gebe also reiche Viertel im ärmeren Norden und arme Viertel im wohlhabenderen Süden. Die Drogenkriminalität betreffe vor allem arme Stadtteile. Anders als in vielen Grossstädten liegen diese in Marseille mitten in der Stadt.
Laut Pujol lebten rund 400'000 Menschen in benachteiligten Vierteln. «Nicht alle leben in Elend und in Angst», sagt er. Auch wenn es in manchen Wohnsiedlungen sehr hart zugehe.
Konkurrenz zwischen den Netzwerken
Trotzdem bleibt die Gewalt real. Immer wieder sterben Menschen im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität. Pujol sieht in der Gewalt ein Zeichen der Konkurrenz zwischen kriminellen Netzwerken. «In Marseille gibt es viel Konkurrenz. Ohne Konkurrenz gibt es auch keine Toten».
Rund 160 Netzwerke konkurrieren laut seiner Schätzung miteinander. Doch sie stehen nicht an der Spitze des Systems.
Ganz oben operierten internationale Grosshändler. Dann gebe es Zwischenhändler. In Marseille sind das etwa Mitglieder der Mafia wie die bekannte DZ Mafia. Sie verteilten die Drogen an lokale Netzwerke, die das Terrain kontrollierten und selbst noch kleinere Fische – wie Pujol sie nennt – rekrutierten.
Minderjährige im Drogensystem
Dabei werden die Beteiligten immer jünger: Laut offiziellen Zahlen lag das Durchschnittsalter der von kriminellen Netzwerken eingesetzten Helfer 2024 zwischen 15 und 16 Jahren. Tendenz sinkend.
In Lyon gibt es auch viel Bandenkriminalität, aber man tut so, als sei alles in Ordnung. Wir Marseiller geben damit an.
Die Verletzlichkeit der Jungen würde von den Netzwerken ausgenützt, sagt Pujol. «Es ist eine Art Prostitution, weil die Jungen für die Mächtigeren die Drecksarbeit machen.» Obwohl die Mächtigeren genau wüssten, was ihnen drohe. «Sie wissen, dass die Jungen im Gefängnis landen, getötet werden oder sich verschulden. Oder alles zusammen.» Für sie würde es in diesem System eigentlich immer schlecht ausgehen, sagt der Journalist.
Ein Ruf, der an der Stadt haftet
Die Drogenkriminalität beschränkt sich nicht auf Marseille. Laut einem Bericht des Rechnungshofs von 2024 sind acht von zehn Gemeinden in Frankreich vom Drogenhandel betroffen.
Trotzdem bleibt der Ruf besonders an Marseille haften. Jean-Baptiste Perrier, Professor für Rechts- und Kriminalwissenschaften an der Universität Aix-Marseille, sieht dafür mehrere Gründe. Einer davon sei die Geschichte der Stadt – etwa wegen der berühmten «French Connection», ein Drogenring, der ab den 1940er-Jahren aktiv war. Zudem ziehe Marseille Aufmerksamkeit auf sich. «Es ist die zweitgrösste Stadt Frankreichs und sie ist sehr leidenschaftlich», sagt Perrier.
Pujol sieht einen weiteren Grund. Das Banditentum gehöre ein bisschen zur Kultur der Stadt. «Wir kennen unsere Banditen und wissen, was sie machen», sagt er. «In Lyon gibt es auch viel Bandenkriminalität, aber man tut so, als sei alles in Ordnung. Wir Marseiller geben damit an.»
Und er fügt an: «In einer Stadt, die arm ist und sich nie richtig entwickelt hat, nie im Fussball gewinnt, sagen manche: Immerhin gewinnen wir bei den Banditen.» Es dürfte ein schwacher Trost sein.