Mobile Kliniken für Arme Durchhalten, bis der Gratisarzt kommt

Gesundheit ist ein teures Gut – gerade in den USA. Dort helfen Freiwillige, wenn das Geld für den Arzt fehlt. Eine Reportage.

Um drei Uhr morgens ist die Welt ganz und gar nicht in Ordnung auf dem Parkplatz der Highschool Emporia im US-Bundesstaat Virginia. Ein paar übermüdete Gestalten ducken sich im Nieselregen. Mehrere Hundert Menschen dösen in ihren Autos, statt zuhause im Bett zu liegen. Sie brauchen einen Arzt, haben aber kein Geld. Das bedeutet: Früh aufstehen und lange warten.

Ein Mann im Auto wird von einer Freiwilligen über das Prozedere beraten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Early Bird»: Wer zeitnah in den Genuss der Gratisbehandlung kommen will, ist gut beraten, früh aufzustehen. Max Akermann/SRF

Eine Frau verteilt Nummern und gibt Anweisungen. Sie organisiert für RAM-Virginia einen mobilen Kliniktag – Gratisbehandlungen für Bedürftige. Um halb 7 geht es mit der Nummer Eins los. Behandelt werden so viele Patienten wie möglich, heute wohl etwa 500. Clint Jackson liegt gut im Rennen. Er ist Nummer 194.

Wenn Schmerzpillen nicht mehr helfen

«Der frühe Vogel fängt den Wurm», meint der 63-jährige, drahtige Afro-Amerikaner. Clint will unbedingt an die Reihe kommen, denn er braucht dringend einen Zahnarzt. «Schmerzpillen helfen zwar eine Weile, aber jetzt muss der faule Zahn raus», sagt Clint. Bloss: Geld für den Zahnarzt hat er keines. Vor vier Jahren machte die Air-Conditioner-Fabrik dicht, in der er gearbeitet hatte. Inzwischen ausgesteuert schlägt sich Clint mit Gelegenheitsarbeiten durch und hält Ausschau nach Gratisangeboten.

«  Das ist ein Armutszeugnis für ein so reiches Land.  »

Dr. Molnar Weiss von RAM
Zur medizinischen Unterversorgung vom Millionen US-Bürgern

Schlange vor der Highschool Emporia, wo sich RAM eingerichtet hat. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Andrang ist gross: Hunderte Menschen warten in Emporia auf eine Gratisbehandlung. Max Akermann/SRF

Gegen 7 Uhr kommt Bewegung in die Sache. Die Patienten stellen sich den Nummern nach vor der Schulhaustüre auf und werden nach und nach eingelassen. Drinnen notieren Freiwillige Namen, Alter, Geschlecht, die wichtigsten Vorerkrankungen. Mehr nicht. Niemand muss einen Ausweis vorzeigen oder Angaben über das Einkommen machen. Viel besitzt hier eh niemand.

Die Leute müssen bloss angeben, ob sie neben der allgemeinmedizinischen Untersuchung noch ihre Augen oder ihre Zähne behandeln lassen wollen. Beides zusammen geht nicht. «Wir bieten Zahnhygiene an, machen Füllungen und ziehen Zähne», erklärt Victoria Molnar Weiss, die Direktorin von RAM Virginia.

Remote Area Medical – RAM

Remote Area Medical, kurz RAM, ist eine private Hilfsorganisation, die Bedürftigen in der amerikanischen Provinz kostenlose Gesundheitschecks sowie Zahn- und Augenbehandlungen anbietet. RAM richtet sich an Menschen, die sich einen Arztbesuch nicht leisten können. RAM wurde 1985 gegründet und hat seither über 800‘000 Patienten behandelt. Über 100'000 Freiwillige arbeiten bei der Organisation, darunter viele ausgebildete Allgemeinmediziner, Zahn- und Augenärzte.
Turnhalle in Emporia, Helfer bereiten sich auf den Ansturm der Patienten vor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Freiwilligen von RAM funktionieren die Turnhalle von Emporia zur temporären Praxis um. Max Akermann/SRF

Die Behandlung findet in der Turnhalle von Emporia statt, die heute zu einer riesigen Gruppenpraxis umgebaut wurde. Ein zweiter Raum dient als Augenklinik. Dort werden Sehtests gemacht, Brillen hergestellt, einfachere Operationen durchgeführt, zum Beispiel gegen den Grauen Star.

Sparen auf Kosten der Armen

Dr. Molnar ist selber Augenärztin, sie führt in Zentralvirginia eine eigene Praxis. Den Einsatz für RAM leistet sie gratis, genauso wie die anderen rund 340 Freiwilligen hier. Einst als Entwicklungshilfe-Projekt für Südamerika gegründet, hilft RAM heute vor allem in den USA selber. Millionen von Menschen haben hier keinen Zugang zu einer erschwinglichen Gesundheitsversorgung.

Zahnbehandlung in der Turnhalle der Highschool Emporia. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Freiwillige Zahnärzte behandeln Patienten, für die der Gang in eine richtige Praxis zu teuer wäre. Max Akermann/SRF

Ein Armutszeugnis für ein so reiches Land, findet Dr. Molnar: «Wahrscheinlich braucht es Organisationen wie RAM aber noch lange.» Das Krankenkassen-Obligatorium von Ex-Präsident Obama habe nicht wirklich geholfen. Kinder profitierten noch am ehesten, aber für arme Erwachsene seien bei der Krankenkasse Selbstbehalt und Franchise viel zu hoch, Prämienverbilligungen zu tief.

Unter der neuen Regierung Trump laufe es aber definitiv verkehrt. Die wolle auf Kosten der Armen sparen. «Das ist ziemlich verrückt», sagt die reiche weisse Ärztin. Der stellenlose schwarze Arbeiter nimmt es gelassener. Clint Jackson zeigt seine neu geflickten Zähne und bekennt, dass er letztes Jahr Donald Trump gewählt habe: «Wenn er seinen Reichtum verteilt, gibt es im ganzen Land keinen einzigen Armen mehr.»