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Die «Gastarbeitery» wuseln durch das verwaiste Moskau
Aus HeuteMorgen vom 04.05.2020.
abspielen. Laufzeit 02:46 Minuten.
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E-Commerce in Russland Plötzlich schätzen die Russen ihre «Gastarbeitery»

Ein Heer von jungen Männern aus Zentralasien arbeitet in Moskau als Essenskuriere. In der Coronakrise bekommen sie endlich Anerkennung.

Der Platz vor dem Weissrussischen Bahnhof in Moskau ist praktisch menschenleer – bis auf ein paar Figuren in knallgelben und knallgrünen Uniformen: Es sind Kuriere, die Essen aus Restaurants oder Lebensmittel aus Supermärkten zu ihren Kunden bringen.

Hauptbahnhof in Moskau
Legende: SRF/David Nauer

«Wegen des Virus arbeiten wir neuerdings kontaktlos. Wir stellen alles vor die Wohnungstür, machen ein paar Schritte zurück und warten, bis der Kunde die Ware nimmt», sagt Ilaman, der für Delivery Club arbeitet, einen der grossen Restaurant-Lieferdienste. Der 22-Jährige steht mitten auf dem Platz und wartet mit Kollegen auf den nächsten Auftrag. Wie die meisten Kuriere stammt er aus Kirgistan in Zentralasien.

Essens-Kurier in Moskau
Legende: Die Kuriere möchten lieber anonym bleiben. SRF/David Nauer

Die «Gastarbeitery», wie sie in Russland genannt werden, haben oft einen schweren Stand. Manche Einheimische schauen von oben auf sie herab, es gibt Fälle von offenem Rassismus. «Die Russen behandeln uns in der Regel ganz okay. Aber nicht immer, wir machen auch andere Erfahrungen», sagt Ismail.

Kurier in Moskau.
Legende: Bislang gehörten die «Gastarbeitery» nicht zu den angesehenen Berufsleuten. SRF/David Nauer/symbolbild

Jetzt allerdings, in Corona-Zeiten, erhalten die Kuriere erstmals richtig Anerkennung. Die Zeitung «Wedomosti» berichtete kürzlich, für die in ihren Wohnungen eingesperrten Moskauerinnen und Moskauer seien die Kuriere gleichsam «der lebendige Beweis dafür, dass die Welt da draussen noch existiert.» Stellvertretend für viele erzählt eine Moskauerin, die wegen Corona ihre Wohnung kaum mehr verlässt: «Ohne die Kuriere hätte ich ein Problem. Sie bringen mir alles, was ich brauche.» Seltenes Lob für Leute, die sonst wenig Beachtung finden in der glitzernden russischen Hauptstadt.

Leere Strassen in Moskau.
Legende: Die Stadt ist wie ausgestorben. Da kommt einem das Gesicht eines «Gastarbeitery» wie eine Abwechslung vor. SRF/David Nauer

E-Commerce ist in Moskau schon vor der Krise ein boomendes Geschäft gewesen. Es gibt nichts, was sich der bewegungsfaule Städter nicht nach Hause liefern kann. Besonders bei Lebensmitteln ist die Konkurrenz gross, seit der Internetkonzern «Yandex» ins Geschäft drängt. Die Firma wirbt damit, dass die Einkäufe innert 15 Minuten nach Eingang der Bestellung beim Kunden sind. Das funktioniert dank zahlreicher dezentraler Lager – und weil die Kuriere Akkordarbeit leisten.

Der Job sei hart, sagen die jungen Männer vor dem Weissrussischen Bahnhof denn auch. «Wir arbeiten 14 oder auch mal 20 Stunden. Je nachdem», erklärt Ilaman. 800 bis 900 Franken verdiene er pro Monat.

Einen grossen Teil davon schickt er in die Heimat wie die meisten seiner Landsleute. Zentralasien hat einst zur Sowjetunion gehört. Die Länder sind inzwischen unabhängig, aber grösstenteils sehr arm. Für viele Junge gibt es nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen: als Gastarbeiter in Russland. Sie machen die Jobs, die sonst niemand will: Taxifahren, putzen oder eben als Kuriere Bestellungen liefern.

Velo-Kurrier in Moskau
Legende: Die Kuriere arbeiten bis zu 20 Stunden bei einem miserablen Verdienst. In der Krise besser als nichts. SRF/David Nauer/symbolbild

Finanziell bringe ihnen die Coronakrise bisher nicht viel, sagen Ilaman und seine Kollegen. Zwar meldet die ganze E-Commerce-Branche Rekordumsätze. Aber es gibt nicht nur mehr Bestellungen, sondern auch mehr Kuriere. Zahlreiche Kellner, Bauarbeiter und Taxifahrer, die wegen der Krise den Job verloren haben, haben umgesattelt.

Während des Interviews schauen die Kuriere vor dem Weissrussischen Bahnhof immer wieder auf ihre Handys. Und einer nach dem anderen verabschiedet sich – auf zu einer neuen Bestellung.

Heute Morgen, 4.5.2020, 7 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Lucas Otávio Lima  (lucaslima)
    Und man hört nichts über den Helden der Färöer Inseln. Die haben das Coronavirus nur mit Hilfe eines Tierarztes unter Kontrolle behaltet. Er hat spezielles Equipment gekauft und alle selber auf Covid-19 getestet und so konnte man Rechtzeitig alle unter Isolation stecken. In der Schweiz ist das BAG und die Humanmediziner zu Stolz die Tierärzte um Hilfe zu fragen, obwohl sie mehr Erfahrung mit Coronaviren mitbringen als die Humanmediziner.
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    1. Antwort von Felix Hasler  (Felix-dG)
      Meinen Sie? Also wenn dem so sein sollte, dann würden Tierärzte eine Rolle spielen. Das hat doch nichts mit stolz zu tun - kann ich mir nur schwer vorstellen.
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  • Kommentar von Christopher Prinz  (chp)
    Naja, auch die Schweiz brauchte eine Coronakrise um ihre niedrigbezahlten Arbeiter im Gesundheitswesen und an den Kassen der Läden etwas mehr zu schätzen.
    Genützt hat's ihnen bisher wenig und ich bin echt gespannt ob sich daran langfristig etwas ändert.
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    1. Antwort von Daniel Meier  (Danimeier)
      Natürlich hat es ihnen etwas genutzt. Es wurde ja weltweit für sie applaudiert. Ironie off
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  • Kommentar von Halbeisen Charles  (chh)
    900 Franken ist für Russland ein guter Lohn. Polnische Lehrer verdienen weniger.
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    1. Antwort von Halbeisen Charles  (chh)
      Es gibt Leute, die haben keine Ahnung von Russland, haben den Schweizer Lohn im Kopf, nee, das kann nicht stimmen -> reflexartig Daumen nach unten: Besser wäre, sich zuerst erkundigen: http://www.russland.news/wieviel-verdient-ein-russe-im-durchschnitt/
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    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Die Löhne in Russland sind nicht einheitlich. Der beschriebene Mann arbeitet in Moskau und dort lag der Durchschnittslohn Anfang 2019 bei ungefähr 1300 Euro, was ca. 1400 Dollar entspricht. Die Lebenshaltungskosten sind auch entsprechend höher.
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    3. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @C.H.: Ihre Information ist aus dem Jahre 2014 und somit nicht mehr wirklich aktuell. Das Median Gehalt fuer alle 92 Subjekte berechnet von Rosstat fuer 2019 war knapp 37900 Rubel was zum heutigen Kurs ziemlich genau CHF 500.-- entspricht. Achtung, hierbei handelt es sich um das "weisse Gehalt " (was der Steuerbehoerde deklariert wird). Ca. 40% der Russen/innen ehalten aber noch ein "graues Gehalt" im Briefumschlag, wen die Geschaeftslage gut ist und es erlaubt.
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    4. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      Diese Währungskurse-Vergleiche sind absolut irrelevant. In Tschechien z.B. beträgt der Durchschnittslohn zurzeit, so umgerechnet, ca. CHF 2000.- Nur! Man kann damit dort 4 bis 5 x besser leben als mit zwei Tausend Franken in der Schweiz. Nur Schweizer Touristen profitieren von Wechselkursen ( wenn sie ein paar Tage im Ausland verweilen).
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    5. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Gemäss meiner Ex-Freundin in St. Petersburg gehört offiziell zum Mittelstand, wer mehr als 17 000 Rubel verdient. Was sie natürlich als schlechten Witz bezeichnet.
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