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Legende: Audio «Alles was ich bin, verdanke ich der DDR» abspielen. Laufzeit 05:16 Minuten.
Aus Rendez-vous vom 09.09.2019.
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Ehemaliger SED-Generalsekretär «Keine Enttäuschung kann so gross sein, dass man Nazis wählt»

Egon Krenz stand an der Spitze der DDR, als der letzte Generalsekretär der Sozialistischen Partei. Nach dem Mauerfall verbüsste er wegen der Todesschüsse auf die Flüchtenden an der Mauer eine Gefängnisstrafe. Warum er China als erfolgreiches Beispiel sieht und wie er den Erfolg der AfD einordnet, erzählt er im SRF-Interview.

Egon Krenz

Egon Krenz

Ehemaliger SED-Generalsekretär

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Der 82-Jährige ist ehemaliger Pädagoge und Generalsekretär der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in der DDR. Nach dem Mauerfall sass er knapp vier Jahre im Gefängnis.

SRF News: Haben Sie sich mit der Geschichte der DDR, mit deren Ende und der deutschen Wiedervereinigung versöhnt?

Egon Krenz: Der Vorteil der deutschen Vereinigung war und ist, dass den Deutschen die Furcht genommen wurde, gegeneinander Krieg führen zu müssen. Diese Gefahr bestand in der Zeit des Kalten Krieges immer. Der Nachteil ist, dass heute wieder deutsche Truppen an der russischen Grenze stehen.

Demonstration mit Transparenten.
Legende: «Mit dem Untergang der Sowjetunion hatte die DDR keine Chance mehr», so Krenz. Keystone/Archiv

Hätte die DDR aus Ihrer Sicht überleben können oder war sie auch ökonomisch dem Untergang geweiht?

Die ökonomische Situation der DDR hat sicherlich eine Rolle gespielt. Aber es gibt heute auf der Welt viele Länder, die ökonomisch schlechter dastehen als damals die DDR, und trotzdem weiter existieren. Es gibt also nicht nur innere Ursachen dafür, dass es die DDR nicht mehr gibt. Die Sowjetunion und mit ihr die sozialistischen Länder Europas haben den Kalten Krieg verloren. Mit dem Untergang der Sowjetunion hatte die DDR keine Chance mehr.

Als die Mauer fiel, war die Wiedervereinigung noch nicht auf der Tagesordnung. Zuerst hiess es, «Wir sind das Volk» und es wurde eine reformierte DDR gefordert. Plötzlich ging es ganz schnell und viele wollten der Bundesrepublik beitreten. Woher dieser Sinneswandel der DDR-Bevölkerung?

Man darf nicht vergessen, dass im Zusammenhang mit den Demonstrationen in Leipzig und anderswo eine Kampagne gegen Amtsmissbrauch und Korruption in der DDR geführt wurde. Diese wurde von der alten Bundesrepublik gesteuert. Dadurch war der Drang bei vielen Menschen da, der Bundesrepublik beizutreten. Heute sieht man, dass nicht wenige Menschen über diese Entwicklung unglücklich sind.

Der Antifaschismus gehörte zur Staatsraison der DDR, quasi zur Muttermilch. Wie erklären Sie sich, dass in Ostdeutschland, namentlich in Sachsen, die AfD so viele Stimmen erhält?

Ich denke nicht, dass das irgendetwas mit dem Erbe der DDR zu tun hat. Die AfD wird zwar im Osten gewählt. Ich weiss aber aus vielen Gesprächen, dass in der Regel die Leute nicht das Programm der AfD wählen, sondern die AfD nur deshalb wählen, weil die anderen Parteien versagt haben.

Die Chinesen haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Staat. Sie vertrauen ihrem Staat.

Trotzdem – keine Enttäuschung über die Entwicklung seit 1989 kann so gross sein, dass Nazis oder Neonazis gewählt werden.

Sie sagen, dass der Sozialismus noch nicht tot sei und wünschen sich die chinesische Lösung als Ziel. Millionen wurden aus der Armut geholt. Andererseits ist es ein Land, wo man Bonuspunkte kriegt, wenn man sich richtig verhält. Möchten Sie wirklich in so einem Land leben?

Waren Sie schon mal in China?

Ja.

Und haben Sie dieses System schon mal selber gesehen?

Leute in Saal.
Legende: Die Chinesen hätten ein anderes Verhältnis zu ihrem Staat, meint Krenz. Keystone

Dieses System sieht man nicht, das erfährt man.

Man erfährt in Europa leider viel Falsches über China. Man darf die Lebensumstände, die man in Europa hat, nicht automatisch auf China übertragen. Wäre China so strukturiert wie Europa, dann würde es aus 57 Nationen bestehen. Ein Land mit 1.4 Milliarden Menschen muss anders geführt werden als ein Land wie die Schweiz. Bei aller Hochachtung vor der Schweiz, aber man kann weder die Lebensverhältnisse noch die politischen Umstände miteinander vergleichen. Die Chinesen haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihrem Staat. Sie vertrauen ihrem Staat.

Das Gespräch führte Peter Voegeli.

Legende: Video Aus dem Archiv: Gefängnis für Egon Krenz abspielen. Laufzeit 01:55 Minuten.
Aus Tagesschau vom 08.11.1999.
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56 Kommentare

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  • Kommentar von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
    «Keine Enttäuschung kann so gross sein, dass man Nazis wählt» Die Worthülse könnte auch von einem westlichen Politiker stammen.
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer  (Koni)
      Ich wehre mich gegen die Zuwanderung aus Ländern / Kontinenten ausserhalb Europas, da sie unsere Sozialeinrichtungen stark belasten. Ich möchte unsere eigene Kultur, Sprache und unsere wenigen Freiheiten die uns noch bleiben bewahren. Manche bezeichnen Menschen, die auf ihre Eigenständigkeit Wert legen, als NAZI obwohl diese mit dem Nazitum ganz und gar nichts am Hut haben. Das ist reine Verleumdung der Linken!
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  • Kommentar von Paul Schoenenberger  (Beaumont)
    Es ist etwas einfach heute über die damaligen Spitzen der DDR zu urteilen. Das sozialistische Gedankengut war vorhanden aber der absolute Zwang in der Gesellschaft wurde von den Sowiets vorgegeben. Eine freie Willensbildung war unmoeglich. Die deutsche Mentalitaet ist in fast allen Belangen sehr verschieden zur russischen d.h. sowietischen.
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    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Die Damaligen Spitzen, insofern sie heute noch vorhanden sind und sich öffentlich äussern, haben 30 Jahre Zeit gehabt sich eine freie Meinung zu bilden und dazu zu lernen. Wer heute noch der damaligen DDR nachtrauert hat somit definitiv etwas verpasst.
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  • Kommentar von Paul Schoenenberger  (Beaumont)
    Wenn man in anderen Laendern gelebt hat weiss man dass jedes Volk eine Seele hat. Die chinesische Seele liebt scheinbar starke Maenner und eine starke Führung. Es ist kein Zufall dass genau in solchen Laendern (genau wie Russland) der Kommunismus Fuss fassen konnte. Herr Krenz hat in dieser Beziehung recht. Was Deutschland angbelangt waeren grosse Fragezeichen angebracht. Die Volksseele hat immer eine Jahrhunderte alte Geschichte.
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    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Das was den Chinesen im letzten Jahrhundert angetan wurde hat sicher Spuren hinterlassen. Das was die Chinesen heute sind und tun der chinesischen "Volksseele" (gibt es das überhaupt) anzulasten, greift Welten zu kurz.
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