Zum Inhalt springen

Header

Audio
Was unterscheidet Trump von seinen Amtsvorgängern?
Aus Echo der Zeit vom 12.10.2020.
abspielen. Laufzeit 08:24 Minuten.
Inhalt

Ein beispielloser Präsident? Historiker: «Trumps Rhetorik in der US-Geschichte einzigartig»

Rhetorik und militärische Passivität: Das unterscheide Trump von anderen hemdsärmeligen Vorgängern, sagt ein Historiker.

Seit vier Jahren sorgt US-Präsident Donald Trump mit seinem Auftritt und seinen Vorhaben für Schlagzeilen. Ist er wirklich so anders als all seine Vorgänger? Der Historiker Ronald Gerste zieht den Vergleich.

Ronald D. Gerste

Ronald D. Gerste

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Der deutsche Historiker und Journalist Ronald D. Gerste ist Autor zahlreicher Sachbücher zur amerikanischen Geschichte. Ein Schwerpunkt sind dabei die Präsidentschaften. Gerste lebte in der Nähe von Washington D.C.

SRF News: Ist Donald Trump mit seiner Art des Politisierens einmalig in der US-Geschichte?

Ronald Gerste: Sicher in der neueren Geschichte der USA. Aber auch schon früher wurde polarisiert und kräftig ausgeteilt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Trumps Vorbild Präsident Andrew Jackson ist, der von 1829 bis 1837 regierte und einen sehr burschikosen Politikstil pflegte. Neu und für viele verwirrend, wenn nicht gar abstossend, ist die sehr persönliche Rhetorik. So war es früher undenkbar, einem ehemaligen Aussenminister nachzuwerfen, er sei «dumm wie ein Stein». Das geht über das manchmal hemdsärmelige Diskutieren in der US-Politik deutlich hinaus.

Neu und für viele verwirrend, wenn nicht gar abstossend, ist die sehr persönliche Rhetorik.
Autor: Ronald D. GersteHistoriker

Sie ziehen einen Vergleich zu Andrew Jackson. Können Sie ein Beispiel machen?

Jackson hat sich rhetorisch wenig zurückgehalten, besonders als er 1824 das erste Mal kandidierte. Es gab damals eine enge Wahl unter vier Kandidaten, und die Entscheidung musste letztlich im Kongress fallen. Damals taten sich die Stimmen und Anhänger von zwei der anderen Kandidaten zusammen, worauf Jackson von einer völlig korrupten Handlung sprach und den nachmaligen Vizepräsidenten schwer beschimpfte. Das war aber eine Zeit, als die USA noch jung und der Westen noch wild war. Was jetzt abläuft, unterscheidet sich aber doch stark, ging es doch damals persönlich noch immer halbwegs fair zu und her.

Trump wird vorgeworfen, er beschädige das Amt und die Institutionen. Gab es das bei Jackson auch schon?

Bei Andrew Jackson sagten das viele bisherige Eliten auch. Dessen Wahl gilt ein wenig als Durchbruch der Demokratisierung in dem Sinne, dass viele Menschen aus sozial schwächeren Schichten mitreden konnten und einen vermeintlichen «Champion» ihrer Sache im Weissen Haus hatten.

Auch Jackson war der Präsident der einfacheren Bevölkerung, was nicht den biografischen Realitäten entsprach, denn er war steinreich, mit grosser Plantage vor den Toren von Nashville und jeder Menge Sklaven.

Auch Jackson war der Präsident der einfacheren Bevölkerung, was nicht den biografischen Realitäten entsprach.
Autor: Ronald D. GersteHistoriker

Es entsteht der Eindruck, dass Trump ein Präsident der Weissen und der Wirtschaft ist. Gibt es andere solche US-Präsidenten?

Die US-Präsidenten waren alle nicht aus armem Haus. Wer es bis zur Präsidentschaft geschafft hat, hatte ein ordentliches privates Vermögen angehäuft und gehörte traditionell eher einer weissen Oberschicht an. Was sie allerdings unterschied, war die Fähigkeit, sich auch als Kämpfer für die anderen Ethnien darzustellen, auch wenn sie wenig Bezug dazu hatten. Zwei ganz prominente und positive Beispiele sind John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, welche die Bürgerrechtsgesetze nach vielen blutigen Tragödien auf den Weg brachten.

Hatten die USA je einen Präsidenten, der militärisch so zurückhaltend war wie Donald Trump?

Dieser Aspekt findet eigentlich überhaupt keine Beachtung. Was sicherlich für Trump spricht, ist die äusserste militärische Zurückhaltung. Er hat keinen neuen Krieg angefangen und kaum direkte Militäraktionen befohlen. Mir kommt nur der Raketenschlag gegen einen wohl schon leer geräumten syrischen Flughafen in den Sinn. Man muss zurückschauen bis auf Herbert Hoover, der von 1929 bis 1933 regierte, um Ähnliches zu finden.

Was sicherlich für Trump spricht, ist die äusserste militärische Zurückhaltung.
Autor: Ronald D. GersteHistoriker

Das Gespräch führte Roger Brändlin.

Echo der Zeit, 12.10.2020, 18:00 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

68 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Gustav Gugger  (Gustav Gugger)
    Trump hat zudem das Handelsbilanzdefizit der USA verkleinert (Handelskrieg mit China), sorgte für eine tiefe Arbeitslosigkeit, vermittelte zwischen Israel und den Arabischen Emiraten und entschärfte die Spannungen mit Nordkorea. Die Coronakrise kann man ihm nicht anlasten. Die USA haben prozentual etwa gleich viele Coronatote wie Schweden. Bei Schweden sagt man: "Es hat einen anderen Weg gewählt." Bei den USA sagt man aber: "Trump hat versagt."
    1. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Sie sehe Herr Trump aber sehr iealistisch.
      Die USA ist am Rande eines Bürgerkriegt und Trump tut nichts um die Lage zu beruhigen. Im Gegenteil er giesst noch Öl ins Feuer in dem er z.B. der Gouverneurin Vorwürfe macht, anstatt sich von rechtsextremen zu distanzieren. Das letzte Gespräch mit Nordkorea ist geplatzt. Seit dem haben sie nicht mehr getroffen. Kim Yon uns Gerede von einer neuen Waffe klingt auch nicht nach Entspannung. Die Arbeitslosigkeit sank schon unter Obama.
    2. Antwort von Thomas F. Koch  (dopp.ex)
      Im Gegensatz zum Handelsdefizit, das keine Schulden sind, ist das Staatsdefizit / Schuldenlast der USA schon vor Corona massiv gestiegen. Tiefe Steuern & gleichzeitig höhere Ausgaben geht rechnerisch nicht auf. Der Versuch scheiterte schon unter Reagan.

      In den Verträgen zwischen Israel und VAE, resp. Bahrain, gibt es Klauseln über Waffengeschäfte USA mit VAE/BHR, zB F-35 Jets.

      In Korea haben wir wieder den gleichen alten Zustand + neue NOK Interkonti-Raketen. Dazu DT schweigt.
    3. Antwort von marco borer  (Leidernein)
      Die Aussage bzgl Handelsdefizit ist leider falsch. Der war auf gutem weg das Defizit zu verkleinern (ob sinnvoll oder nicht so hier ignoriert (, aber Corona hat einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Defizit ist aktuell auf Rekordhöhe.
  • Kommentar von Gnägi Marlise  (biennensis)
    KEM Woran krankt heute die Welt? vor allem am Egoismus und an der Respektlosigkeit. Und über diese beiden Eigenschaften verfügt DT in aussergewöhnlichem Masse. Es ist nur zu hoffen, dass die Armen und der Mittelstand dies noch merken bevor der Rest der Welt diesen Typen noch vier weitere Jahre ertragen muss mit unsäglichen Folgen für die Umwelt und den Rest der Welt.
    1. Antwort von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
      Schauen Sie sich erst die Machenschaften der Gegner von Trump, um den gewählten Präsidenten zu stürzen und selbst an die Macht zu kommen. Da ist Trump geradezu ein Lamm im Vergleich. Bei Trump ist der Verlogenheitsfaktor eindeutig tiefer.
    2. Antwort von Thomas F. Koch  (dopp.ex)
      Bei Trump wurden schon Zehntausende an teilweise und völlig falschen Aussagen nachgewiesen.
      Die rep. Senatoren, die vor vier Jahren in alle Mikrofone und Kameras sagten, dass sie auch unter einem rep. Präsidenten keine Bundesrichter in einem Wahljahr zulassen wollen, tun jetzt genau das und damit das Gegenteil von dem was sie versprachen.
      Was die Reps bei Clinton machten, war auch nicht OK.
      Nicht, dass die Demokraten unschuldige Lämmer sind. Da unterscheiden sich beide Seiten nicht gross.
  • Kommentar von Luis Frei  (LFrei)
    Deutschsprachige Journalisten machen stets den fundamentalen Fehler, ausgehend von völlig falschen Assoziationen und einem subjektiven Blickwinkel, Verallgemeinerungen und Schlussfolgerungen zu schildern, die bei weitem nicht einen Hauch von Wahrheit enthalten können. Einerseits wird die «Zeitkomponente» wie in einem Comicheft verzerrt, andererseits bleibt die Objektivität auf der Strecke, indem beispielsweise menschliche Eigenschaften rein ideologisch geprägt, dargestellt werden.