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International Ein geschwächtes Europa ist kein Grund zum Jubeln

Der Austritt Grossbritanniens aus der EU verringert das Gewicht Europas auf der Weltbühne. Und das ist nicht gut für die Welt. Eine Analyse.

Nigel Farages Anhänger schwenken britische Fähnchen.
Legende: Nigel Farage (unten Mitte), Chef der United Kingdom Independence Party, feiert den Brexit. Reuters

Die Zeiten sind lange vorbei, als Europa der Nabel der Welt war. Doch bis heute bringt die Europäische Union viel Gewicht auf die Waage. Sie ist – knapp vor den USA und auch vor China – die Wirtschaftsmacht Nummer eins. In den G7 haben die Europäer mit vier von sieben Stimmen eine Mehrheit. Mit Frankreich und Grossbritannien stellen sie zwei von fünf UNO-Vetomächten.

Gewiss: Die EU-Länder sind sich nicht immer einig. Aber sie treten trotz aller Differenzen auf der internationalen Bühne oft als ein Block auf. Die EU ist denn auch ein Akteur, mit dem die übrigen Grossmächte und Machtblöcke zu rechnen haben.

Werte schlechter durchsetzen

Mit dem Austritt Grossbritanniens verliert die EU nun an Gewicht. Sollte das britische Beispiel Schule machen und andere Länder austreten, würde sich dieser Effekt noch verstärken. Hinzu kommt, dass ein Europa, das jetzt jahrelang in Turbulenzen stecken und vor allem mit seiner Selbstfindung befasst sein wird, sich weniger Respekt verschaffen kann. Zudem kann es seine Ziele und Werte schlechter durchsetzen.

Militärisch wird dies weniger auffallen. Denn die Nato existiert weiterhin, und Grossbritannien bleibt Mitglied. Auch gibt es im Militärbündnis den mächtigen Partner USA. Politisch und wirtschaftlich jedoch ist der Gewichtsverlust bedeutsam. Er wird rasch spürbar werden, zumal Europa und die USA oft nicht am gleichen Strick ziehen.

Keine frohe Botschaft

Europas Gewichtsverlust mag jene freuen, die – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Untergang der Kolonialreiche – immer noch überall westliches Dominanzstreben und westliche Überheblichkeit sehen. Doch für die Welt insgesamt und für die Völker rund um den Globus ist ein schwächeres Europa keine frohe Botschaft.

Um drei Beispiele dafür zu nennen: Es waren die europäischen Länder – angetrieben von Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftlern –, die den Klimawandel zum grossen Thema gemacht haben. Es waren nicht die USA, Russland, China, Indien oder Saudi-Arabien. Es sind die EU-Staaten, die sich am konsequentesten für die Menschenrechte einsetzen, auch wenn sie selbst gewiss nicht immer Musterknaben sind. Und es sind die Europäer, die entwicklungspolitisch am grosszügigsten sind.

Freude bei Potentaten

Ein geschwächtes Europa ist deshalb kein Anlass für Jubel. Freuen dürfen sich einzig die Potentaten und Autokraten dieser Welt: Robert Mugabe, Xi Jinping, Ali Chamenei, König Salman und ihresgleichen – und mit ihnen all jene, welche die Werte verachten, die Europa hochhält.

Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

35 Kommentare

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  • Kommentar von markus aenishaenslin (aenis)
    Die Sowjetunion hat noch keine Hundert Jahre überlebt, die EU wahrscheinlich nicht einmal fünfzig Jahre. Sie werden den gleichen Weg gehen wie all die Reiche vor Ihnen, nichts wird auf die länge bestand haben. Die Frage ist wie wird die EU einmal enden, im Frieden, mit Gewalt gegen all diejenigen die sich für ein EU Ausstieg stark machen. Nach den Akteuren im heiss geliebten Hofstaat zu Brüssel soll kein Ausstieg mehr vorkommen, also haben die Briten den richten Zeitpunkt noch erwischt.
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  • Kommentar von Jacqueline Zwahlen (Jacqueline Zwahlen)
    Und plötzlich sehen alle die Schwächen und Fehler der EU. Interessant. Manchmal braucht es halt doch einen Chlapf zum Grind, um zur Besinnung zu kommen.
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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Zeit für einen Neustart der EU. Dieses Votum zeigt die schwere Krise der EU. Auf der anderen Seite bricht der BREXIT den europäischen Status Quo unumstösslich auf. Es ist auch ein Bruch, der die historische Chance eröffnet, den Menschen in Europa ihre Stimme zurückzugeben. EU = für einen sozial gerechten, friedlichen und demokratischen europäischen Kontinent der Hoffnung. Für ein Europa der Menschen, nicht der Konzerne und Bürokratie von Brüssel.
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