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Briten dürfen wieder ins Pub
Aus Echo der Zeit vom 03.07.2020.
abspielen. Laufzeit 05:15 Minuten.
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Ein «unveräusserliches Recht» Briten bekommen ihr zweites «Wohnzimmer» zurück

Am Samstag machen nach 100 Tagen Lockdown die Pubs wieder auf. So gemütlich wie früher wird es vorerst nicht werden.

Als der britische Premier Boris Johnson letzte Woche im Parlament verkündete, dass das «unveräusserliche Recht eines freien Briten, ein Pub zu besuchen» wieder in Kraft tritt, war die Erleichterung im Unterhaus deutlich hörbar: «Hallelujah!»

Freude in der «Roten Kuh»

Aufgeatmet hat auch Tom Dylan in der «Roten Kuh» in Richmond im Südwesten Londons. Dylan betreibt das Pub mit den dunklen Eichenbalken, den grünen Wänden und dem roten, hölzernen Kuhkopf seit 40 Jahren.

Die letzten 100 Tage hätten ihn krank gemacht, sagt er: «Ich habe es vermieden, in mein Lokal zu gehen. Denn die ‹Rote Kuh› war nicht mehr der Treffpunkt des Quartiers, sondern ein Geisterort. Ein Abbild des nationalen Lockdowns. Ein Anblick, der mich traurig machte.»

«Red Cow»-Besitzer Tom Dylan.
Legende: 100 Tage ohne «Red Cow» leben war kein leichtes Unterfangen. Betreiber Tom Dylan ging gar nicht erst hin. SRF

Ein Pub ist eine Mischung aus Bar, Schankstube und Wohnzimmer. Ein Ort, wo der Feierabend eingeläutet, aber auch debattiert und gespielt wird: Darts, Billard oder das typische Pub-Quiz. Das Pub ist ein zweites Zuhause, ein informelles Netzwerk, ein Treffpunkt.

Die ‹Rote Kuh› war nicht mehr der Treffpunkt des Quartiers, sondern ein Geisterort. Das war ein trauriger Anblick.
Autor: Tom DylanBetreiber der «Roten Kuh» im Südwesten Londons

Und was selbst Tom Dylan immer noch beeindruckt: Im Pub existieren keine sozialen Barrieren. Es ist das Gegenbild der britischen Klassengesellschaft. Alle sind gleichwertig. An der Bar steht der Millionär neben einem Strassenarbeiter und sie debattieren miteinander.

Man identifiziert sich mit seinem Stammlokal. Das musste Tom Dylan vor einigen Jahren erfahren, als er sein Lokal neu gestrichen hat. Das neue Grün war ein bisschen heller als das alte. Das sei gar nicht gut angekommen: «Die Leute haben es nicht gern, wenn man ohne zu fragen ihr Wohnzimmer neu streicht.»

Eine Öffnung mit vielen Fragezeichen

Die Öffnung der Pubs hat in Grossbritannien in den vergangenen Tagen viel zu reden gegeben. Die Polizei fürchtet wüste Szenen. Kritiker sind empört, dass Pubs früher wieder öffnen dürfen als die meisten Schulen.

100 Tage ohne «Red Cow» leben war kein leichtes Unterfangen. Besitzer Tom Dylan ging gar nicht erst hin.
Legende: 100 Tage ohne «Red Cow» leben war kein leichtes Unterfangen. Besitzer Tom Dylan ging gar nicht erst hin. SRF

Tom Dylan ist nicht sicher, ob sich die Leute tatsächlich wieder aus dem Haus wagen. Eine kleine Umfrage auf der Strasse zeigt, dass seine Befürchtungen nicht ganz unbegründet sind.

«Einsamkeit macht auch krank»

Ein Passant stellt fest: «Schön, wenn die Pubs wieder aufgehen, nur werden die Regeln sehr strikt sein. Soziale Distanz, Desinfektionsmittel. Reservierte Plätze. Das wird hart.» Eine Passantin ergänzt: «Da wird das Chaos herrschen. Die Leute werden völlig aus dem Häuschen sein – da gehen wir lieber nicht hin.»

Tom Dylan zuckt mit den Schultern. Man werde sehen. Das Virus sei gefährlich, aber Einsamkeit mache auch krank. Sagts, erhebt sich, schlurft hinter die Theke und drückt einige Knöpfe an Musikanlage: I want see my friends – was hier ertönt, ist die Hymne der «Roten Kuh».

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Legende: Die «Red Cow» ist bereit: Wieviele Menschen bereits wieder kommen werden, ist offen. SRF

Soziale Distanz und Pub - geht das überhaupt?

Am Samstag wird sie nur ganz leise zu hören sein. So wollen es die Regeln: Aus zwei Metern sozialer Distanz machten die Behörden zwar «einen Meter plus». Aber nur bei leiser Musik, damit die Leute weder singen noch laut reden.

Die Gäste dürfen zudem nicht an der Bar stehen, sondern müssen an reservierten Tischen sitzen. Keine Musik sei ganz schlecht fürs Geschäft, sagt Tom Dylan. Denn die gehöre wie das Singen zum Pub: «Doch unabhängig davon, ob soziale Distanz und Pub ein Widerspruch sind – wir müssen die Regeln zum Schutz unserer Gäste umsetzen.»

Ob sich die Gäste an die Regeln halten werden, ist eine andere Frage. Die Wahrscheinlichkeit, dass nach drei Gläsern Bier aus einem Meter «plus» ein Meter «minus» wird, ist so gross wie real.

Echo der Zeit, 03.07.2020, 18:00 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Hansjürg Kipfer  (sdomingo)
    Lieber Herr Baron, Sie scheinen ein regelmässiger Pubgänger zu sein, was Sie in die Lage versetzt über die britische Pubkultur derart qualifiziert berichten zu können.
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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Die Entlische Pub-kultur ist mir ein Graus: Meistens ungebildet, dümmlich, laut und blöd. Immer die gleichen blöden Floskeln, Machogehabe und bierseliges Faustrecht wie im Mittelalter. Es wird Zeit dass auch England mal einen Schritt ins Informationszeitalter macht, wo Netzwerke auch mal über den besoffenen Kumpel von nebenan hinausgehen. Vielleicht werden Gespräche dann mal weniger stereotyp und damit vielleicht auch mal inhaltsreicher und interessanter.
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    1. Antwort von Udo Gerschler  (UG)
      Ein Glück das sich die ungebildeten,Dummen oder ständig Betrunkenen wie ich sich nicht nach ihnen richten müssen und auch mal außerhalb des Netzwerkes Internet mit all seiner Hässlichkeit treffen dürfen.
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    2. Antwort von Peter Steiner  (pcsteiner)
      Waren Sie schon mal in einem Pub oder haben Sie Ihre Meinung im TV oder Compi gebildet?
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    3. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Steiner,
      Ich hatte die zweifelhafte Ehre mehrmals während Monaten in England arbeiten zu dürfen. Die Tiefpunkte meines Lebens - aber mangels sozialer Alternativen ein Mustertraining an Selbstbeherrschung und Ich-Erfahrung :-) - Muss man mal durch - und kann dann schreiben wie es - aus Distanz betrachtet - ist!
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