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International Eine kleine Gewerkschaft zieht gross auf

Während in Deutschland die Situation für die Bahnreisenden immer unübersichtlicher wird, gerät eine kleine Gewerkschaft immer mehr in den Fokus. Wie ist es möglich, dass die Gewerkschaft mit ihrem Streik fast das gesamte Bahnnetz lahm legen kann?

Claus Weselsky
Legende: GDL-Chef Claus Weselsky Reuters

Eigentlich sind die Verhältnisse klar: Hier die grosse Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die 209'000 Mitglieder zählt. Auf der anderen Seite die sechsmal kleinere Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Trotzdem vermag es der GDL-Chef Claus Weselsky fast das ganze deutsche Eisenbahnnetz lahm zu legen.

Der Grund sind die Lokomotivführer. Die GDL vertritt über 80 Prozent des Berufsstandes und besitzt damit über eine grosse Schlagkraft. Die Lokomotivführer, die sich am Streik beteiligen, lassen sich nicht ersetzen; die Züge stehen still. Zwar versuchen die restlichen 20 Prozent der Lokomotivführer, die nicht vertreten werden, den Bahnverkehr zu stemmen. Aber die Streikauswirkungen sind verheerend. Vor allem im Osten Deutschlands. Hier vertritt die streikführende Gewerkschaft bis zu 85 Prozent der Lokomotivführer. Im Süden sind es 60 Prozent.

Legende: Video Deutsche Bahn abspielen. Laufzeit 1:41 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 06.11.2014.

Zentrales Motiv des Streiks ist die Forderung um eine 5-%-Lohnerhöhung. Die Deutsche Bahn (DB) weigert sich aber dem GDL entgegen zu kommen. Gemäss SRF-Korrespondent Adrian Arnold hat die GDL mit ihrer jüngsten Forderung und dem viertägigen Streik die Sympathien in der Bevölkerung verloren. In den sozialen Medien wird Weselsky zum Teil massiv verleumdet.

Und als wäre das nicht genug, wird der GDL-Chef auch in den Medien hart angegriffen. Der «Spiegel» nennt ihn «unbeugsam, unkorrumpierbar, unbelehrbar». Den 55-Jährigen ficht so etwas nicht an. Er beruft sich auf das «grundsätzlich verbriefte Recht» des GDL zu streiken.

Über seine persönlichen Motive lässt sich nur spekulieren. Der zweimal verheiratete Schlosser ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hat sich nach der Wende als Funktionär hochgearbeitet. Pikant an der aktuellen Eskalation ist, dass Weselsky vor einiger Zeit den lukrativen Posten des Personalvorstands bei der Deutschen Bahn angeboten bekam. Diesen Job hat er aber abgewiesen.

SRF-Korrespondent Adrian Arnold sieht in Claus Weselsky einen unnachgiebigen Verhandlungspartner. Er weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nach seiner Einschätzung der GDL-Chef nur dann auf eine Verlängerung des Streiks verzichten wird, wenn der Druck innerhalb der Lokomotivführer zunimmt.

Dauer des Bahnstreiks

Der angekündigte Streik soll noch bis Montag, 10. November, dauern. Die Deutsche Bahn hat einen Einsatzfahrplan erstellt.

Lesen Sie hier mehr:

Deutsche Bahn zückt die Juristen-Keule

SBB-Zugführer für Deutschland?

Laut Reto Schärli, SBB-Mediensprecher, fehlt den Schweizer Lokomotivführern die Zulassung, im deutschen Schienennetz Passagiere zu befördern. Eine Ausnahme gilt lediglich für den Gütertransport.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Dupond, Vivis
    "Unkorrumpierbar" darf ein Gewerkschaftsfuehrer wirklich nicht mehr sein. Besonders wenn er - wie viele andere - auf einen noch fetter gepolsteren Sitz der Arbeitgeber oder deren privaten Hirnwaschmedien ueberzulaufen beabsichtigt....
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  • Kommentar von peter müller, zürich
    Der Hauptgrund besteht darin, dass man 1994 die Deutsche Bundesbahn privatisiert hat. Vorher waren alle Staatsangestellte ohne Streikrecht. Ohne Lokführer ist die Eisenbahn nur ein grosser "Haufen Metall". Salär Mittelwert 2400 EUR Brutto. Lokfüher Schweiz ca 5500. Die deutschen Saläre sind extem tief und rechtfertigen auf jeden Fall einen Streik. (Erhöhung 100 EUR). Der Organisationsgrad ist sehr hoch >60%.
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    1. Antwort von Jens Brügger, Schaffhausen
      Genau! Endlich einmal ein guter, sachlicher Kommentar. Selbst im Vergleich mit Italien verdienen die deutschen Lokführer doch ziemlich wenig. Die deutschen MSM hetzen derzeit ja geradezu gegen den Gewerkschafts-Chef, was ich sehr bedenklich finde.
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    2. Antwort von Heiko Rach, Meersburg
      Der Grund für die "Hetze" gegen Weselsky liegt darin, dass er jetzt fordert zukünftig nicht nur seine Lokführer zu vertreten sondern auch sonstiges DB Personal, welches bisher durch andere Gewerkschaften vertreten wird. Es geht in diesem Streik auch nicht mehr ums Geld sondern darum die GDL zu vergrössern.
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