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International Einsame Wölfe sind «nützliche Idioten» für den IS

Der Attentäter von Nizza war gemäss derzeitigen Erkenntnissen ein sogenannter «Einsamer Wolf». Ein Mann, der autonom agierte und keinen Auftrag von einer dschihadistischen Gruppe zum Anschlag erhielt. Solche Taten könnten in Europa zunehmen, sagt Politologe Hartleb.

Ein weisser Lastwagen mit Einschusslöchern in der Windschutzscheibe, mehrere Personen in weissen Schutzanzügen stehen darum herum.
Legende: Die Tatwaffe des Mörders von Nizza: Ein Lastwagen. Reuters

Noch immer ist nicht bekannt, was den Täter von Nizza, der am Donnerstag über 80 Menschen mit einem Lastwagen totgefahren hatte, zu seiner Tat bewegte. War es eine «Express-Radikalisierung» des kriminell aufgefallenen Tunesiers, die ihn antrieb, wie französische Medien schreiben?

Klar scheint, dass es sich um einen «Einsamen Wolf» handelte. Mit dem Phänomen der radikalisierten Einzeltäter, die zu allem entschlossen aber kaum mit Komplizen vernetzt sind, hat sich Florian Hartleb beschäftigt. Der Politikwissenschaftler warnt davor, dass in Europa weitere ähnliche Gewalttaten verübt werden könnten.

SRF News: Sie glauben, dass es sich beim Täter von Nizza um um einen «Lone Wolf» handelt, wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Florian Hartleb: Es scheint, dass er allein zu Gange war, jedenfalls, was den Tathergang betrifft. Es kann sein, dass er im Vorfeld der Bluttat übers Internet Kontakte gesucht oder sich andere «Einsame Wölfe» zum Vorbild genommen hat. Bei der Ausführung der Tat war er aber alleine, er hat dafür auch keinen direkten Auftrag des IS erhalten.

Legende: Video Reportage: Nizza nach dem Terror abspielen. Laufzeit 4:12 Minuten.
Aus 10vor10 vom 18.07.2016.

Wenn Täter wie jener in Nizza alleine, ohne Anweisung handeln: Was bedeutet das für die Dimension des Terrorismus'?

Dieses Phänomen ist sehr schwierig zu bekämpfen. Schon seit einigen Jahren rufen radikal-islamistische Organisationen zu solchen Anschlägen durch Einzeltäter in Europa auf. Besonders frustrierte Migranten fühlen sich hier angesprochen. Sie sind eine Art «nützliche Idioten» für die Propaganda von Al Kaida oder dem IS.

Ist es ein Zufall, dass das Phänomen des «Einsamen Wolfs» nun in Frankreich auftaucht, wo die terroristische Bedrohung derzeit als sehr gross eingestuft wird?

Im Unterschied zu den Anschlägen von Paris oder Brüssel – dort verübten kleinere Terrorzellen die Bluttaten – war in Nizza ein Einzeltäter am Werk. Ausserdem ist ein Anschlag mit einem Lastwagen, der Menschen totfährt, sehr schwer zu verhindern. Wir kennen ähnliche Taten bisher vor allem aus Ägypten oder Israel. Für Europa ist das Phänomen eher neu, entsprechend schwierig war es, die Tat zu verhindern.

Man muss mit weiteren ähnlichen Taten rechnen – auch in Deutschland.

Was heisst das für die zukünftige Terrorismus-Bekämpfung?

Möglicherweise kommt es – zumindest in den europäischen Hauptstädten – zu einer Art israelischen Zuständen, was die Sicherheit betrifft. So hat Präsident François Hollande ja umgehend den Ausnahmezustand in Frankreich verlängert. Die Präsenz von Polizei und Armee in der Öffentlichkeit wird also weitergeführt, nun sollen sogar Reservisten mobilisiert werden. Das aber sorgt auch für öffentliche Paranoia und man läuft so Gefahr, den Terroristen auf den Leim zu gehen. Bereits hat sich die allgemeine Terrorangst in Europa verstärkt, nicht zuletzt auch wegen der sehr hohen Zahl der Opfer, die in Nizza zu beklagen sind.

Was kann man dagegen tun, um die Gefahr solcher Anschläge durch «Einsame Wölfe» zu mindern?

Politiker müssen jetzt vorgeben, was zu tun ist. Nicht nur in Frankreich – aber hier stehen bald Wahlen an – sondern überall in Europa sind radikale Rechtspopulisten auf dem Vormarsch, die jetzt eine grundsätzliche Debatte über die Gefahr des Islam anstreben. Ihr Ziel ist es, Islam, Islamismus und Terror gleichzusetzen. Zudem muss Europa die Flüchtlingsproblematik lösen, die auch von anderen Faktoren, wie etwa der Situation in der Türkei, beeinflusst wird. Natürlich wird nun nach dem Terror von Nizza gefordert, dass man international vorgehen müsse. Doch gegen diese «Einsamen Wölfe» wird das nicht viel bringen. Es muss also durchaus damit gerechnet werden, dass es schon bald wieder zu ähnlichen Taten kommen wird, etwa auch in Deutschland.

Was bedeutet es in dieser Situation, wenn die Rechtspopulisten weiter an Boden gewinnen in Europa?

Dadurch wird die Europäische Union tendenziell geschwächt, es kommt vermehrt zu nationalen Alleingängen. Auch werden die symbolischen Massnahmen, wie etwa in Frankreich, verstärkt. Es kommt zu verstärkten Grenzkontrollen und beispielsweise Rasterfahndung. Auch wird man sich nach Nizza überlegen müssen, was es bedeutet, wenn ein Migrant mit oder ohne Staatsbürgerschaft kleinkriminell auffällig wird. Dadurch wird es zu einer verstärkten «Law-and-Order»-Politik kommen.

Das Gespräch führte Philippe Chappuis.

9 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Nützliche Idioten? Da denke ich an ganz andere Zeitgenossen! Man lese "Das Heer der Heiligen" (1973!!) von Jean Raspail und man weiss wen ich meine.
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    1. Antwort von Reto Camenisch (Horatio)
      Dass Sie eine 'Bibel ' der Rechtsextremen zitieren ist eigentlich typisch, um in der Diskussion des Terrorismus gerade die ganze Migration, wenn nicht gar die Ausländerfrage in einen Topf zu werfen, eine Apokalypse, welche überall gesehen wird.
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    2. Antwort von m. fischbacher (mifi)
      Camenisch: Wenn Sie den Schriftsteller Jean Raspail als Rechtsextremen verunglimpfen wollen, was ist dann Orson Welles für Sie? Ein Verschwörungstheoretiker???
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Einsame Wölfe! So einsam können sie nicht sein, bedenkt man die vielen Anschläge der letzten Zeit. Geisteskrank sollte man deren Verblendung auch nicht nennen. Die sind schlicht falsch konfiguriert. Bricht das Gebilde des Daesh (IS) zusammen, werden viele von ihnen fliehen müssen. B. al-Assad wird bekanntermassen nicht zimperlich mit ihnen umgehen. Das wird dann die letzte Flüchtlingswelle für Europa sein.
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    1. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Nicht die letzte, aber eine der giftigsten, Herr Kerzenmacher. Hier wird man erst die Augen entsetzt weiten, wenn das Chaos losbricht, vorher geruht man wohlig zu träumen, in süssen, vermeintlich unverbindlichen Moralitäten zu schlummern.
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  • Kommentar von Ursula Schüpbach (Artio)
    "Es muss also durchaus damit gerechnet werden, dass es schon bald wieder zu ähnlichen Taten kommen wird, etwa auch in Deutschland." Vor allem kann man damit rechnen, dass man durch einen natürlichen Tod ohne Gewalteinwirkung stirbt. Krankheiten, Unfall etc.
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    1. Antwort von m. fischbacher (mifi)
      "Vor allem kann man damit rechnen, dass man durch einen natürlichen Tod ohne Gewalteinwirkung stirbt. Krankheiten, Unfall etc." Ein schwacher Trost für all die vielen unschuldigen Menschen, die in jüngster Zeit durch den religiös-fanatischen Terror ihr Leben lassen mussten...
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    2. Antwort von A Züger (zua)
      U.Schüpbach: Selten so was Despektierliches und Pietätsloses gegenüber Terror Opfern gelesen. Sagen Sie das der Mutter, die ihr Kind verloren hat: es hat halt früher gehen müssen… Wundert eine schon, was bei SRF Netiquette so alles durchgeht, wenn es von bestimmter Richtung kommt.
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    3. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      In Europa sterben pro Jahr gegen 30'000 Menschen im Strassenverkehr. D.h.: Selbst die Wahrscheinlichkeit von einem Idioten ohne bösartige Absicht überfahren oder abgeschossen zu werden, ist um Grössenordnungen höher. ISIS finanziert sich übrigens indirekt verstärkt durch Europäer, welche mit Benzinschleudern unterwegs sind und sich nicht an Geschwindigkeitslimiten halten. Wer weniger Tote im Strassenverkehr will und gleichzeitig ISIS schaden möchte, nimmt den ÖV oder fährt langsamer/sparsamer.
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