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International Elsässer wütend auf Paris: «Wir werden annektiert»

Gebietsreform auf Französisch: Die Pariser Regierung will die Zahl der Regionen von 22 auf 13 verkleinern – zum Leidwesen der Elsässer. Die Region an der Basler Grenze soll ihre Eigenständigkeit verlieren.

Französische Flagge weht im Triumphbogen
Legende: Geht es nach Paris, soll Frankreich nur noch aus 13 Regionen bestehen – unpopuläre Fusionen inklusive. Keystone

Geht es nach der Gebietsreform aus Paris wird die Region Elsass mit den Regionen Lothringen und Champagne-Ardenne zusammengelegt. Für viele Elsässer ein Affront: Sie haben Angst, noch weiter weg von Paris zu rücken, vor allem aber fürchten sie um ihre Identität.

In Saint-Louis an der Schweizer Grenze hört man im Marktgetümmel Französisch, ein wenig Badisch und viel Elsässisch. Der Elsässischen Marktkundschaft gefällt es gar nicht, dass es ihre Region von der politischen Landkarte verschwinden soll. Paris aber entscheide, auch wenn man überhaupt nicht einverstanden sei, klagt eine Frau.

Finanzielle Einbussen befürchet

Bei einem älteren Mann kommen Erinnerungen an die turbulente Geschichte des Elsass auf, das einmal französisch, dann wieder Deutsch und dann wieder französisch war: «Ich habe das Gefühl, wir werden nun ein drittes Mal annektiert.» Mit einem Teil Lothringens habe man immerhin die Kriegserfahrung gemeinsam – mit der Region Champagne-Ardenne rein gar nichts.

Die Regionen passen auch aus einem anderen Grund nicht zusammen, meint eine Marktfrau: «Die Einnahmen der Regionen sind sehr unterschiedlich. Wir werden überall beim Bezahlen helfen müssen.» Auf dem Markt von Saint-Louis glaubt niemand, dass die Reform den gewünschten Spareffekt bringt für den französischen Staat.

Eine Region – grösser als die Schweiz

Auch Jean-Marie Zoelle schüttelt den Kopf. Der Bürgermeister von Saint-Louis sitzt hinter seinem schweren Schreibtisch. Die Verschmelzung der Regionen komme höchstens teurer. Paris festige mit der Reform seine Macht, dabei wisse die Lokalpolitik am besten, ob es neue Strassen oder neue Spitäler brauche. «Wir sehen, wie es in Deutschland und der Schweiz läuft. Weshalb haben wir so etwas bei uns nicht in die Wege geleitet?»

Mit der Gebietsreform, passiere das Gegenteil. Die neue, grosse Region werde schwerfälliger. Die Dimensionen sprechen für sich: Die fusionierte Region Alsace-Lorraine-Champagne-Ardenne (Kurz Alca) ist grösser als die Schweiz, sie umfasst 10 Départements, 5000 Gemeinden, über 5 Millionen Einwohner. Das Elsass gehe darin unter, so Zoelle. Darum: «Das Elsass hätte alleine bleiben und ein Gebiet sein sollen, das für die Zukunft Europas steht.»

Zoelle gehe es nicht um Abschottung und Folklore. Das Elsass sei ein Spezialfall, weil man schon nach aussen orientiert sei – über den Rhein Richtung Schweiz und Deutschland. Man arbeite zusammen.

Was passiert mit dem Flughafen?

Die Gebietsreform als Gefahr für die Grenzüberschreitende Zusammenarbeit: Diese Befürchtung teilt auch der Direktor der Handelskammer beider Basel, Franz Saladin.

Aussenaufnahme des Flughafens Basel-Muhlhouse
Legende: Der Flughafen Basel-Muhlhouse: Sind grenzüberschreitende Projekte nach der Reform noch möglich? Keystone

Wenn die Region grösser werde, sei es noch schwieriger Unterstützung in Frankreich für grenzüberschreitende Anliegen zu finden. Aktuelles Beispiel ist der Flughafen Basel-Mulhouse. Dieser ist zwar auf französischem Gebiet, dort gilt aber Schweizer Recht. Dieses binationale Modell werde in Paris in Frage gestellt.

Die französischen Kollegen aus der Region hätten die Schweizer Anliegen stark unterstützt, sagt Saladin. Gemeinsam sei man gegen die Vorhaben aus Paris vorgegangen. «Diese Zusammenarbeit wird schwieriger, wenn die Region grösser wird.» Wenn die Abgeordneten im weiter entfernten Reims sitzen, sei ihnen der Flughafen Basel-Mulhouse nicht so wichtig.

Nächster Akt in der wechselvollen Geschichte

Auf dem Markt von Saint-Louis ist die Landesgrenze spürbar nah. Ein älterer Herr sagt, er habe in Basel gearbeitet und sei viel in Deutschland. Dies sei Teil seiner Identität: «Ich habe nichts gegen Frankreich, im Gegenteil: Ich bin gerne Franzose, aber ich fühle mich mehr als Regionalist des Dreiländerecks.»

Dieser regionale Geist solle weiterleben. Auch wenn die turbulente Geschichte des Elsass mit dem heutigen Entscheid des französischen Parlaments zur Gebietsreform um eine Episode reicher ist.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Diese Annektierung habe ich schon empfunden, als ich als Jugendlicher zum ersten Mal nach Strassburg reiste und feststellen musste, dass vor dem Bahnhof eine demonstrativ grosse franz. Fahne wehte und ich ausser bei einer Kioskverkäuferin überall nur Franz. hörte. Politisch, wirtschaftlich und steuertechnisch wäre diese Umverteilung sicher ein Nachteil, aber die deutsche Sprache würde dadurch nicht gefährdet. Deutsch gilt heute auch in FR als cool und als ein Zeichen für Bildung.
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    1. Antwort von Marcel Chauvet, Neustadt
      Das Elsaß hat sich von Frankreich romanisieren und zentralisieren lassen. Man wollte es ja nicht anders. Sprache und Sitte der Ahnen sind so gut wie ausgestorben. Da spielt es nun wirklich keine Rolle, wenn man diesen kleinen Landstrich mittels einer Gebietsreform mit anderen französischen Gebieten zusammenlegt und er sozusagen in diesen endgültig aufgeht.
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  • Kommentar von Martin Mirax, Basel
    Frankreich sollte endlich einen Artikel in seiner Verfassung aufnehmen, der den vorzeitigen Rücktritt des Staatspräsidenten regelt bei hochgrädiger Inkompetenz. Wann werden denn endlich in Europa Eignungsprüfungen für Politiker eingeführt?
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    1. Antwort von thomas frey, bern
      Gilt diese Prüfung auch für Schweizer Politiker oder sind diese dann ausgenommen, ... CH ist (noch) nicht in der EU ...
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  • Kommentar von Fritz Leisinger, Lörrach
    Ich habe vollstes Verständnis für die Elsässer.Allein von der Mentalität. dem grenzüberschreitenden Denken der menschen in dieser Region ( CH,D,F ) haben die Menschen in Paris, Bern oder Berlin keine Ahnung. Wir haben zum Grossteil Verwandte auf der anderen seite der Grenzen. Man denkt hier europäischer als in Hannover, Stans, Lyon. Hier im Dreiländereck schlägt das Herz Europas. Das begreifen die Politiker in Berlin, Paris und Bern nicht so richtig.
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    1. Antwort von Marcel Chauvet, Neustadt
      Also Berlin liegt das Elsaß 100%ig nicht am Herzen, was bestimmt auch nicht wünschenswert wäre, zumal wir in Deutschland über genügend andere Baustellen verfügen . Ich glaube auch nicht, dass es in Deutschland, deren Politikerklasse eingeschlossen, besonders viel historisch Bewanderte gibt, die wissen oder sich daran erinnern wollen, dass das Elsaß sozusagen mal der deutschen Kultur und Nationalität zugehörig war.
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