Sonnenschein an rund 300 Tagen pro Jahr. Weite, wenig besiedelte Landschaften. In der spanischen Extremadura ist es besonders lohnenswert, Solarstrom zu gewinnen. Deshalb sind dort in den letzten Jahren auch einige riesige Solarparks entstanden.
Auch die grösste Anlage Spaniens steht in der südwestspanischen Region. Zwei Millionen Solarmodule verteilen sich auf einer Fläche von 16 Quadratkilometern.
Vor wenigen Jahren sah es in dieser ruhigen, etwas abgelegenen Hochebene noch ganz anders aus. «Nichts, es gab gar nichts hier. Nur Felder mit Schafen. Und jetzt ist es wie in einem Industriegebiet», sagt Juan Antonio Morales.
Unter den Solarpanels wachsen keine Blumen, an denen Bienen Nahrung fänden.
Der studierte Biologe, der eine Bio-Imkerei führt, beklagt, die Solaranlagen brächten die Natur aus dem Gleichgewicht: «Unter den Solarpanels wachsen keine Blumen, an denen Bienen Nahrung fänden.» Zudem orientierten sich Bienen an der Sonne: «Und jetzt sollen sie durch Tausende Spiegel fliegen, die die Sonne reflektieren, das geht nicht. Dasselbe gilt auch für Vögel.»
Juan Antonio Morales hat aber nicht nur naturschützerische Bedenken. Die ländliche Gegend werde auch wirtschaftlich ausgenutzt. «Tatsächlich produziert die Extremadura mehr Energie als viele andere Regionen, und diese Energie fliesst zum Beispiel in die Region Madrid. Die wollen dort keine Photovoltaikanlagen, obwohl ihre Landschaft viel karger ist.»
Energiekolonialismus nennen das Aktivistinnen und Aktivisten in der Gegend. Die gigantischen Solaranlagen nähmen viel Land weg, brächten aber wenig Arbeitsplätze in die Gegend.
Es mag paradox erscheinen: Die sonnige Extremadura könnte die Vorzeigeregion für die Energiewende sein. Aber ausgerechnet hier gibt es viel Skepsis. Die gigantischen Solarparks tragen inzwischen sogar dazu bei, dass die Kernkraft wieder an Popularität gewinnt.
Das zeigt sich im nordöstlichen Teil der Region. Im Dorf Almaraz steht das grösste der fünf noch aktiven Kernkraftwerke Spaniens. Eigentlich soll die Anlage ab nächstem Jahr vom Netz genommen werden. So hat es die sozialistisch geführte Regierung von Pedro Sánchez 2019 beschlossen, zusammen mit dem vollständigen Ausstieg aus der Atomkraft bis 2035.
Doch Politik und Bevölkerung rund um Almaraz wehren sich. Und verlangen eine Betriebsverlängerung für das AKW. «Das Werk muss auf jeden Fall weiterlaufen», sagt eine ältere Frau, die am Dorfplatz wohnt. Schon ihr Vater habe fürs AKW gearbeitet, dann sie selbst, nun täten es auch ihre Kinder, erzählt sie.
Sollen wir künftig Solarpanels essen?
Alle in Almaraz seien auf das AKW angewiesen: «Ich hoffe, dass die Regierung zur Vernunft kommt. Und wenn nicht, soll sie abtreten und die Menschen hier glücklich und zufrieden leben lassen.»
Der Umstellung auf grüne Energie kann die Frau wenig abgewinnen: «Sollen wir künftig Solarpanels essen? Lieber noch vier Atomkraftwerke, bevor sie die ganzen Felder mit Solaranlagen überziehen.»
Lobbyarbeit für das AKW
Neue Kraftwerke stehen zurzeit zwar nicht auf der politischen Agenda, dafür aber die Betriebsverlängerung der bestehenden. Die regionale Vereinigung «Sí a Almaraz» weibelt dafür an allen Fronten.
Sie wandte sich sogar an den EU‑Petitionsausschuss. Mit Erfolg: Nach dem Besuch einer EU-Parlamentsdelegation hat der Ausschuss Anfang Mai eine klare Empfehlung an die spanische Regierung ausgesprochen: Das AKW Almaraz solle bis 2040 weitergeführt werden.
Schon länger liegt auch ein Verlängerungsgesuch der AKW-Betreiberfirmen vor. Ihr Hauptargument: die unsichere Lage in der globalen Energieversorgung wegen der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten.
Der Druck auf Madrid steigt also. Ob die spanische Regierung auf ihren Ausstiegsplan zurückkommt, sollte sich im Verlauf dieses Jahres entscheiden. Sie hat das Verlängerungsgesuch einstweilen an die nationale Atomaufsichtsbehörde weitergeleitet, die zuerst die Sicherheit der beiden Reaktoren beurteilen soll.
Zwei Drittel für Atomkraft
In der öffentlichen Diskussion scheinen die Kernkraftbefürworterinnen und -befürworter zurzeit wieder die Oberhand zu gewinnen. In der neuesten Umfrage des renommierten Elcano Instituts in Madrid sprachen sich zwei Drittel der Befragten dafür aus, dass die spanischen Atomkraftwerke länger als geplant weiterlaufen sollen. Vor zwei Jahren waren es noch weniger als die Hälfte.
Keine Freude daran hat Chema González in Navalmoral de la Mata, der Zentrumsstadt im Umfeld von Almaraz. Bei der regionalen Naturschutzorganisation Adenex ist er der Experte für Energiefragen. Der Ingenieur zog Anfang der 1980er in die Gegend, in der Zeit also, als das nahegelegene AKW Almaraz den Betrieb aufnahm.
Man will nicht dafür verantwortlich sein, dass Leute ihre Arbeit verlieren.
Damals gab es viele Proteste. Mit guten Gründen, findet González: «In den ersten Jahren war es ein Desaster. Pannen waren an der Tagesordnung, sogar die Betonstruktur machte Probleme.» Er hat die Geschichte des AKWs in einem Buch aufgearbeitet mit dem programmatischen Titel «Amanecer sin Almaraz» – «Sonnenaufgang ohne Almaraz».
Chema González ist überzeugt, dass die Energiewende in der Region eigentlich viel mehr Zuspruch habe, als die aktuelle politische Diskussion vermuten lasse. «Klar, wenn du fragst: ‹Willst du, dass Almaraz geschlossen wird?›, dann sagen die meisten nein. Man will nicht dafür verantwortlich sein, dass Leute ihre Arbeit verlieren. Die ganze Gegend ist noch dörflich, hier haben viele Angst davor, dass man mit dem Finger auf sie zeigt.»
Rückbau braucht auch Arbeitskräfte
Dabei könne die Region auch ohne AKW wirtschaftlich bestehen, die Gewerbe- und Industriegebiete boomten, seit das Ende der Atomkraft angekündigt worden sei. Ausserdem könne das Werk ja nicht einfach abgestellt werden. «Davon spricht nie jemand: Das AKW muss noch rückgebaut werden.» Das werde mindestens 15 Jahre dauern und mehrere 100 Angestellte benötigen.
Wirtschaft und Landschaft beziehungsweise Arbeitsplätze und Naturschutz. Das sind die beiden Aspekte, welche die Diskussionen um die Energiewende in der Extremadura und in ganz Spanien prägen.
Dass die Solarenergie nicht nur gut ankommt, das weiss man auch beim spanischen Verband für Photovoltaik Unef in Madrid. Direktor José Donoso sagt, er könne zwar verstehen, wenn Leute die riesigen Solarparks mitten in der Natur nicht schön fänden.
Das Konzept von hässlich oder schön verfängt nicht.
Er hält aber entgegen, ohne Grossanlagen ginge die Energiewende zu langsam. Die Zeit dränge im Kampf gegen den Klimanotstand. «Das Konzept von hässlich oder schön verfängt nicht: Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, wird sich die Landschaft, die angeblich durch eine Photovoltaikanlage zerstört wird, in eine Wüste verwandeln.»
Fundamentaler Systemwechsel
Zum möglichen Weiterbetrieb der spanischen AKW will sich Unef-Direktor José Donoso nicht direkt äussern. Er ist aber überzeugt, dass gerade ein fundamentaler Systemwechsel stattfinde.
«Wir kommen von einem System, in dem die Energieproduktion immer mehr Geld und immer komplexere Technologien benötigte – wie zum Beispiel bei AKW. Dies hat dazu geführt, dass sich der Stromsektor in den Händen einzelner immer grösserer internationaler Konzerne konzentrierte.»
Es handelt sich um eine einfache Technologie, die jedes Land, ja sogar jede einzelne Person nutzen kann. Damit wird das Modell aufgebrochen.
Mit der Solarenergie ändere sich das: «Denn es handelt sich um eine einfache Technologie, die jedes Land, ja sogar jede einzelne Person nutzen kann: Man kann Anlagen mit tausend Megawatt oder nur drei Kilowatt bauen. Damit wird das Modell aufgebrochen, es geht von einem hyperkonzentrierten zu einem absolut dezentralen Modell über.»
Für den obersten Solar-Lobbyisten ist klar: «Die Zeit der Sonnenenergie ist gekommen. Man kann es verzögern. Man kann uns Zeit verlieren lassen. Aber die Zeit ist gekommen.»
Die Zahlen geben ihm recht: Seit Anfang der 2020er Jahre hat sich die Stromproduktion aus Photovoltaikanlagen in Spanien mehr als verfünffacht. Gemäss der nationalen Netzbetreiberin Red Eléctrica hat die Sonnenenergie letztes Jahr sogar alle anderen Energiequellen überholt. Tendenz weiter steigend. Im sonnenverwöhnten Spanien ist der Solarumbau kaum mehr zu stoppen.