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Wie wirkt sich die Energiewende geopolitisch aus?
Aus Echo der Zeit vom 27.01.2020. Bild: zvg
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Energiewende und Geopolitik «Die heutigen Erdöl-Importeure werden die Gewinner sein»

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Erdöl nicht nur in der Wirtschaft eine zentrale Rolle gespielt, sondern auch in der Politik. Länder, die über Erdöl- oder Erdgasvorräte verfügen, hatten und haben gegenüber anderen einen geostrategischen Vorteil. Dazu gehören etwa Saudi-Arabien oder Russland.

Wenn nun die fossilen Brennstoffe eines Tages von den erneuerbaren Energien abgelöst werden, dann hat das Auswirkungen auf die Geopolitik. Welche das sein können, hat Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin untersucht.

Kirsten Westphal

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Kirsten Westphal leitet bei der «Stiftung Wissenschaft und Politik» in Berlin das Projekt «Geopolitik der Energiewende».

SRF News: Wer wird durch die weltweite Energiewende weg von den fossilen Energieträgern gewinnen?

Kirsten Westphal: Gewinner werden alle Länder sein, die jetzt die fossilen Energieträger wie Erdöl und Erdgas importieren müssen. Verlierer werden jene Länder sein, die Erdöl exportieren. Eine gewisse Galgenfrist haben die Erdgas-Exporteure, weil sie noch länger Einnahmen werden generieren können. Erdgas gilt als Brücken-Energieträger während der Energiewende.

Die Zeit der Transformation vom fossilen ins elektrische Zeitalter dürfte von grossen Unsicherheiten geprägt sein.

Macht diese Verschiebung von Verlierern und Gewinnern im Zuge der Energiewende die Erde friedlicher?

Wenn wir uns vorstellen, dass die Energiewende vollzogen ist, dürfte das wohl der Fall sein. Wir können dann von einer stärker elektrifizierten Welt ausgehen, in der die Länder in Stromverbünden zusammenarbeiten. Wir sehen das schon heute im Rahmen des europäischen Kontinentalnetzes. Doch die Zeit der Transformation vom fossilen ins elektrische Zeitalter – an deren Anfang wir uns jetzt befinden – dürfte von grossen Unsicherheiten geprägt sein, die auch geopolitische Konflikte auslösen kann. Beispiele sind Venezuela oder Angola, die extrem vom Ölexport abhängig sind – und bereits jetzt in grossen Krisen stecken.

Der Spezialfall Russland

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Russland sei ein interessanter Fall, weil je nach Region die Förderkosten sehr unterschiedlich seien, sagt Westphal. Ausserdem exportiere Russland vor allem Erdgas, das während der Energiewende noch länger als Übergangsenergieträger gebraucht werden dürfte – dies im Gegensatz zu Erdöl oder Kohle. «Deshalb dürfte Russland sein Erdgas noch längere Zeit gewinnbringend exportieren können», so die SWP-Expertin.

Werden wir ähnliche Entwicklungen auch andernorts sehen?

Ja. Durch den Schieferöl-Boom in den USA sind die Preise für Erdöl und Erdgas bereits stark unter Druck geraten – der beschriebene Effekt durch die Energiewende wird in gewisser Weise vorweggenommen. Als Folge davon überlegen sich Investoren jetzt, ob sie überhaupt noch in fossile Energien investieren wollen, manche institutionelle Anleger und Staatsfonds steigen aus. Treffen werden die sinkenden Erdölpreise vor allem jene Länder, in denen die Förderkosten besonders hoch sind. Am Golf wird noch länger gewinnbringend Erdöl gefördert werden, Kanada oder Venezuela werden dagegen abgehängt.

Eine Möglichkeit ist, nicht mehr Erdöl, sondern aus Sonnenenergie generierten Wasserstoff zu exportieren.

Was passiert mit den Erdöl-Staaten, wenn der Milliarden-Geldsegen dereinst wegbleibt?

Tatsächlich hängt der Gesellschaftsvertrag der Petro-Staaten meist mit ihren Einnahmen aus dem Ölexport zusammen. Für sie stellt sich die Frage, wie sie ihre Wirtschaft diversifizieren können. Eine Möglichkeit ist etwa, in Zukunft nicht mehr Erdöl zu exportieren, sondern aus Sonnenenergie generierten, klimaneutralen Wasserstoff. Saudi-Arabien etwa plant mit der «Vision 2030» den Ausbau der Sonnenenergie einerseits zur Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Energie, aber auch, um Wasserstoff zu exportieren. Im Moment ist es allerdings nur schwer vorstellbar, dass das Land damit die gleichen Einnahmen generieren kann, wie bislang mit dem Verkauf von Öl.

Wie schnell wird die Energie- und Machtverlagerung vonstatten gehen?

Da müsste ich in die Glaskugel schauen! Allerdings glaube ich, es wird viel schneller gehen, als wir heute denken. Auch werden die geopolitischen Folgen viel schneller spürbar sein.

Das Gespräch führte Beat Soltermann.

«Eine grosse Herausforderung für Europa»

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Die geostrategischen Folgen für Europa und die Schweiz sieht Westphal ambivalent: Europa sei in einer schwierigen Situation. Immerhin versuche die EU, mit dem kürzlich verkündeten «Green Deal» die erneuerbaren Energien auszubauen und zu nutzen. «Europa kann Gewinner sein, wenn man auf neue Technologien setzt und es schafft, diese zu exportieren», so die Expertin. Europa könne aber auch in eine schwierige Situation geraten, wenn die bisherigen Erdölstaaten in relativer Nähe zu Verlierern und dadurch destabilisiert werden. «Das ist für die Schweiz und Europa eine grosse Herausforderung», so Westphal.

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