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Erdbeben in Venezuela Caritas-Mitarbeiter: «Jetzt braucht es sauberes Wasser und Zelte»

Mitten in der Nacht ereignen sich in Venezuela zwei schwere Erdbeben. Die Lage am frühen Morgen (Ortszeit) ist unübersichtlich. Klar ist: Die Zerstörungen sind massiv. Rafael Filliger von der Hilfsorganisation Caritas ist mit Menschen in der Hauptstadt Caracas in Kontakt – und berichtet über chaotische Zustände.

Rafael Filliger

Programmdirektor Venezuela bei der Caritas

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Rafael Filliger ist Länderverantwortlicher für Venezuela für die Caritas – zurzeit ist er in der Schweiz.

SRF News: Wie ist die Lage vor Ort im Moment?

Rafael Filliger: Die Lage ist sehr unklar, die Zerstörung gross. Ich habe heute früh Whatsapp-Nachrichten an meine Kontakte vor Ort geschickt, die sich hauptsächlich in der Hauptstadt Caracas befinden. Leider habe ich von vier Personen keine Antwort bekommen. Eine Person hat mir geantwortet, dass sie auf der Strasse sei, weil es weiterhin Nachbeben gebe. Es herrsche riesiges Chaos.

Eine andere Person hat mir Fotos ihres Wohnhauses geschickt, in dem grosse Risse in den Wänden waren. Ein weiteres Bild zeigte die Trümmer zweier zerstörter Gebäude, gleich nebenan. Ich hoffe, dass diejenigen, die mir noch nicht geantwortet haben, das noch tun werden. Es scheint extrem viele Todesfälle zu geben.

Konnten Sie auch schon mit jemandem vor Ort sprechen?

Das habe ich noch nicht gemacht, auch aus Respekt. Im Moment haben die Menschen dort andere Sorgen. Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass wir an sie denken, dass wir solidarisch sind. Wir sollten in dieser Situation nicht zu stark Informationen abfragen.

Jubel, Ernüchterung und neue Hoffnung nach Maduros Sturz

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Fünf Personen in taktischer Kleidung tragen jemand über eine Barriere.
Legende: Maduro wurde nach New York ausgeflogen und wartet im Gefängnis auf seinen Prozess. Keystone/EPA/Stringer

Im «Tagesgespräch» von Radio SRF berichtet Rafael Filliger, wie in den letzten Monaten durchaus so etwas wie Hoffnung in dem krisengeplagten Land aufflammte. Anfang Januar nahmen die USA den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro bei einer militärischen Intervention fest. Seither führt seine (ehemalige) Vertraue Delcy Rodriguez die Geschicke im Land – unter Duldung der USA. Gleichzeitig macht Washington Druck auf eine wirtschaftliche Öffnung Venezuelas, das über die grössten Ölreserven der Welt verfügt.

Filliger war aus Sicherheitsgründen seit zwei Jahren nicht mehr in Venezuela. Er plante, bald schon ins Land zurückzukehren. Maduros Sturz habe zunächst einen gewissen Enthusiasmus in der Bevölkerung ausgelöst, sagt der Caritas-Mitarbeiter. «Die Ernüchterung kam aber relativ schnell, als das Regime seinen Überwachungsapparat wieder aktivierte.» Nun, ein halbes Jahr später, sei aber eine zuversichtlichere Stimmung spürbar: nämlich die Hoffnung, dass ein Wandel möglich ist, angetrieben durch eine wirtschaftliche Öffnung der lange Jahre abgeschotteten Diktatur.

Jetzt trifft ein verheerendes Erdbeben das Land und eine vielerorts marode Infrastruktur. «Der Staat hat hier in den letzten zwanzig Jahren nicht investiert. Stattdessen floss das Geld in die Taschen der Regierung, die damit ihre Klientelwirtschaft am Leben hielt», schliesst Filliger.

Verschiedene Länder bieten Hilfe zur Bergung und Suche der Opfer an. Wie dringend braucht es diese Hilfe?

Diese Hilfe ist extrem notwendig. Das Land wurde über Jahre hinweg heruntergewirtschaftet. In Venezuela arbeiten wir als Caritas daran, Kinder zu ernähren. Sie brauchen Nahrungszusätze, damit sie überleben können. Und das in einem Land, das extrem reich an Ölvorkommen ist. Das zeigt, dass es dort an grundlegenden Dingen fehlt.

Nachtaufnahme von Menschen, die auf einem grossen Schutthaufen arbeiten, umgeben von Gebäuden und einem Bagger.
Legende: Nach dem Erdbeben in Venezuela hat Caritas Schweiz 100'000 Franken für Nothilfe gesprochen. Derzeit kläre man mit Partnern vor Ort ab, was am dringendsten benötigt werde, teilt die Hilfsorganisation mit. Keystone/AP/Javier Campos

Humanitäre Hilfe ist gut und wichtig – sie rettet Leben. Es bräuchte aber auch langfristige Hilfe. Viele Menschen in Venezuela sind arbeitslos. Und wer eine Arbeit hat, kommt mit dem Geld nicht über die Runden. Lehrer fahren nebenher Taxi oder verkaufen Empanadas, weil der Lohn nicht ausreicht. Die Ernährungssituation ist extrem kritisch. Auf so eine Bevölkerung trifft nun ein Erdbeben mit einer solch immensen Zerstörungskraft.

In Caracas gibt es eines der grössten Ghettos von ganz Südamerika. Die Menschen dort haben nichts.

Was braucht es im Moment am dringendsten?

Jetzt braucht es sicher sauberes Wasser, Schutz, Zelte. Wirklich wichtig wäre allerdings, wie bereits erwähnt, ein langfristiges Engagement. Eine solidarische und längerfristige Hilfe, durch die die Bevölkerung auch auf solche Ereignisse besser vorbereitet wäre. In Caracas gibt es eines der grössten Ghettos von ganz Südamerika. Die Menschen dort haben nichts. Wenn ihre Hütte zerstört ist, haben sie nicht einmal die Mittel für ein neues Dach.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Rendez-vous, 25.6.2026, 12:30 Uhr ; 

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