Nach den schweren Erdbeben werden noch immer Zehntausende Menschen vermisst. Zwar gelingt es immer wieder, Menschen lebend zu bergen. Aber es gibt grosse Probleme. Südamerika-Korrespondentin Teresa Delgado berichtet von der Lage im Land.
Wie gross ist die Chance, noch weitere Überlebende zu finden?
Es gibt immer noch Hoffnung. Rettungscrews aus den USA und Frankreich haben am Sonntag einen Vater und seinen Sohn gerettet, die vier Tage unter Geröll verschüttet waren. Von anderen Erdbeben wissen wir, dass manchmal noch tagelang Überlebende gefunden werden, wenn auch die Wahrscheinlichkeit mit jedem weiteren Tag sinkt. Es wird zunehmend auch in Hochhäusern gesucht, die stark verwüstet sind. Dort konnten Rettungscrews mit Drohnen Überlebende sichten.
Was sind Herausforderungen bei den Bergungsarbeiten?
Das sind weiter die Infrastruktur, überlastete Spitäler, kaum befahrbare Strassen, Probleme bei der Versorgung mit Strom, Medikamenten, Trinkwasser und Nahrung. Die meisten Rettungsteams sind so ausgerüstet, dass sie fast sieben Tage lang selbstversorgend funktionieren und arbeiten können – unter äusserst schwierigen Bedingungen.
Die heissen Temperaturen von fast 30 Grad sind eine grosse Belastung für die Einsatzkräfte und auch für die Suchhunde. Dazu kommt die ständige Gefahr von Nachbeben. Über 430 Nachbeben gab es bereits seit den schweren Doppelbeben laut Regierungsangaben. Wegen diesen Nachbeben schlafen die Rettungsteams oft draussen im Freien oder in Zelten. Auch die Schweizer Einsatzkräfte machen das so. Denn viele Gebäude sind einsturzgefährdet.
Was ist dran am Vorwurf, die Regierung tue zu wenig bei der Suche nach Vermissten?
Besonders in La Guaira gibt es Videobilder, die Konfrontationen zwischen Bevölkerung und Militärs zeigen. Der Zugang wurde teilweise stark kontrolliert, was bei der Bevölkerung für Unmut sorgte, besonders bei denen, die selber nach ihren verschütteten Angehörigen suchen wollten. Sie stören sich auch daran, dass die venezolanischen Soldaten vor allem herumzustehen und zu kontrollieren scheinen und nicht tatkräftig mit anpacken.
Dann gibt es auch bürokratische Hürden. Wer zum Beispiel die sterblichen Überreste von verstorbenen Verwandten abholen will für eine Bestattung, muss in manchen Spitälern den Ausweis des Verstorbenen vorlegen. Da fragen sich viele, wie das gehen soll, wenn solche Papiere im Erdbeben verschüttet wurden. Mehrere Rettungsteams, unter anderem eines aus Südspanien, konnten zudem nicht einreisen. Solche Dinge sorgen bei der Bevölkerung für Wut.
Sind die Menschen auf gegenseitige Unterstützung angewiesen?
Inzwischen sind auch internationale Rettungsteams vor Ort. Aber trotzdem helfen sich die Menschen nach wie vor auch gegenseitig. Das ist wirklich beeindruckend. Die Leute suchen nicht nur selber weiter nach Verschütteten mit blossen Händen, sondern sie organisieren sich auch online auf kreative und beeindruckende Art. Ein Spruch, der online kursiert, bringt es gut auf den Punkt: Wo die Regierung fehlt, genügt das Volk.
Inwiefern wird die Katastrophe politisiert?
Diese Krise wird politisch ein grosses Nachspiel haben. Denn viele Menschen in Venezuela fühlten sich sich selbst überlassen, besonders in den ersten kritischen Stunden nach den schweren Erdbeben. Im Moment ist der Fokus noch auf der Suche nach Überlebenden. Aber es wird die Zeit kommen, wo gefragt wird, wie tragbar diese Regierung von Übergangspräsidentin Delcy Rodriguez noch ist und wie es in Venezuela weitergehen soll.