Nach den schweren Erdbeben in Venezuela ist mit tausenden Verletzten zu rechnen, die dringend medizinische Hilfe brauchen. Das Beben trifft jedoch auf ein Land, das nach Jahren autoritärer Herrschaft politisch und wirtschaftlich am Boden ist. Millionen Menschen haben das Land verlassen, ein Grossteil lebt in extremer Armut. Lateinamerika-Experte Günther Maihold von der Freien Universität Berlin erklärt, was die Katastrophe für das Gesundheitssystem bedeutet.
SRF News: Wie ist der Zustand des Gesundheitssystems in Venezuela?
Günther Maihold: Wir haben es mit einem kollabierten Gesundheitssystem zu tun, das durch die Jahre des Sanktionsregimes, aber auch durch die Misswirtschaft unter Nicolás Maduro massiv in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das gilt für die Ausstattung mit medizinischem Verbrauchsmaterial wie OP-Materialien, verkommener Infrastruktur und vor allem einer eigentlich dem System entgegenlaufenden Tendenz zur Privatisierung.
Gemäss der offiziellen Statistik gibt es 221 Spitäler in Venezuela. In diesen sind maximal vier wirklich funktionsfähige Operationssäle vorhanden.
Im eigentlich kostenlosen System müssen nun alle Patienten mit planbaren Operationen ihre entsprechenden Materialien selbst mitbringen, welche sie auf dem privaten Markt beschaffen müssen.
Wegen der massiven Erdbeben gibt es zahlreiche Verletzte. Kann die Gesundheitsversorgung das stemmen?
Nur sehr schwer. Es besteht ein massives Personaldefizit. Man sagt, dass die wichtigsten Krankenhäuser mit nur zwanzig Prozent des eigentlichen Personalbestandes agieren. Gleiches gilt für die Gesundheitsposten im Land, die in grossem Umfang von kubanischen Ärzten und Gesundheitshelfern betrieben wurden. Es gibt ein Defizit in der Versorgung, weil einfach die Regierung nicht hinreichend investiert hat und das System ausgeblutet ist.
Sind überhaupt alle Spitäler im Land funktionsfähig?
Nach der offiziellen Statistik gibt es 221 Spitäler in Venezuela. In diesen sind maximal vier wirklich funktionsfähige Operationssäle vorhanden. Damit gelingt eine Abdeckung der Versorgung für das System nicht. Deswegen haben Menschen in Venezuela nun versucht, sich in eine private Versorgung zu retten, müssen dafür aber erhebliche Aufwendungen in Dollar aufbringen.
Was passiert mit den Menschen, die in einem Gebiet leben, wo der Zugang erschwert ist, und die keine Dollars haben?
Diese haben nur die Möglichkeit, dass sie über die Grenze, beispielsweise nach Kolumbien, gehen und sich dort versorgen lassen. Es gibt einen Schwarzmarkt, auf dem man versuchen kann, sich Medikamente zu besorgen.
Es ist für das angeschlagene System eine richtige Hilfe, dass nun die Grundausstattung für Operationen und für Amputationen beschafft wird.
Aber es ist ein sehr schwieriges Verfahren, weil die Medikamente immer zuerst über die Grenze gebracht werden müssen oder auf Bestellung besorgt werden und entsprechend teuer zu bezahlen sind.
Jetzt ist Erste Hilfe aus dem Ausland unterwegs. Reicht diese Hilfe?
Das kann man im Moment noch nicht absehen. Für das angeschlagene System ist es eine richtige Hilfe, dass jetzt die Grundausstattung für Operationen und für Amputationen beschafft wird. Es gibt sehr viele eingequetschte Personen. Das muss nun sehr schnell geschehen, möglichst auch unter Beteiligung von Fachärzten aus den jeweiligen Ländern. Und dies vor allem in den verschiedenen Gegenden, die sehr unterschiedlich von dem Erdbeben erfasst worden sind. Da müssen die venezolanischen Autoritäten nun beweisen, dass sie in der Lage sind, eine angemessene Verteilung der Hilfe zu gewährleisten.
Das Gespräch führte Radka Laubacher.