Nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela mit mehr als 1700 Toten sind die Rettungskräfte unermüdlich im Einsatz. Dabei geht es nicht nur um Bergungsarbeiten und Notrettung: Es geht auch um Hilfe für jene, die überlebt haben: 680'000 Kinder sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, wie Gabriel Vockel von der Unicef sagt.
SRF News: Wie erleben Sie die Situation in Venezuela nach dem Erdbeben?
Gabriel Vockel: Die Lage hier in Caracas und im Land entwickelt sich sehr schnell. Wir bleiben wegen möglicher Nachbeben wachsam. Vor drei Stunden beispielsweise wurde ich mit meinen zwei kleinen Kindern hier aus dem Schlaf gerissen, weil es einen sehr heftigen Ruck gab.
Ich stand vor Häuserblocks, die von 15 und mehr Stockwerken auf einen Schutthaufen reduziert wurden.
Gleichzeitig wird auch das Ausmass des Bedarfs hier klarer. Gestern war ich in La Gueira, dem am stärksten betroffenen Gebiet. Ich stand dort vor Häuserblocks, die von 15 und mehr Stockwerken auf einen Schutthaufen reduziert wurden, und ich konnte die Suchteams beobachten, aus Jordanien, aus der Türkei, aus China. Diese Solidarität ist wunderbar. Aber wir wissen, dass viele Tausend Häuser, mindestens acht Spitäler und über 430 Schulen zerstört wurden, zudem auch Wassersysteme und vieles, vieles mehr.
Wie sieht es im Moment mit der Versorgung der Menschen aus?
Kinder gehören immer zu den Verwundbarsten in Katastrophen. Insofern hat die Unicef ihre Notfallreaktion sofort aktiviert. Sie soll mindestens 650'000 Menschen sofort erreichen, darunter eben über 230'000 Kinder. Hierbei geht es darum, sich die Gesundheit der Kinder anzuschauen und Nahrung, Wasser, Sanitätsversorgung zu bringen – aber auch darum, Kinder zu schützen, vor allem die, die von ihren Eltern getrennt wurden. Es geht in den ersten Stunden neben den Suchaktionen um die sofortige humanitäre Hilfe. Bereits vor zwei Tagen kam die erste riesige Lieferung per Flugzeug an, mit über 20 Tonnen Hilfsgütern. Dazu gehören Medizin, Wasser, Nahrung – alles, was gebraucht wird. Mit dieser ersten Soforthilfe können über 100'000 Menschen unterstützt werden.
Es geht nicht nur darum, dass vielleicht ein Haus verloren wurde, sondern es geht um Angst.
Woran fehlt es Kindern derzeit am meisten?
Neben Wasser und Nahrung geht es immer um den Schutz der Kinder, die überlebt haben. Ich sehe das auch bei meinen eigenen zwei kleinen Kindern: Es geht nicht nur darum, dass vielleicht ein Haus verloren wurde, sondern es geht um das Trauma, um Angst. Kinder brauchen Ansprechpartner. Wir müssen schauen, dass den Kindern, die ohne Eltern dastehen, nichts passiert. Wir identifizieren diese Kinder sofort und sie werden von Partnern versorgt und geschützt.
Nach der Nothilfe geht es um den Schutz der Kinder und damit auch um die Traumaaufarbeitung.
Wie wird die psychische Belastung der Kinder aufgefangen?
Wir haben eine grosse Erfahrung, mit diesen Dingen umzugehen. In der Katastrophenhilfe geht es immer darum, gewisse Phasen zu durchlaufen: Nach der Nothilfe geht es, wie erwähnt, um den Schutz der Kinder und damit auch um die Traumaaufarbeitung. Hier können wir auf ein grosses Netzwerk von Partnern zurückgreifen. Es gibt lokale Organisationen, aber auch internationale Partner.
Wir wissen aus vielen Krisen, dass es gut ist, in Anlaufstellen eine Art Spielecke einzurichten, wo Kinder Kinder sein können.
Es geht nicht immer sofort darum, professionelle psychologische Hilfe anzubieten, denn das ist oft nicht so schnell möglich. Es fehlt hier an Psychologen, die Spanisch sprechen. Aber wir wissen aus vielen Krisen, dass es gut ist, in Anlaufstellen eine Art Spielecke einzurichten, wo Kinder Kinder sein können. Denn sofortiges Spielen ist die beste Therapie zu Beginn. In der nachfolgenden Phase kommen weitere Massnahmen zum Tragen. Aber in den ersten Tagen sind diese einfachen Hilfsmassnahmen am effektivsten.
Das Gespräch führte Romana Kayser.