«Erdogans Einfluss auf die Türken in Deutschland steigt»

Zehntausende Deutschtürken haben in Köln für die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan demonstriert. Dessen Einfluss auf die Landsleute in Deutschland könne für das Zusammenleben problematisch werden, warnt der Präsident des Dachverbandes «Türkische Gemeinde in Deutschland», Gökay Sofuoglu.

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Bildlegende: In Köln gingen am Sonntag rund 20'000 Regierungs-Anhänger auf die Strasse. Es gab auch Gegendemonstrationen. Keystone

SRF News: Welchen Einfluss haben die AKP und Erdogan auf die drei Millionen Türken in Deutschland?

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Gökay Sofuoglu

Gökay Sofuoglu

Sofuoglu ist seit Mai 2014 Bundesvorsitzender des Dachverbandes «Türkische Gemeinde in Deutschland», dem rund 200 Vereine angeschlossen sind. Der Sozialpädagoge ist 1962 in der Türkei geboren und 1980 nach Deutschland ausgewandert. Sofuoglu ist Mitglied der SPD sowie der Gewerkschaft Verdi.

Gökay Sofuoglu: Einen grossen, das hat man bei den letzten Wahlen gesehen, als 60 Prozent der Türken in Deutschland die AKP gewählt haben. Und Erdogans Einfluss auf die türkische Gemeinschaft in Deutschland ist in den letzten Tagen weiter gestiegen. Geholfen haben ihm dabei die deutsche Politik und die hiesigen Medien. Forderungen nach einem Demonstrationsverbot oder der Aberkennung der doppelten Staatsbürgerschaft für Kundgebungsteilnehmer sorgen nicht gerade für Sympathie mit deutschen Werten, sondern für Sympathie mit Erdogan. Deutsche Politiker sollten sich deshalb genau überlegen, wie solche Aussagen ankommen.

Stellt Erdogan aus Ihrer Sicht für die türkische Gemeinde in Deutschland denn eine Gefahr dar?

Von einer Gefahr würde ich nicht sprechen, aber problematisch ist die Situation schon. Je mehr Türken sich hier für Erdogans wenig demokratische Politik interessieren, desto mehr Menschen wird es geben, die für unser Zusammenleben problematische Ansichten vertreten. Da muss die deutsche Politik genau hinschauen. Es kann nicht sein, dass wir eine Parallelgesellschaft haben, die hier die Menschenrechte beansprucht, währenddem sie im Heimatland die Unterdrückung befürwortet.

Finden Sie es denn falsch, dass die heutige Demonstration genehmigt wurde?

Nein. Ich würde persönlich zwar nicht zu einer solchen Demonstration gehen und habe auch nicht dazu aufgerufen. Denn ich befürchte, dass mit solchen Veranstaltungen und den Diskussionen darum die Polarisierung grösser wird. Dennoch finde ich es richtig, dass jeder, der in Deutschland lebt, auch demonstrieren kann.

Die Demonstration zeigt ja auch, dass sich offensichtlich viele Türken in Deutschland von Erdogan besser verstanden fühlen als von der hiesigen Gesellschaft. Woran liegt das?

Es gibt sehr viele Kritikpunkte an der deutschen Integrationspolitik. Beispielsweise bezüglich der politischen Gleichstellung der Menschen türkischer Herkunft. Zudem haben wir ein riesiges Problem mit den unaufgeklärten NSU-Morden. Da sind in naher Zukunft viele Verbesserungen nötig. Aber das sollte im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit und im Gespräch mit der Politik hier in Deutschland passieren und nicht unbedingt vom Ausland gesteuert werden.

Das Interview führte Samuel Wyss.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

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