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Erinnerungen an Halifax «Ich wusste sofort, meine Tochter ist tot»

Es ist der 2. September 1998, 00:18 Uhr, am Flughafen John F. Kennedy in New York. Eine MD11 der Swissair startet. An Bord sind 215 Passagiere sowie 14 Besatzungsmitglieder.

Das Ziel von Flug SR111 ist Genf. Das Flugzeug steigt auf, schraubt sich in den Nachthimmel, erreicht schon bald die Reiseflughöhe. Die Piloten steuern die Maschine in Richtung Kanada. Sie bereiten sich auf den Überflug des Atlantiks vor. Alles verläuft planmässig.

Leuchtturm, im Hintergrund ist eine melancholische Stimmung zu sehen.
Legende: Der Leuchtturm bei Halifax wurde zum Symbol der Katastrophe. Keystone

Rauch im Cockpit

Kurze Zeit später, wenige Minuten nach 1 Uhr, registrieren die Piloten Rauch im Cockpit. Aber für eine Notlandung auf dem Flughafen von Halifax fliegt das Flugzeug zu hoch. Deshalb fliegen die Piloten auf einer Höhe von rund 3000 Metern Schleifen, um Kerosin abzulassen und dann wieder in Richtung Halifax zu fliegen.

Doch Rauch und Feuer breiten sich sehr rasch aus. 20 Minuten später ist das Flugzeug in unkontrollierbarer Fluglage. Die MD11 schlägt zehn Kilometer vor der Küste von Neuschottland auf dem Atlantik auf. Sie zerbricht in Millionen von Trümmerteile, wird vom Meer verschlungen. Der Flughafen in Halifax hatte sich vergeblich auf eine Notlandung vorbereitet.

Kartenausschnitt, der die Flugroute zeigt.
Legende: Gestartet in New York mit dem Ziel Genf. Vor Halifax stürzte die Swissair MD11 ins Meer. SRF

In der Stadt Halifax werden die Bergungsarbeiten koordiniert. Aber das Drama spielt sich an der Küste beim idyllischen Fischerdorf Peggy's Cove ab. Der Leuchtturm vor Ort wird zum Symbol der Katastrophe.

Helikopter, Leuchtraketen und der Duft von Kerosin

Der TV-Journalist Rob Gordon ist zusammen mit den Rettungskräften einer der ersten Augenzeugen vor Ort. «Ich hörte das Rumpeln, dachte an Blitz und Donner. Doch zwei Minuten später klingelte mein Telefon. Es war mein Chef. Er sagte, es habe einen Flugzeugabsturz gegeben», erinnert sich Gordon.

Legende: Video Rob Gordon hat den Aufprall gehört abspielen. Laufzeit 00:12 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Zu Beginn suchen die Helfer mit Hilfe von Leuchtraketen in der Dunkelheit nach Überlebenden. «Man konnte das Kerosin riechen, Fallschirmlichter leuchten, Helikopter flogen hin und her, Fischer waren an ihren Funkgeräten. Sie sprachen über Gegenstände, die sie gefunden hatten. Und die Küstenwache antwortete: ‹Ladet die Fundstücke auf die Boote. Wir holen sie später ab›», erzählt Rob Gordon.

Legende: Video Rob Gordon, einer der ersten Journalisten vor Ort abspielen. Laufzeit 00:17 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Der Fischer Bob Conrad unterstützt schon in den ersten Minuten nach dem Absturz mit seinem Boot die Suchmannschaften. Später bringt er Angehörige zur Absturzstelle.

Er erinnert sich: «Bald bildete sich eine Gemeinschaft von Familienangehörigen der Opfer, die uns hier besuchten», sagt Conrad. Sie seien immer wieder zurückgekommen. «Sie hatten das Bedürfnis über das Unglück zu reden, und wir boten Hand dazu. Sie spürten, dass das Ereignis auch uns berührte.» Daraus seien langjährige Freundschaften entstanden.

Legende: Video Fischer Bob Conrad, hat noch Kontakt mit Angehörigen abspielen. Laufzeit 00:29 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Die Retter beginnen das Ausmass des Unglücks bald zu ahnen, an diesem 2. September 1998. «Das erste, was wir vor Ort sahen, war ein Rettungsboot – halb aufgeblasen. Und so dachte ich noch, es gibt Überlebende. Ich sah Gepäckstücke. Doch dann entdeckten wir menschliche Körperteile. Es wurde schnell klar, dass niemand den Absturz überlebt hatte», sagt TV-Journalist Rob Gordon.

Legende: Video Rob Gordon glaubte zuerst an Überlebende abspielen. Laufzeit 00:22 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Die Swissair-Zentrale in Zürich. Hier erfährt man erst durch kanadische Journalisten vom Flugzeugabsturz.

Jürg Schmid ist zu der Zeit Sicherheitschef bei der Swissair. Die Airline sei auf einen solchen Fall vorbereitet gewesen, sagt er. Man habe dieses Szenario geübt. «Aber wenn es dann effektiv passiert, ist das eine ganz andere Sache. Morgens um 5 Uhr hat die Einsatzleitstelle angerufen und gesagt, wir haben eine MD11 verloren. Ich wurde ins Operationscenter beordert.»

Ich wusste sofort, sie ist tot.
Autor: Nancy WhiteMutter eines Absturzopfers

Schmid meint zuerst, es handle sich um eine Übung, beginnt zu zweifeln. «Normalerweise lege ich als Sicherheitschef solche Übungen an – und jetzt weiss ich nichts darüber?» Er habe sich daraufhin in sein Auto gesetzt. «Im Radio spielten sie normalerweise um diese Zeit immer Folk-Musik. Doch diesmal lief klassische Musik. Das hat es bei mir ausgelöst, ich wusste: Es ist passiert.»

Legende: Video Jürg Schmid glaubte erst, als er das Radio einschaltete abspielen. Laufzeit 00:37 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Zu diesem Zeitpunkt laufen auf der anderen Seite des Atlantiks die Rettungsarbeiten. Hektik herrscht in Halifax und in Peggy's Cove. Die ersten Angehörigen erfahren vom Absturz.

Nancy White ist eine davon. Sie hat ihre Tochter verloren. «Um halb zwölf rief mich eine Freundin an und sagte, dass in Kanada ein Flugzeug abgestürzt sei. Nun, es stürzen immer irgendwo Flugzeuge ab. Doch dann sagte sie, es sei eine Swissair. Und ich wusste sofort, dass es ihr Flugzeug sein musste. Ich wusste sofort, sie ist tot.»

Legende: Video Nancy White wurde von einer Freundin informiert abspielen. Laufzeit 00:21 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Auch Barbara Fetherolf verliert ihre Tochter. «Ich ging durchs Haus und … ja, meine Tochter ist tot. Ich konnte es nicht fassen.»

Legende: Video Barbara Fetherolf kämpft mit den Tränen abspielen. Laufzeit 00:15 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Priscilla Zimmermann ist mit einem der Piloten der Unglücksmaschine verheiratet. Ihre Tochter überbringt ihr die Hiobsbotschaft. «Am Morgen um 6 Uhr stürmte meine älteste Tochter in mein Schlafzimmer, setzte sich auf mein Bett und sagte: ‹Papa ist abgestürzt›. Ich war auf der Stelle hellwach. Ich dachte, das kann nicht sein, das ist ein Alptraum.»

Legende: Video Priscilla Zimmermann wird von ihrer Tochter geweckt abspielen. Laufzeit 00:16 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

Schockiert, ungläubig, am Boden zerstört: So geht es vielen, als sie vom Tod ihrer Angehörigen erfahren. Am Schluss sind es 229 Tote. Niemand hat den Absturz überlebt. Halifax – der Name steht für die grösste Katastrophe der Schweizer Luftfahrt.

Kostspielige Untersuchung

Während die Bergungsarbeiten noch im Gang sind, beginnt bereits die fieberhafte Suche nach der Unfallursache. Vier Jahre sollte die Untersuchung dauern, die Kosten: über 40 Millionen US-Dollar. Heerscharen von Menschen sind mit der Bergung beschäftigt.

Beteiligt sind nebst der federführenden kanadischen Transportsicherheitsbehörde Transportation Safety Board of Canada (TSB) Vertreter der amerikanischen und Schweizer Flugsicherung. Ebenfalls beteiligt waren die Fluggesellschaft Swissair sowie die Firma Boeing, die aus einer Fusion mit dem Unternehmen McDonnell Douglas hervorging.

Im März 2003 wird der Untersuchungsbericht der Weltöffentlichkeit präsentiert. Dass es ein Feuer gegeben hatte, wusste man da bereits von Aufzeichnungen der Gespräche im Cockpit und aufgrund von Brandspuren an aus dem Wasser geborgenen Trümmerteilen.

Ein Kurzschluss als Ursache

Neu war, dass nunmehr recht klare Vorstellungen über die Ausbreitung des Feuers herrschte und feststand, dass die beiden Piloten keine Möglichkeit hatten, sich einen Überblick über das Ausmass des Brandes zu verschaffen.

Sie steuerten ein Flugzeug, in dem sie zwar kurzfristig einen seltsamen Geruch und Rauch wahrgenommen hatten. Dass sich das Feuer, ausgehend vom Bereich der Trennwand zwischen Cockpit und Galley (Küche) zwischen Kabinendecke und Aussenhaut, rasend schnell zuerst nach hinten und später nach vorne bis zur Cockpitdecke ausbreitete, konnten sie nicht erkennen.

Ausgelöst wurde das Feuer höchstwahrscheinlich durch einen Kurzschluss. Wie es zu diesem Kurzschluss gekommen ist, ist bis heute nicht klar. So lautete der Befund des kanadischen Transportation Safety Boards. Das Kabel, an dem es zum Kurzschluss kam, gehörte vermutlich zum Bordunterhaltungssystem. Dieses hatte die Swissair für die erste Klasse nachträglich einbauen lassen.

Legende: Video Dieser Kurzschluss verursachte den Absturz abspielen. Laufzeit 01:07 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

20 Jahre nach den dramatischen Ereignissen vom 2. September 1998 erinnert heute ein Denkmal aus Stein an die Katastrophe. Touristenbusse karren täglich hunderte von Besuchern her. Die meisten Besucher haben keine Beziehungen zu den Opfern. Die Generation Selfie posiert vor dem Meer, das damals die Swissair-Maschine verschlang.

«Der Ort ist immer gut besucht. Er wird in jedem Reiseführer über Neuschottland genannt. Es ist ein Ort, den man besucht haben muss. Aber ich weiss nicht wieso und kann es nicht erklären», sagt Gordon.

Legende: Video Rob Gordon über die Situation heute in Peggy's Cove abspielen. Laufzeit 00:12 Minuten.
Aus News-Clip vom 23.08.2018.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Michel Sutter (Michel Sutter)
    Weshalb durften die Angehörigen die Verunglückten nicht zu Hause bestatten?
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    @SRF: Kleine Korrektur: Die heutige Firma Boeing ging nicht aus dem Unternehmen McDonnell Douglas hervor, sondern aus der Fusion der Firmen Boeing und McDonnell Douglas 1997, wobei der Name Boeing blieb und McDonnell Douglas die Schriftart und das Logo beisteuerte. Boeing wurde im Jahr 1916 als "Pacific Aero Products Co" gegründet und mit dem Eintritt in den 1. Weltkrieg 1917 in "Boeing Airplane Company" umbenannt. Im September 2001 verlegte Boeing seinen Hauptsitz von Seattle nach Chicago.
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    1. Antwort von SRF News
      Guten Morgen Herr Ducrey, vielen Dank für den Hinweis! Wir haben es angepasst.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Das Unglück war so etwas wie der Anfang vom Ende der Swissair. Der Umstand, dass man zwar vorschriftsgemäss Kerosin abliess, allerdings dabei die Maschine und die Passagiere verlor, ist quasi sinnbildlich für das, was in den Chefetagen der Swissair ab 1997 geschah. Man erkannte den Ernst der Lage nicht und statt sofort und vielleicht auch etwas unorthodox zu landen, flog man weitere, zerstörerische Runden.
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    1. Antwort von Lukas Rau (LRB)
      Lieber Herr Ducrey. 1. Bringen Sie hier zwei Sachen in Verbindung, die nichts miteinander zu tun haben. 2. Haben die Piloten ihre Entscheidungen aufgrund der Fakten gefällt, die ihnen zur Verfügung standen. 3. Mitten in der Nacht "unorthodox landen" mit einem vollgetankten Flugzeug... Ich glaube Sie haben keine Ahnung, wovon Sie schreiben.
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