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Neuer König in Thailand «Es ist schwer, aus ihm einen Halbgott zu konstruieren»

Kronprinz Vajiralongkorn wird Thailands neuer König, das ist sicher. Auf ihn wartet eine schwierige Aufgabe. Zu schwierig?

Legende: Audio Grosse Fussstapfen für Thailands Kronprinzen abspielen. Laufzeit 6:27 Minuten.
6:27 min, aus Echo der Zeit vom 29.11.2016.

SRF News: Besteht die Möglichkeit, dass jemand anderes als Kronprinz Vajiralongkorn nächster König von Thailand wird?

Serhat Uenaldi: Nein, daran gibt es keine Zweifel. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass es in den letzten Wochen hinter den Kulissen Gespräche gegeben hat und er das Königsamt annehmen wird.

Was für einen König erhält Thailand mit dem jetzigen Kronprinzen?

Der ausgebildete Pilot und Militäroffizier ist mit 64 Jahren relativ alt. Er hat seine Ausbildung grösstenteils in Australien absolviert. In der Vergangenheit war er eine kontroverse Person und wurde von vielen vor allem als Frauenheld gesehen. Man sagt ihm auch Gewalttätigkeit und Dekadenz nach. So hatte er bis vor Kurzem einen kleinen Hund, der bei diplomatischen Diners auch mal auf den Tisch gesprungen ist und dann Wasser aus den Gläsern der Gäste geleckt hat. Derzeit ist er in seiner 10-Millionen-Villa am deutschen Starnberger See, wird aber in den kommenden Tagen nach Thailand zurückkehren.

König Bhumibol war für viele Thailänder eine Autorität. Kann es sein Sohn schaffen, in seine Fussstapfen zu treten?

Auch Bhumibol war nicht unfehlbar, doch er konnte als unfehlbarer Halbgott konstruiert werden. Dies vor allem, weil er sehr jung an die Macht kam und sehr offen für Einflüsterungen war. Er war wie ein unbeschriebenes Blatt, denn eigentlich hätte sein Bruder König werden sollen. Doch dieser starb unter ungeklärten Umständen durch einen Schuss. Vajiralongkorn ist im Gegensatz zu seinem Vater bei der Thronbesteigung eher alt und hat einen sehr zweifelhaften Ruhm. Da ist es sehr schwierig, aus ihm einen Halbgott zu konstruieren und eine ähnliche Legitimationsquelle der Macht zu machen, wie Bhumibol es war.

Drei Personen sehen sich in einem Geschäft ein grosses Porträt-Bild Vajiralongkorns an.
Legende: Die Thailänder sollen sich langsam an den künftigen König Vajiralongkorn gewöhnen. Getty Images

Vajiralongkorn hatte nach dem Tod Bhumibols um Zeit gebeten, weil er mit dem thailändischen Volk trauern wollte. Was ist der inoffizielle Grund für sein Zögern?

Damit war ein Hintergedanke verbunden. Man versuchte, ihn als «Sohn seines Vaters» aufzubauen, damit die starke Legitimation Bhumibols auf Vajiralongkorn übergeht. So hat dieser sich auch als trauernder Sohn präsentiert und nicht als jemand, der hinter dem Thron giert. Er hat sich etwas zurückgenommen und wollte mit dem devoten Verhalten wohl erreichen, dass die Leute Mitleid mit ihm als trauerndem Sohn haben. Auch wollte man dem Volk Zeit geben, sich an den Übergang zu gewöhnen, anstatt einen abrupten Wechsel zu provozieren hin zu einem ganz anderen König als Bhumibol, der Vajiralongkorn ohne Zweifel sein wird.

Fürs Militär könne es schwieriger werden, das Volk mit friedlichen Mitteln unter Kontrolle zu halten.

Mit dem neuen König folgt nun auch ein neues Thailand. Wie sieht dieses aus?

Es könnte noch instabiler sein, als es das alte war. Wahrscheinlich wird es zu einer grundlegenden Veränderung kommen. Unter Bhumibol gab es ein Zusammenspiel zwischen König und Militär, indem er die Militärcoups in den meisten Fällen guthiess. Insofern gab es eine Stabilität, in der die Monarchie dem Militär und der Elite Legitimität verlieh. Das wird mit einem König, der ohne die Autorität seines Vaters nicht mehr dieselbe Legitimationsquelle sein kann, künftig schwerer. Die alten Eliten werden es entsprechend schwerer haben, ihr altes Thailand zu erhalten. Unter Umständen könnten demokratische Kräfte stärker werden, die es sich nicht mehr gefallen lassen werden, vom Militär beherrscht zu werden, das sich auf eine Monarchie bezieht, welche keine Legitimation mehr hat.

Monarchie, Elite und Militär sitzen also nicht mehr so fest im Sattel. Welche politischen Auswirkungen könnte das haben?

2017 gibt es Wahlen, bei denen das Militär laut Verfassung diverse Interventionsmöglichkeiten hat. Dies hatte sich das Militär noch zu Bhumibols Lebzeiten in die Verfassung schreiben lassen. Die Frage ist, in wieweit das von jenen Thailändern noch akzeptiert wird, die sich nicht durch ein System repräsentiert fühlen, in dem das Militär trotz Wahlen das Sagen hat. Dies könnte der thailändischen Demokratie einen Aufschwung bereiten. Passiert das nicht, wird es fürs Militär schwieriger werden, das Volk mit friedlichen Mitteln unter Kontrolle zu halten. Ich möchte keine bürgerkriegsähnlichen Zustände heraufbeschwören wollen, kann sie aber auch nicht ausschliessen.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Serhat Uenaldi

Serhat Uenaldi

Der Spezialist für Thailand hat kürzlich ein Buch über das Königshaus geschrieben. Er lehrt und doktoriert am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universtität in Berlin.

Bald König Vajiralongkorn

Bald König Vajiralongkorn

Thailands Militärregierung hat gut sechs Wochen nach dem Tod von König Bhumibol die Thronfolge eingeleitet. Der Präsident der als Parlament fungierenden gesetzgebenden Versammlung hat am Dienstag Kronprinz Vajiralongkorn in einer live im Fernsehen übertragenen Sitzung formell eingeladen, den Thron zu besteigen. Wann dieser das tun wird ist offen.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Thailand wird nach wie vor von Eliten/Adligen regiert. Die Armee dient ihnen z.T. zu privaten Zwecken, um ihre Privilegien zu bewahren. Irgendwann braucht es grundlegende Reformen, sonst kommt es zu Umbrüchen oder Revolten. Lieber sich mit dem Volk entwickeln als gegen das Volk arbeiten. Denn das geht längerfristig nie gut aus. Ganz Südostasien wird sich in Zukunft neu ausrichten. Das Potential vieler Bürger ist enorm. Es nicht zu nutzen, wäre mehr als dumm.
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Ihre Thailandkenntnisse lassen zu wünschen übrig. Hier ist Asien, nicht Europa, nicht die Schweiz uvam. Hier gibt es ganz andere geschichtliche und gesellschaftliche Hintergründe. Die Meisten Hintergründe bleiben dem "Ausländer" verborgen oder er kann diese schlicht und einfach gar nicht richtig einordnen. - Sicher ist jedoch, dass wenn der sog. "Westen" wieder mal einen Frühling veranstalten will, wird das ganz böse gesagt, ein Schuss der nach hinten losgehen muss.
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    2. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Ach ja Herr Szabo, Sie wohl die Sache im Osten (Ukraine usw.) gut einschätzen können. Doch hier greifen Ihre Anschauungen kaum bis gar nicht. Potential vieler....?? Woher haben Sie diesen Unsinn? Armee zT. zu privaten Zwecken? - Die Armee hier ist Teil des Königshauses, Teil des Landes und wird nirgends in der Bevölkerung "sog. hinterfragt" wie das bei uns der Fall ist. Es gibt aber eine signifikante Grösse zum Beobachten, die sehr bestimmen ist! Raten Sie mal, es ist einfacher als Sie glauben.
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