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International «Es wird nie eine Gesellschaft ohne Migration geben»

Die EU möchte die Flüchtlinge nach Quoten auf alle Mitgliedsländer verteilen und stärker gegen Schlepper vorgehen, die Flüchtlinge nach Europa schleusen. Was taugen diese Mittel? Seine Sicht der Dinge legt Kaspar Surber dar, er ist Journalist bei der WOZ und beschäftigt sich mit Migration.

Afrikaner stehen an der Reling eines Schiffes.
Legende: Gerettet auf dem Mittelmeer: Flüchtlinge und Migranten aus Afrika. Keystone

SRF News: Ist die EU mit ihrer zweigleisigen Strategie – Verteilung der Flüchtlinge nach Quoten und Bekämpfung der Schlepper – auf dem richtigen Weg?

Kaspar Surber: Nein. Zwar begrüsse ich die Diskussion über die Quoten. Doch der Umstand, dass die EU nun mit militärischen Mitteln in die Flüchtlingspolitik eingreift, ist eine massive Eskalation.

Zunächst zur Quote: Die EU-Kommission will die Flüchtlinge anhand von Kriterien wie Wirtschaftsleistung, Bevölkerungszahl, Arbeitslosenquote und bisher aufgenommenen Asylbewerber auf die einzelnen EU-Länder verteilen. Warum ist das ein Fortschritt?

Bisher ist es im Rahmen des Dublin-Abkommens so, dass die Flüchtlinge in jenem Land einen Asylantrag stellen sollten, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten. Deshalb sind die südlichen EU-Staaten, etwa Italien oder Griechenland, sehr exponiert. Dort haben dann auch teilweise menschenunwürdige Bedingungen für die Asylbewerber geherrscht. Diese Staaten werden jetzt entlastet. Allerdings glaube ich nicht, dass die Asylsuchenden dadurch künftig weniger zwischen den Staaten hin- und hergeschoben werden.

Die vorgeschlagene Verteilung der Asylbewerber nach Quoten soll auf halb-freiwilliger Basis erfolgen. Bringt das etwas?

Das bezweifle ich. Besser wäre ein ähnliches System, wie es die Schweiz kennt: Hier werden die Asylsuchenden nach den Einwohnerzahlen auf die einzelnen Kantone verteilt. Wichtig ist jedoch, dass den Asylsuchenden ein menschenwürdiges Verfahren garantiert wird. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Wenn es dabei hilft, dass die Quoten innerhalb der EU freiwillig sind, begrüsse ich auch eine solche Lösung.

Die EU will auch im Kampf gegen die Schlepper schärfer vorgehen. Was soll daran falsch sein?

In der Politik ist es derzeit sehr beliebt, scharf gegen die Schlepper vorzugehen. Doch die Situation ist ambivalent: Häufig kann man nicht genau unterscheiden, ob es sich um kriminelle Schlepperei oder um Fluchthilfe handelt. Weil die Migration nach Europa illegalisiert wird, würden viele Leute den Weg hierher nicht finden. Ich möchte die kriminelle Schlepperei nicht verharmlosen, aber es ist das einzige Mittel, das den Menschen zur Flucht bleibt.

Muss man denn die Schlepper – sie verkaufen den Menschen teure Plätze auf seeuntüchtigen Booten und lassen sie auf dem Meer treiben – nicht bekämpfen?

Die Frage ist: Wieso ist diese Situation entstanden? Der Grund liegt darin, dass die EU die Migration von ausserhalb Europas illegalisiert hat. Vielleicht veranschaulicht ein Vergleich mit der Drogenpolitik die Problematik: Die Figur des Dealers ist mit dem des Schleppers vergleichbar. Wenn man nun meint, man erreiche eine drogenfreie Gesellschaft, wenn man alle Dealer verhaftet, dann hängt man wohl einer Illusion nach. So, wie es keine drogenfreie Gesellschaft geben wird, wird es auch keine migrationsfreie Gesellschaft geben.

Heisst das, dass sie für eine Legalisierung der Migration plädieren?

Wenn man sich eingehend mit der Migration beschäftigt, dann kommt man zum Schluss, dass die einzig richtige Forderung in einer Öffnung der Grenzen und in einer globalen Bewegungsfreiheit liegt. Ich möchte die interessante Überlegung des französischen Migrationsforschers François Gemenne erwähnen. Er sagt: Bei einer Öffnung der Grenzen würden nicht mehr Leute nach Europa kommen, aber weniger sterben., Link öffnet in einem neuen Fenster

Kritiker von rechts würden dazu sagen: «Dann kommt halb Afrika in die Schweiz»...

Sicher würden auch Menschen kommen, die Arbeit suchen, denn die Migration ist schon immer der Arbeit nachgereist. Und schliesslich gibt es diese Arbeitsplätze hier ja tatsächlich. Ausserdem: 80 Prozent aller Menschen auf der Flucht sind in Entwicklungsländern untergebracht. Die Schweiz und Europa leisten letztlich nur einen geringen Beitrag, diese humanitäre Katastrophe zu beenden.

Das Interview führte Christoph Kellenberger.

Kaspar Surber

Kaspar Surber

Der Journalist arbeitet für die linke «Wochenzeitung» (WOZ) und beschäftigt sich intensiv mit Migrationsthemen. 2012 erschien sein Buch «An Europas Grenze. Fluchten, Fallen, Frontex».

EU-Kommission für Asyl-Quote

EU-Kommission für Asyl-Quote

Nach dem Dublin-Verfahren sollten Asylbewerber eigentlich in dem Land bleiben, in dem sie zuerst den Boden der EU betreten haben. Die EU-Kommission will mit einem Quotensystem diese Regel ändern. Künftig sollen die Flüchtlinge fairer auf die Staaten verteilt werden.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Sand, Zürich
    Mein Vorschlag: man lasse zur Abwechslung einmal "Erwachsene" zu diesem Thema zu Wort kommen, keinesfalls aber Voreingenommene aus der Sozialindustrie, wie üblich. Falls im Bekanntenkreis von SRF solche Interviewporsonen fehlen, hier mein Tipp: René Zeyer, Tilo Zarasin, Roger Köppel, Markus Somm.
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  • Kommentar von Urs Keller, Binningen
    Natürlich wird es immer Migration geben aber die Menge ist auszuloten, wenn ein Land wie die Schweiz an die 30 % Ausländer beherbergt ist ein weiterer Zuzug massvoll zu unterbinden. Mit Rasse oder Rassismus wie einzelne das Auslegen hat das nichts zu tun, eher mit Quanten.
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  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Wer durch Gewalt und Betrug die Vorteile des Lebens auf nur wenige Regionen der Welt konzentriert, erzeugt ganz natürlich Migration dorthin. Vielen anderen Regionen wird die Grundlage für menschenwürdiges Leben/Existieren entzogen, um die mächtigen Regionen überzuversorgen und einen Konsumrausch zu erzeugen. Der Verbrauch an Ressourcen der "reichen" Menschen ist nicht effizient. Dabei ist Effizienz die Grundlage für Erfolg bei allem Leben auf der Erde. Bei Flora und Fauna (auch Menschen).
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