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Eskalation in Idlib
Aus HeuteMorgen vom 28.02.2020.
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Eskalation in Nordsyrien Erdogan schwächelt

Die Türkei ist in der syrischen Provinz Idlib in einer extrem schwierigen Lage, in die sie sich ein Stück weit selbst manövriert hat. Präsident Erdogan war keineswegs ein neutraler Nachbar: Er sah und sieht sich als Fürsprecher der syrischen Assad-Gegner, jedenfalls der arabischen Sunniten unter ihnen. Er hat seit Kriegsbeginn in Syrien Rebellen unterstützt, auch islamistische – und kämpft jetzt mit den Folgen.

Nie während des Syrienkriegs hat die Türkei bei einem Angriff annähernd so viele Armeemitglieder verloren wie nun. Erdogan hat in den letzten Wochen die türkische Militärpräsenz in Idlib massiv verstärkt. Er spricht nun von Eskalation und verlangt die Rückkehr zur Waffenruhe nach den Vereinbarungen von «Sotschi» vom Herbst 2018.

Niemand hält sich an Abmachungen

Der syrische Präsident Assad hat andere Pläne. Dass er «jeden Quadratmeter» Syriens zurückerobern will, hat er klargemacht. Dass er bereit ist, dafür unbeschreibliches menschliches Leid in Kauf zu nehmen, auch.

Aber auch die Türkei hielt ihren Teil der Abmachungen von «Sotschi» nicht ein, was den russischen Präsidenten Putin ungeduldig werden liess und Assad einen Vorwand gab, die Grossoffensive voranzutreiben.

Erdogan hätte die «Radikalen» unter den Rebellen – gemeint waren die Al-Qaida-nahen Jihadisten von Hayat Tahrir Asch-scham – aus einer «Pufferzone» entfernen müssen. Ausserdem hätte laut Abmachungen die Autobahn zwischen Damaskus und Aleppo für den Verkehr durch Idlib gesichert werden müssen.

Weder das eine noch das andere geschah. Ob Erdogan seinen Teil von «Sotschi» nicht einhalten konnte oder nicht einhalten wollte, darüber wird gestritten.

Symbol für Erdogans Schwäche

Sicher ist, mit russischer und wohl auch wieder iranischer Unterstützung hat Assad die Front weit nach Norden verschoben. Die Hälfte der Provinz Idlib ist wieder unter Regimekontrolle. Und einige der türkischen Beobachtungsposten, die Erdogan in der Provinz errichten liess, um die «Pufferzone» zu überwachen, stehen inzwischen «verloren» im von Assad-Truppen kontrolliertem Gebiet. Als Symbol für Erdogans Schwäche.

Die humanitäre Not, ein weiteres Mal in Syrien, ist unbeschreiblich: Gegen eine Million Menschen stauen sich im Norden der Provinz Idlibs, an der Grenze zur Türkei, in der Winterkälte, unter miserablen Bedingungen. Die Grenze bleibt für sie geschlossen: Die Türkei fürchtet eine neue gewaltige Flüchtlingswelle. Und mit den Flüchtlingen aus Idlib könnten Rebellen aller Schattierungen, auch jihadistsiche, in die Türkei kommen.

Kein Fluchtspunkt mehr für Aufständische

Idlib war der Fluchtpunkt für Aufständische aus anderen Landesteilen Syriens. Wo immer die Regimekräfte ein Rebellengebiet zerstört hatten, flohen Kämpfer, die nicht zur Kapitulation bereit waren nach Idlib. Und nun? Es gibt kein zweites Idlib für sie.

Erdogan scheint in der nordwestsyrischen Provinz nur noch schlechte Optionen zu haben. Die am wenigsten schlechte wäre wohl, den Konflikt auf unbestimmte Zeit «einzufrieren». Dafür hofft die Türkei auf internationale Solidarität. Sie macht Druck, fordert von der Nato Hilfe, droht der EU, insbesondere damit, dass die Türkei ihrerseits die Grenze für syrische Flüchtlinge nach Europa wieder öffnen werde.

Was Erdogan damit erreicht, bleibt abzuwarten. Die EU ermahnte die Türkei zunächst nur, ihre Verpflichtungen aus dem «Migrationspakt» einzuhalten, während die Nato an die Konfliktparteien appellierte, sofort zu einer Waffenruhe in Idlib zurückzukehren, die es längst nicht mehr gibt.

Philipp Scholkmann

Philipp Scholkmann

Auslandredaktor

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Auslandredaktor Scholkmann war langjähriger Nahost-Korrespondent von Radio SRF. Vor seiner Tätigkeit im Nahen Osten war er Korrespondent in Paris und Moderator beim «Echo der Zeit».

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46 Kommentare

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  • Kommentar von Wolfgang Nivard Wolfsgruber  (Nivi)
    Vor der Gründung der EU, hätte man über eine Drohung der Türkei, die Grenze nach Europa zu öffnen, gelacht. Die Grenzen waren damals noch intakt.
    Und dass das Nato-Mitglied Türkei in Syrien illegal eingefallen ist, hätte die Nato mit allen Mitteln, z.B. mit einer Ausschlussandrohung, vehement verhindern müssen.
    Aber dass jetzt Erdogan auch noch militärischer Hilfe von der EU/Nato mit der Grenzöffnung zu erpressen versucht, ist wohl an Wahnwitz nicht mehr zu übertreffen!
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer  (Koni)
      Das ist das Resultat der total unfähigen EU Politiker und Politikerinnen und ihrer anpassment Wischi - Waschi Politik. Nur nichts selbstständig Unternehmen, keine Grenzen setzen / bewachen usw. Erdogan weiss sehr wohl, dass er mit Europa machen kann was er will, denn er hat sie ja alle in der Hand
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  • Kommentar von Drago Stanic  (drago stanic)
    Was ich vermisse ist klare Positionierung wie Presse so auch Politiker. AKP Regim ist in Syrien eingedrungen. Erogan Regim kämpft auf seite von Milizen welche in Europa, USA und sogar in Türkei auf Terroristen Liste stehen. Soldaten von AKP Regim kämpfen zusammen mit Al Qaida. Deutsche Panzerwagen werden von Al Qaida bedient. Syrien hat Recht ihre Land von Terrorismus zu befreien.
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  • Kommentar von Haller Hans  (H.Haller)
    Ich habe so etwas ähnlich Verlaufendes erwartet. Mal sehen wie lange sich Erdogans Truppe in Syrien halten kann. Das ist nämlich nicht so einfach. Nur so nebenbei, der Rückzug von Trump aus den Konflikt trächtigen Gebieten war sicherlich richtig und unumgänglich auch wenn's einige damals noch nicht wahr haben wollen.
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Der Rückzug Donald Trumps war eine Einladung an die Türkei, in Idlib einzumarschieren.
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