EU-Flüchtlingsgipfel: Weitere Milliarde für Hilfe vor Ort

Die EU spricht eine zusätzliche Milliarde Euro für die Versorgung syrischer Flüchtlinge in Nachbarstaaten des Bürgerkriegslandes. Darauf haben sich die Staatschefs an ihrem Sondergipfel verständigt. Zudem sollen in Italien und Griechenland Registrierungszentren für Flüchtlinge eingerichtet werden.

Von links nach rechts: François Hollande, Jean-Claude Juncker, Angela Merkel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die 28 EU-Staatschefs bemühten sich, mit einer Stimme zu sprechen. Reuters

  • Eine Milliarde zusätzlicher EU-Gelder zur Versorgung von Flüchtlingen in Nachbarstaaten Syriens.
  • Einrichtung von Registrierungszentren («Hotspots») in Griechenland, Italien und allenfalls Bulgarien bis Ende November.
  • Verteilung von 12'000 Flüchtlingen bleibt auch gegen den Willen osteuropäischer Staaten bestehen. Merkel: «Flüchtlinge haben keinen Anspruch auf ein bestimmtes Land.»
  • EU-Ratspräsident Tusk: «Politik der offenen Türen und Fenster muss beendet werden.» Zusätzliche Gelder für Grenzschutzagentur Frontex.

Bei ihrem Sondergipfel zur Flüchtlingskrise in Brüssel zeigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU geschlossen. In der Nacht auf Donnerstag einigten sie sich darauf, eine zusätzliche Milliarde Euro für die Versorgung syrischer Flüchtlinge in Nachbarländern Syriens aufzuwenden.

Gemäss der Abschlusserklärung soll das Geld unter anderem an das UNO- Welternährungsprogramm und das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR fliessen. Dem Welternährungsprogramm fehlte bisher Geld; die Organisation musste ihre Unterstützung für Flüchtlinge kürzen.

Hotspots in Italien und Griechenland

Neben den finanziellen Mitteln für die Flüchtlinge beschlossen die Staats- und Regierungschefs auch, in Italien und Griechenland bis Ende November sogenannte Hotspots einzurichten. Dabei handelt es sich um Registrierungszentren für Flüchtlinge.

Auch Bulgarien habe sich bereit erklärt, einen solchen Hotspot zu schaffen, sagte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. «Das Chaos an unseren Aussengrenzen muss ein Ende nehmen», meinte dazu EU-Ratspräsident Donald Tusk. Die «Politik der offenen Türen und Fenster» müsse beendet werden.

Dabei müsse stets die menschliche Würde der Flüchtlinge gewahrt werden, ergänzte Merkel. Dies gelte auch für jene Menschen, die wieder in ihr Heimatland zurück müssten, weil sie kein Recht auf Asyl hätten. «Das hat etwas mit dem Gesicht Europas in der Welt zu tun», sagte Merkel. Bei aller Unterstützung für die Flüchtlinge gebe es für diese jedoch keine Wahlfreiheit: «Es gibt keinen Anspruch auf ein bestimmtes Land.»

Mit oder ohne Assad?

Merkel äusserte sich nach dem Gipfel auch zur Rolle des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad: «Es muss mit vielen Akteuren gesprochen werden, auch mit Assad.» Der französische Präsident François Hollande hingegen sagte, eine Lösung des Konflikts in Syrien mit dem Diktator sei nicht möglich. Die Frage, ob Assad in eine Konfliktlösung eingebunden werden soll oder nicht, dürfte noch zu reden geben.

Kampfansage von Hollande

Vor dem Sondergipfel war Hollande mit einer Kampfansage aufgetreten. Wer europäische Werte nicht teile, solle sich fragen, ob er noch in der EU bleiben wolle, sagte Hollande. Namen von Staaten nannte er nicht.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel an einer Medienkonferenz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Es muss mit vielen Akteuren gesprochen werden, auch mit Assad», sagte Merkel zur Rolle des syrischen Präsidenten. Reuters

Auch der liberale belgische Premier Charles Michel sprach sich für Sanktionen aus, falls der Beschluss der EU-Innenminister nicht in die Tat umgesetzt werde.

Rumänien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien hatten beim Treffen am Dienstag gegen den Kompromiss gestimmt, der eine Verteilung von 120'000 Flüchtlingen in Europa vorsieht. Beim Gipfel zeigten sich Mitgliedsländer aus Mittel- und Osteuropa darüber empört.

Rechtlich bindender Beschluss

Doch EU-Kommissionschef Jean-Claude Junker schloss Änderungen am Kompromiss aus: «Der Beschluss steht.» Der niederländische Regierungschef Mark Rutte sagte: «Das ist ein rechtlich bindender Beschluss, also müssen wir es am Ende machen.»

Die EU-Kommission kann rechtlich gegen Mitgliedstaaten vorgehen, die sich nicht an EU-Recht halten; solche Verfahren können vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) landen. Die Slowakei will gegen den EU-Beschluss klagen. Das kündigte der sozialdemokratische Regierungschef Robert Fico in Bratislava an. Tschechien will den Mehrheitsbeschluss dagegen akzeptieren.

Stärkung der Aussengrenzen

EU-Gipfelchef Donald Tusk rief mit eindringlichen Worten dazu auf, an einem Strang zu ziehen. Wichtigste Aufgabe sei nun der Schutz der gemeinsamen Aussengrenzen; Millionen Menschen aus Nahost könnten nach Europa strömen. Dazu sollen die EU-Grenzschutzagentur Frontex und die gemeinsame Polizeibehörde Europol gestärkt werden. «Die heutige Debatte muss sich auf Fakten gründen, nicht auf Illusionen und Emotionen», sagte Tusk.

Angela Merkel rief schon vor dem Gipfel die europäischen Regierungen zu einem gemeinsamen Vorgehen auf. Angesichts «einer grossen Herausforderung» dürfe es nicht passieren, «dass Europa sagt, wir werden mit der Sache nicht fertig», sagte sie.

«Das wäre ganz falsch», sagte Merkel in Brüssel. Europa habe die Kraft, die Krise zu bewältigen. Dazu müsse die EU in der Aussenpolitik aktiver werden und Fluchtursachen wirksamer bekämpfen, aber auch mit der Türkei beim Grenzschutz stärker zusammenarbeiten.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Kein Geld für Flüchtlinge

    Aus 10vor10 vom 23.9.2015

    Syrische Flüchtlinge sollen mehr Hilfe vor Ort erhalten, sagen Politiker bei jeder Gelegenheit. Doch es fehlen immer noch über 4 Milliarden Dollar, um die wichtigsten UNO-Hilfsprogramme in Syrien und dessen Nachbarländern zu finanzieren. 10vor10 sucht nach Antworten, weshalb die Staatengemeinschaft hier nicht längst gehandelt hat.

  • Flüchtlinge

    Aus Tagesschau vom 23.9.2015

    Vor dem Treffen der Staats- und Regierungschefs hat die EU-Kommission entschieden, die Finanzmittel zur Bewältigung der Flüchtlings-Krise auf über neun Milliarden Euro zu verdoppeln. Ausserdem will sie 40 weitere Verfahren gegen zahlreiche Mitgliedsländer eröffnen - wegen Verletzung von EU-Asylgesetzen. Einschätzungen von EU-Korrespondent Sebastian Ramspeck

  • Flüchtlinge - die Ängste der deutschen Bundesländer

    Aus Echo der Zeit vom 22.9.2015

    Am Donnerstag treffen sich in Berlin Bund, Länder und Kommunen im Kanzleramt, um Massnahmen und finanzielle Hilfe im Zusammenhang mit der Integration der Flüchtlinge in Deutschland zu beschliessen.

    Der Linke Bodo Ramelow, Ministerpräsident des ostdeutschen Bundeslandes Thüringen, erläutert seine Sicht des Problems.

    Peter Voegeli