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Ex-Libyen-Geisel Max Göldi «Uns haben Geheimpolizisten überwältigt und ins Auto gesteckt»

Legende: Audio Max Göldi über die Entführung und die Zeit im libyschen Gefängnis abspielen. Laufzeit 08:53 Minuten.
08:53 min, aus Morgengast vom 31.10.2018.

Max Göldi wurde vom Gaddafi-Regime als Druckmittel gegen die Schweiz benutzt. Im Interview spricht er über das Erlebte.

Max Göldi

Max Göldi

ehem. Entführungsopfer des libyschen Gaddafi-Regimes

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Max Göldi war 2008 beruflich in Libyen unterwegs. Nach zwei Jahren in der Schweizer Botschaft und einem libyschen Gefängnis kehrte er 2010 in die Schweiz zurück. Heute ist Göldi Pensionär und lebt in Asien. Im Buch «Gaddafis Rache» schildert er die Erlebnisse in Libyen.

SRF News: Denken Sie noch häufig an ihre Erlebnisse in Libyen?

Max Göldi: Natürlich. Das ist eine sehr prägende Phase in meinem Leben gewesen. Es gibt kaum einen Tag, wo ich nicht an die vielen Episoden zurückdenke, die wir da erlebt haben.

Was sind denn Ihre prägendsten Erinnerungen?

Es war eine schwierige Zeit mit vielen prägenden Erlebnissen. Die drei Wichtigsten waren: Die Entführung, die Schauprozesse und die vier Monate am Ende im Gefängnis, wo auch Hinrichtungen stattgefunden haben.

Nach einer kurzen Untersuchung sind wir geschnappt und weggebracht worden.

Sie sind aus der Schweizer Botschaft entführt worden. Was haben Sie bei der Entführung gedacht?

Der damalige Bundespräsident Hans-Rudolf Merz ist nach Libyen gekommen und hat einen Staatsvertrag unterzeichnet. Da entstand die Hoffnung auf ein Ende der Krise. Das hat sich leider nicht so ergeben wie geplant, weil die «Tribune de Genève» Polizeifotos von Hannibal Gaddafi veröffentlicht hat. Das war natürlich ein massiver Tiefschlag. Als Folge entführten die Libyer mich und Rachid Hamdani. Sie sagten, sie müssten eine medizinische Untersuchung als Teil der Ausreiseformalitäten durchführen. Wir sind dann ins Spital gegangen. Nach einer kurzen Untersuchung sind wir geschnappt und weggebracht worden.

Sie haben uns nach der Untersuchung nicht mehr zum Parkplatz zurückgebracht. Es ging in die andere Richtung – zu einem Hinterausgang.

Was heisst «geschnappt»? Sind Sie bedroht worden?

Sie haben uns nach der Untersuchung nicht mehr zum Parkplatz zurückgebracht. Es ging in die andere Richtung – zu einem Hinterausgang. Dort haben uns Geheimpolizisten oder Truppen vom Regime überwältigt und ins Auto gesteckt. Dann sind sie losgefahren. Da geht einem vieles durch den Kopf. Wir haben ja nicht gewusst, wer diese Leute sind, was die wollen. Und vor allem, wie lange dauert das? Schlussendlich sind wir 53 Tage ohne Kommunikation mit der Aussenwelt festgehalten worden.

Weiss überhaupt jemand, wo wir sind?

Und das in einem Land, wo Menschen unter dem Gaddafi-Regime häufiger verschwunden sind.

Das ist so. Wir durften auch untereinander nicht kommunizieren und sind in getrennten Räumen festgehalten worden. Man war völlig hilflos und hatte auch keine Information darüber, was die Schweiz machen würde. Wird weiter verhandelt? Weiss überhaupt jemand, wo wir sind?

Macht sich da Verzweiflung breit?

An und für sich bin ich ein ausgeglichener Mensch. Das hilft in so einer Situation. Man muss einfach ruhig abwarten. Die Bewacher hatten natürlich auch ihre Vorgaben. Da macht es keinen Sinn, sich da gross aufzulehnen.

Legende: Video 14. juni 2010: Max Göldi äussert sich vor der Presse abspielen. Laufzeit 02:29 Minuten.
Aus Tagesschau vom 14.06.2010.

Im Gefängnis haben sie Hinrichtungen mitbekommen. Wie haben Sie diese Situation wahrgenommen?

Bezüglich der Hinrichtungen hat man schon Tage vorher gespürt, dass etwas passieren wird. Die tägliche Routine hat sich geändert, die Wächter haben plötzlich bessere Uniformen getragen. Am frühen Morgen ist es dann losgegangen, Schüsse sind gefallen. Das ging den ganzen Tag weiter – eine sehr beklemmende Situation. Gesehen habe ich die Hinrichtungen nicht, aber die Schüsse gehört. An dem Tag sind ungefähr 80 Leute hingerichtet worden – eine grauenvolle Situation.

Nach zwei Jahren in der Botschaft und dem Gefängnis kamen Sie frei und sind in die Schweiz zurückgekehrt. Wie sind Sie nach der Rückkehr mit dem Erlebten umgegangen?

Man träumt davon, wie schön das alles wird. Die Situation war dann aber ganz anders. Ich war sehr froh über meine Heimkehr. Irgendwann aber, ist dann eine Leere gekommen, die ich mir nicht erklären konnte. Es hat mehrere Wochen gedauert bis ich wieder einem normalen Tagesrythmus nachgehen konnte. Die ganz banalen Sachen, die man wieder machen muss. Man war ja ferngesteuert.

Das Gespräch führte Elena Bernasconi.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Da ist einiges nicht gerade erfreulich ausfallend verlaufen, der Besuch von Herrn BR Merz vermochte niemanden zu überzeugen. Aber Herr Göldi hat sich auch zur Rolle von BR Calmy-Rey damals geäussert. Mir schien, er hat damit den Nagel auch genau auf den Kopf getroffen.
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  • Kommentar von Gerbrand Ronsmans (GRo)
    Ich denke es ist besser diese Vorurteilen zuruck zu halten. Und die Journalistik welcher schnell Fremde Regime verurteilt und sich selber als Retter vom Ethik und Werten seht soll auch mal zu rechenschaft gezogen werden.
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  • Kommentar von Lars Graf (Lars)
    Ich denke es ist besser nicht in solche Länder zu reisen. Türkei, Marokko...
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    1. Antwort von Daniele Röthenmund (Daniele Röthenmund)
      Die waren da nicht zum Plausch, sondern wegen Arbeit! Die Welt ist halt mal nicht sicher, wenn es dumm gehen muss passiert auch etwas zu Hause. Mein Schwager hat Jahre lang im Nahen Osten gearbeitet und er hat davon nur geschwärmt, außer vom Reis den er nicht mehr sehen konnte, das selbe gilt für die Eltern meines besten Freundes die in Abu Dabi waren, die zeigen noch jetzt mit leuchtenden Augen die Fotobilder von dieser Zeit und erzählen vom erlebten.
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    2. Antwort von marlene Zelger (Marlene Zelger)
      Korrektur: "....nicht MEHR in solche Länder zu reisen". Ich habe zu einer Zeit, als man sich noch frei bewegen konnte und keine Entführungen usw. befürchten musste, mehrere muslimischen Ländern im Nahen Osten und Nordafrika bereist, u. a. auch Marokko und die Türkei. ich möchte die wunderschönen Erlebnisse, die Gastfreundschaft und die grossartige Kultur dieser Länder nicht missen. Es macht mich traurig, dass sich die Zeiten zum Negativen gewandelt haben,.
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    3. Antwort von Astrid Meier (Swissmiss)
      Die Türkei und Marokko lassen sich wirklich nicht mit Libyen unter Ghaddafi vergleichen. Beides sind durchaus Länder mit Massentourismus, das war Libyen nie. Ich habe mich in beiden noch nie auch nur im Geringsten bedroht gefühlt.
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