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Alle zwei Minuten ein neuer Sarg
Aus Echo der Zeit vom 29.07.2021.
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Fachkräftemangel in Osteuropa Halb Europa bestellt Särge in Ungarn

Im Osten von Ungarn baut die Firma Karsol Särge. Die Pandemie färbt das Geschäft eigentlich golden, wenn da nur nicht ein grosses Problem wäre.

Ba-bam, ba-bam, ba-bam. So schlägt nicht nur das Herz. So klingt es auch, wenn die Maschine Holz zuschneidet für einen Sarg. Es ist eine sogenannte Gehrungsmaschine, sie läuft vollautomatisch. 

Die Maschine in den weiten Hallen von Karsol hat viel Holz zugeschnitten in letzter Zeit. In Nyíradony in Ostungarn, kurz vor der ukrainischen Grenze, zimmerten Karoly Balogh und seine Angestellten sowieso schon mehr Särge als irgendjemand sonst in Osteuropa, verschickten sie über den halben Kontinent, auch in die Schweiz. Und dann kam das Coronavirus und das Geschäft wurde zum todsicheren Erfolg. 

Nur Vorteile dank Corona

«So etwas ist sehr selten in unserem Leben, wir haben eigentlich nur Vorteile dank der Pandemie», sagt Karsol-Chef Karoly Balogh. Eigentlich, denn das mit den ausschliesslichen Vorteilen stimmt nicht ganz. Zwar hat Karoly Balogh zeitweise doppelt so viele Särge verkauft wie in normalen Jahren, aber auch die Müdigkeit der Angestellten hat sich mindestens verdoppelt. 

Zuerst, während der ersten Coronawelle, brauchten sie in Italien, in Bergamo, plötzlich viel mehr Särge, später kam ein Drittel mehr Bestellungen aus Ungarn selbst. Kaum irgendwo sind diesen Frühling so viele Menschen am Virus gestorben wie in Ungarn. «Wir konnten diese hohe Nachfrage nur befriedigen, indem wir vom Ein-Schicht- auf den Zwei-Schicht-Betrieb wechselten. Meine Mitarbeiter mussten viele Überstunden machen. Inzwischen sind viele erschöpft und machen länger Ferien», sagt der Chef. 

Wir konnten diese hohe Nachfrage nur befriedigen, indem wir vom Ein-Schicht- auf den Zwei-Schicht-Betrieb wechselten.
Autor: Karoly Balogh Karsol

Pandemie, das heisst für Karsol aber nicht nur viel mehr Bestellungen, sondern auch mehr Aufwand. In Ungarn zum Beispiel müssen alle Särge für Coronatote eine Zinkeinlage haben. Damit lassen sie sich versiegeln, wie sonst bloss bei den grässlichsten Seuchen üblich, wie Ebola oder Lassafieber zum Beispiel.  

Särge sind aufwändig

Überhaupt sind Särge ein aufwändiges Geschäft, eines, das viel Material braucht, viel Platz und viel Arbeit. Karoly Balogh zeigt uns sein riesiges Holzlager. Hier liegen 5000 Kubikmeter Rundholz. «Alles aus der Region», sagt der Chef. «Pappelholz oder europäische Eiche.» Das Holz muss monatelang trocknen. Erst dann kann aus ihm ein Sarg werden. Die Auswahl bei Karsol erschlägt einen fast. Da ist zum Beispiel ein glänzend weiss lackierter Sarg mit Samteinlage. Oder ein holzfarbener mit Maserung und Löchern – offenbar besonders beliebt in Deutschland.

So etwas ist sehr selten in unserem Leben, wir haben eigentlich nur Vorteile dank der Pandemie.
Autor: Karoly Balogh Karsol

Alle zwei Minuten landet ein neuer Sarg in der Lagerhalle. Es könnten aber noch viel mehr sein, bei Karsol könnten sie rund um die Uhr arbeiten, nicht bloss in zwei Schichten. Könnten. Denn Karoly Balogh findet einfach nicht genug Leute, die für ihn arbeiten wollen. Vor zehn Jahren, sagt er, seien die Menschen aus den Dörfern der Gegend Schlange gestanden. Aber wenn er heute ein Stelleninserat schalte, dann melde sich einfach niemand. Dabei verdienen die Angestellten anständig bei Karsol, um die 850 Franken pro Monat. «Und die Löhne steigen jedes Jahr um 20 Prozent», sagt Chef Balogh.

 

Grosse internationale Konkurrenz

Zu wenig Leute: Dieses Problem haben viele Unternehmer und Unternehmerinnen in ganz Osteuropa. Eigentlich sind sie erfolgreich, eigentlich könnten sie noch mehr Geld verdienen. Nur: Ihnen fehlt die Arbeitskraft. Viele Menschen sind ausgewandert, gerade aus dem armen Osten Ungarns – in den Westen des Landes oder ins Ausland. Und die, die bleiben, haben andere Möglichkeiten. Die Gegend, wo Karsol Särge zimmert, zieht neuerdings internationale Unternehmen an wie der Eisstand im Park Sonntagsausflügler, die ungarische Regierung lockt mit süssen Verbilligungen.

Osteuropa fehlen die Arbeitskräfte

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Die Wirtschaft der Länder Osteuropas – Polens, Tschechiens, Ungarns zum Beispiel – wächst viel stärker als die Wirtschaft im Westen, die Arbeitslosigkeit ist tief, die Löhne steigen jedes Jahr deutlich. Das ist die gute Nachricht für den Osten. Die schlechte: Es fehlen so viele Arbeitskräfte, dass das Wirtschaftswachstum und damit der steigende Wohlstand schon wieder in Gefahr sind. Das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche rechnet damit, dass die Länder Osteuropas bis 2045 20 Prozent ihrer erwerbstätigen Bevölkerung verlieren. Der wichtigste Grund sind die offenen Grenzen in der Europäischen Union: Viele Fachkräfte wandern aus in den Westen. Gleichzeitig kommen im Osten nur wenige Kinder zur Welt.

«Wo bis vor kurzem eine Fabrik stand, gibt es heute fünf», sagt Karoly Balogh. Und die – Autobauer BMW zum Beispiel – bezahlen oft mehr. Man kann leichter Karriere machen bei ihnen. Und meistens gibt es sogar eine Kantine. Die Grossen aus aller Welt sind einfach attraktiver für Ungarinnen und Ungaren auf Arbeitssuche. Aus aller Welt, aus der nahen Ukraine zum Beispiel, kann Karoly Balogh hingegen auch keine Leute holen. «Eine Woche nach ihrer Ankunft überlegen sich die Ukrainerinnen und Ukrainer weiter in den Westen zu fahren, wo sie noch viel mehr verdienen können.» 

Automatisierung als einzige Chance

Dem Chef bleibt nicht viel übrig, wenn er allen einen Sarg liefern will, die bei ihm bestellen. Er muss seine Löhne weiterhin ständig erhöhen. Und vor allem muss er Geld ausgeben für Roboter und Maschinen, die die Arbeit der Menschen übernehmen. «Wir haben keine Wahl, unsere einzige Chance auf Wachstum ist die Automatisierung», sagt Karoly Balogh.

Wir haben keine Wahl, unsere einzige Chance auf Wachstum ist die Automatisierung
Autor: Karoly Balogh Karsol

Ba-bam, ba-bam, ba-bam: Damit sind wir wieder beim Herzschlag der Sargfabrik, bei der Maschine, die Holz zuschneidet. Bei Karsol wird nicht nur ohne Menschenhand geschnitten, auch geschliffen wird automatisch – wie eine Autowaschanlage sieht die Schleifmaschine aus.

Legende: Wer bei Karsol arbeitet, bekommt jedes Jahr deutliche Lohnerhöhungen. Karsol

In den letzten zehn Jahren hat Karoly Balogh bereits Millionen für automatische Arbeit ausgegeben, in den nächsten drei Jahren sollen noch einmal dreieinhalb Millionen Franken dazukommen. 

Ist das patriotische Politik?

Der Chef von Karsol will zum Beispiel menschenähnliche Roboter mit Armen anschaffen, die Unangenehmes und Gesundheitsschädigendes wie das Lackieren übernehmen. Das Geld dafür hat er auch dank der Pandemie – und erschöpft werden die neuen Mitarbeiter nie sein. Aber das Umstellen auf noch mehr automatische Arbeit bedeutet auch viel Aufwand, ganz wohl ist Karoly Balogh nicht dabei. Er müsse dafür bessere Manager einstellen, sagt er. Wohl aus dem Ausland. Die Politik der ungarischen Regierung, die internationalen Unternehmen mit weit offenen Armen zu empfangen, versteht er einerseits. Andererseits findet er ihre Folgen problematisch – vor allem die Tatsache, dass ihretwegen noch mehr Arbeitskräfte fehlen im Land. Gerade eine so patriotische Regierung wie die ungarische müsste doch ein Interesse daran haben, dass die kleinen und mittleren erfolgreichen ungarischen Unternehmen gedeihen.

Echo der Zeit, 29.07.2021, 18:00 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Claudia Beutler  (Claudia)
    Wer braucht einen Sarg. Einäschern ist doch das Gebot der Stunde. Die Nachfrage nach einem Friedwald und ähnlichem steigt.
    1. Antwort von Olivier Wetli  ("nicht von dieser Welt")
      Eingeäschert werden Leichen immer in einem Sarg, wenn auch in einem einfachen. Am Sarg kommt niemand vorbei.
    2. Antwort von Sonja Nemeth  (Patschifig)
      Scheinbar hat dir noch niemand erzählt, dass Verstorbene nicht einfach so in einen Ofen geschoben oder auf einen Scheiterhaufen gelegt und so eingeäschert werden - Nein die werden genauso in einen Sarg (meist etwas Einfachere) gelegt und dann zusammen mit dem Sarg in die Brennkammer des Krematoriums gefahren und verbrannt.
    3. Antwort von Willy Egli  (Hoppla-Schorsch)
      Hallo Claudia

      Dir ist aber schon bewusst, dass es auch für eine Kremation einen Sarg braucht, oder?

      LG
  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Der Artikel analysiert:
    Arbeitskräfte aus Osteuropa ziehen westlich weil es da besser verdient.
    Wirtschaft im Westen lässt im Osten produzieren weil es dort Niedriglöhne gibt = Kosten sparen.
    Folge des obigen es fehlt im Billiglohnland an Arbeitskräften.
    Produktion im Niedriglohnland sinkt = Mangel = steigende Preise wegen Gesetz Angebot und Nachfrage.
  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Das Problem nicht am Wurzel erkannt, liebes @SRF: In der Region ist nämlich Handwerk einfach verpönt und Zeichen von untergebildeten Leuten, die sonst nichts finden. Da ist die Bezahlung ab einem gewissen Punkt zweitrangig. Das ungarische ist ein verdammt stolzes Volk, niemand will als "nur" Sargbauer gelten. PS: Die Karte ist ziemlich peinlich, kein einziger Stadtname ist richtig geschrieben. Ich würde es sofort entfernen.
    1. Antwort von Rudolf Räber  (Eins)
      @ Fitzli, Vielleicht hat Ihnen noch niemand gesagt, dass sich die Einträge auf OpenStreetMap direkt ändern lassen (Open Source = Für die Gemeinschaft). Wieso tun Sie dies nicht gleich, wenn Sie schon wissen, wie diese geschrieben werden. Als einfach zu kritisieren.