«Diese Menschen werden als Kanonenfutter an der Front missbraucht», sagte der kenianische Vize-Aussenminister der Nachrichtenagentur «Agence France Presse». Dabei geht es um Berichte, dass Hunderte kenianische Männer mit scheinbar lukrativen Arbeitsverträgen nach Russland gelockt wurden. Kaum im Land und ohne jegliche militärische Ausbildung seien sie mit der russischen Armee an die Front in der Ukraine geschickt worden. Afrika-Korrespondent Fabian Urech ordnet ein.
Ist das ein neues Phänomen?
Neu ist das nicht. Berichte über Rekrutierungsbemühungen von Russland in Afrika gibt es seit rund zwei Jahren. Zuerst betraf das aber vor allem junge Frauen, die mit Job- und Studienangeboten nach Russland gelockt wurden. Tatsächlich landeten sie aber in Fabriken, wo sie Kriegsdrohnen bauen mussten. Dann wurden auch immer mehr junge Männer nach Russland gelockt, darunter Kenianer.
Wie werden die Männer nach Russland gelockt?
Russland bedient sich hier eines weit verzweigten Netzwerks in Afrika. Das besteht beispielsweise aus Reisebüros oder lokalen Rekrutierungsagenturen, die auch an Universitäten präsent sind. Dazu kommen Influencer mit grosser Reichweite auf den sozialen Medien. Sie bewerben Arbeit, Ausbildung und Geld in Russland. Ohne Jobaussichten und Perspektiven in Kenia tönt das durchaus attraktiv.
Wie rasch gelangen sie an die Front?
Nach Berichten durchlaufen die Männer eine rudimentäre militärische Ausbildung von wenigen Wochen – obwohl viele dieser Männer noch nie eine Waffe bedient hatten. Danach werden sie offenbar direkt in den Krieg gegen die Ukraine geschickt, nicht selten direkt an die Front.
Was berichten Rückkehrer?
Die Schilderungen sind schockierend. Einige erzählen, sie hätten russische Verträge unterschreiben müssen, die sie nicht verstanden hätten. Ein Zurück habe es kaum mehr gegeben, weil Deserteure in Russland hart bestraft werden. Einige berichten, sie seien an der Front für Aufgaben eingesetzt worden, die die Russen nicht selbst machen wollten. Sie seien Köder gewesen, um gegnerischen Beschuss zu provozieren. Viele Kameraden seien nicht zurückgekehrt.
Kenia kritisiert Russland scharf. Wird das etwas ändern?
In gewissen Teilen Afrikas könnte das tatsächlich etwas ändern. Afrika kritisiert Moskau üblicherweise nur sehr zurückhaltend. Neben Kenia hat sich auch Südafrika kritisch geäussert. Das könnte dazu führen, dass junge Afrikanerinnen und Afrikaner künftig genauer hinschauen, wenn sie Jobangebote aus Russland sehen. Gleichzeitig gibt es autokratische Länder, in denen solche Debatten kaum öffentlich geführt werden. Dort dürfte dieses russische Rekrutierungssystem einfach weitergehen.
Warum sucht Russland gerade in Afrika Rekruten?
Russland verfügt auf dem afrikanischen Kontinent über gute, langjährige Netzwerke, teils mit Wurzeln im Kalten Krieg. Zugleich nützt Russland die Notlage mancher Menschen aus. Moskau fokussiert auf junge gebildete Menschen, die Englisch reden und digital vernetzt sind. Gleichzeitig sind diese oft unzufrieden und haben begrenzte wirtschaftliche Perspektiven. Diese Kombination aus jung, gebildet und ambitioniert, aber in der Armut gefangen, hat Russland erkannt. Moskau scheint diese Situation skrupellos auszunutzen, um Personal für den Krieg zu gewinnen.