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Flüchtlingselend in Libyen Die Migranten und ihr Albtraum von Europa

Gestrandet, verloren, vergessen: Im Bürgerkriegsland erwarten die Migranten fürchterliche Zustände. Unser Korrespondent war in Tripolis.

Legende: Video Die Reportage aus Libyen abspielen. Laufzeit 3:10 Minuten.
Aus 10vor10 vom 10.11.2017.

Die Situation der in Libyen gestrandeten Flüchtlinge und Migranten beschäftigt Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen. Sie beklagen unhaltbare Zustände in den Internierungslagern, gewaltsame Übergriffe auf schutzlose Menschen und eine gleichgültige Haltung Europas gegenüber dem Elend.

Doch Europa steckt im Dilemma: Es unterstützt den libyschen Staat finanziell, damit dieser die Migranten auf dem Weg nach Europa abfängt und interniert. Dass die Zusammenarbeit mit teils zweifelhaften Akteuren im Bürgerkriegsland problematisch ist, ist jedoch auch der Politik nicht verborgen geblieben.

In der «NZZ am Sonntag» plädierte Justizministerin Sommaruga dafür, zu prüfen, besonders verletzliche Flüchtlinge aus den libyschen Lagern in die Schweiz zu holen:

Wir müssen die Schwächsten rasch aus den libyschen Haftzentren rausholen.
Autor: Simonetta SommarugaJustizministerin

Wie die Lage der Vertriebenen in Libyen wirklich ist, wissen nur wenige. SRF-Italien-Korrespondent Philipp Zahn weilt derzeit im Land und konnte sich selber einen Eindruck verschaffen. Er schildert, wie der Flüchtlingspakt zwischen Libyen und Europa funktioniert: «Die Menschen, die von der libyschen Küstenwache aufgegriffen werden, werden in offizielle Internierungslager gebracht und dort mithilfe der Internationalen Organisation für Migration (IOM) registriert.»

Befreiung aus den Lagern der Milizen

Dann werde versucht, eine Rückführung der Menschen in ihre Heimatländer zu organisieren. Die Rückführaktionen würden momentan «im grossen Stil» laufen: In den letzten Wochen seien fast 15'000 Migranten aus Internierungslagern der Schlepper befreit worden, berichtet Zahn. Nun seien diese Menschen in den offiziellen Internierungs- und Abschiebelagern in der Hauptstadt Tripolis.

Der SRF-Korrespondent hatte in den letzten Tagen die Möglichkeit, eines der offiziellen Lager zu besuchen: «Ich war in einem der Hauptlager hier in Tripolis, das in relativ gutem Zustand ist. Dennoch: Die Menschen werden in grossen Massen gehalten. Sie müssen sich anstellen, um eine Kelle Reis zu bekommen. Letztlich ist es wie in einem Gefängnis.»

Zahn konnte mit einigen der Internierten sprechen. Am meisten laste die Ungewissheit auf ihnen:

Sie sind sehr frustriert. Sie wissen nicht, wie lange sie noch in den Lagern ausharren müssen und ob sie eine Chance haben, herauszukommen.
Autor: Philipp ZahnSRF-Korrespondent in Italien

Der leichteste Weg, Gewissheit zu bekommen, ist schnell ausgemacht: Die freiwillige Rückkehr ins Heimatland.

Gestrandet im Bürgerkriegsland

Zahn konnte mit einigen Migranten aus Burkina Faso am Flughafen von Tripolis sprechen, die auf ihren Ausschaffungsflug warteten: «Sie berichteten, wie sie in der Küstenstadt von ‹Grenzwächtern› – eigentlichen Milizionären – völlig ausgeraubt und dann in ein Lager gesteckt wurden.»

Geblieben sei ihnen nichts als die Kleider, die sie am Körper trugen. «Die meisten dieser Menschen beschweren sich bitter über die humanitäre Situation in Libyen. Sie sehen keine Möglichkeit, im Land zu bleiben: Es gibt keine Arbeit, stattdessen leben sie in ständiger Angst ausgeraubt oder von irgendwelchen Milizionären entführt zu werden.»

Bewaffnete Milizen unterhalten eigene Internierungslager, wo die Migranten unter teils katastrophalen Bedingungen dahinvegetieren: Menschenrechtsorganisationen prangern sexuelle Gewalt, Folter und Versklavung an.

Schuhe vor der libyschen Küste
Legende: Die europäischen Staaten wollen auch das tausendfache Sterben im Mittelmeer beenden. Reuters

Macht sich Europa angesichts solch unwürdiger Zustände in seiner direkten Nachbarschaft schuldig? Zahn relativiert: Europa habe wenig Möglichkeiten, vor Ort zu intervenieren, da die meisten Länder keine konsularischen oder botschaftliche Vertretung mehr hätten. «Ein zusätzliches Problem ist, dass auch das Flüchtlingshilfswerk der UNO, das UNHCR, nur sehr sporadisch in Libyen arbeiten kann.»

Die internationalen Beobachter und auch die Hilfswerke seien also vom Goodwill einzelner Milizenchefs abhängig: «Sie alle sind der Situation ausgeliefert, solange der Status der internationalen Hilfe in Libyen nicht offiziell auf stärkeren Beinen steht.»

Kaum Möglichkeiten für organisierte Hilfe

Am Montag trifft sich in Bern die «Kontaktgruppe zentrales Mittelmeer». Eines ihrer zentralen Anliegen ist, den Schutz der Geflüchteten entlang dieser Migrationsroute zu verbessern. Die Einführung humanitärer Visa, wie sie Justizministerin Sommaruga zur Diskussion stellt, dürfte vorderhand nicht realisiert werden:

Europa hat sich faktisch von Libyen abgewendet: Es gibt fast keine internationalen Strukturen, die in der Lage wären, so eine Scharnierfunktion zu übernehmen. Es muss noch viel Aufbauarbeit geleistet werden.
Autor: Philipp ZahnSRF-Korrespondent in Italien

Solange der Status der IOM und des UNHCR im Land derart schwach sei, hält Zahn konkrete Vereinbarungen mit lokalen Milizen für illusorisch. Am Treffen in Bern steht die Evakuierung von Flüchtlingen denn auch nicht im Vordergrund.

Internationale Standards für Asylstrukturen

Die Schweiz will sich am dritten Treffen der Kontaktgruppe dafür einsetzen, dass die Situation in diesen Lagern verbessert wird. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und das IKRK sollen Zugang erhalten. Zur Diskussion steht auch, international geführte Zentren zu eröffnen, speziell für besonders verletzliche Flüchtlinge wie Kinder und ältere Menschen.

Die Bemühungen beschränken sich aber nicht auf Libyen: Das Ziel ist viel mehr, die gesamte Region einzubeziehen. In den Transitländern auf der Migrationsroute sollen Asylstrukturen aufgebaut werden, die internationale Standards erfüllen. (sda)

Philipp Zahn

Philipp Zahn

Philipp Zahn berichtet für SRF aus Italien und dem Vatikan. Er lebt seit 1995 in Rom. Zahn studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie in Berlin und Siena.

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118 Kommentare

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  • Kommentar von A. Zuckermann (azu)
    Und noch etwas: Globalisierung ist älter als Nationalstaaten. Und genau da hat das Nationaldenken seine Faschistischen Gene liegen. Das paranoide Bild unserer National als unterlegenen Staat, gegenüber einem Anderen. Die Idee uns "zu Schützten" vor den Auswirkungen der Globalisierung ist Faschismus. Dabei war nie die Globalisierung das eigentliche Problem, sonder die massive Ungleichheit führte zu den Verwerfungen. Was sollten wir also tun? Probieren diese Ungleichheit auszugleichen…?
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    1. Antwort von Margot Helmers (Margot Helmers)
      Sie haben die Dimensionen nicht vor den Augen. Sehen Sie sich den Link von Reto Jorns an. Frage; in welchen Beruf arbeiten Sie?
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    2. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Die Globalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Die multinationalen Firmen gehen dorthin wo es ihnen am meisten rentiert. Es läge an der Politik, die Probleme der Globalisierung abzufedern. Dazu gehört auch, die Völkerwanderung zu unterbinden. Sie bringt unter dem Strich niemandem etwas.
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  • Kommentar von A. Zuckermann (azu)
    Ein Blick ins Forum zeigt eine fürchterliche Aternativlosikeit der Rechtspolitischen Haltung. Vielleicht sollte man das ganze Nationalsystem mal überdenken. Der Systemfehler liegt vielleicht in diesem falschen Territorialgedanke, falschem Patriotismus. Die moderne Menschheit ist 70`000 Jahre alt, die ältesten Nationen ca. 3000 Jahre. Das sind also 67`000 Jahre Menschheit ohne Nationalstaaten. Nehmen Sie die 5 grössten Humanen Katastrophen, alle fallen sie ins Zeitalter moderner Nationalstaaten.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Früher waren Gebiete einfach von Königen, Kaisern usw. besetzt worden & haben damit auch Staaten gebildet. Nur nannte es sich u.a. König,- oder Kaiserreich. Und vor langer Zeit, haben die Wickinger u. a. fast ganz Europa besetzt & Länder über Europa hinaus & dann war es einfach das Wickinger-Reich. Und es gab auch das römische Reich, das deutsche Reich usw. War das denn besser für die Menschen, als Nationalstaaten, wo sich Menschen aus einer Nation finden? Je mehr Multikulti, umso schwieriger.
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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Und was ist mir uns Europäern? Wer hilft uns bei unserem täglichen Alptraum? Z.B. wenn wir hier in eine Stadt gehen und auf komplett fremde Kulturen treffen? Und was ist mit der Gewalt die Ausländer ins Land bringen? Von den immer höheren Sozial und Gesundheitskosten wage ich erst gar nicht anzufangen. DAS bezahlen alles wir. Und dabei sollen wir auch noch freundlich grinsen? Ich habe gar nichts gegen andere Menschen. Nur was hier abgeht ist kein Asylwesen, es ist verdeckte Migration.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      "Wer hilft uns bei unserem täglichen Alptraum? Z.B. wenn wir hier in eine Stadt gehen und auf komplett fremde Kulturen treffen?"Sie meinen, wenn Sie in Basel auf die Strasse gehen und einen Chinesischen Touristen treffen anstatt eines Senns im Edelweisschutteli?Löst das bei Ihnen einen Schock aus?Ueber all die anderen Punkte brauchen wir nicht zu diskutieren. Die Anzahl Gewalttaten ist seit Jahren am sinken und die Gesundheitskosten steigen nicht wegen der jungen,relativ gesunden Asylsuchenden.
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    2. Antwort von A. Zuckermann (azu)
      Ich habe ungefähr zur gleichen Zeit wie Ihr Kommentar zwei ziemlich ausführliche Kommentare geschrieben, endlich vorwärts zu Schauen und uns nicht mit falscher Paranoia abspeisen zu lassen. Anscheinend sind hier aber nur Populistische Kommentare erwünscht. Man will wohl unter sich sein… Ach, und zum Zustand unserer Städte: Der ist durchwegs Gut. Die Kriminalität ist seit Jahren rückläufig… und wen Sie auf eine "komplett fremde Kulturen treffen", dann lernen Sie sie einfach kennen.
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    3. Antwort von Reto Jorns (rjo)
      Die Migration ist eine riesige Geldmaschiene geworden wo nichts mehr unter Kontrolle ist. Richtige Hilfsbedürftige kommen nie bei uns an, jedoch Kriminelle, Schmarotzer und Wirtschaftsflüchtige. Warum nicht endlich nur noch Nothilfe bei uns ohne Luxus, wo jeder wirklich Bedrohte sicher nicht reklamieren würde. Dazu bessere Hilfe vor Ort zu leisten als dubiose Entwicklungshilfe an "Schurkenstaaten, wo das Geld nur wieder für Krieg ausgegeben wird.
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    4. Antwort von Reto Jorns (rjo)
      Einmal Entwicklungshilfe optisch erklärt um zu sehen, was wir für einen Unsinn veranstalten. https://youtu.be/zNERcF1J1uY
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    5. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ Jorns: Hübsches Filmchen. Nur leider völlig an der Realität vorbei. Der Redner behauptet, die Flüchtenden seien Wirtschaftsmigranten, die kommen weil sie arm sind. Wenn das so wäre, würde seine Argumentation stimmen. Nur leider geht er von falschen Voraussetzungen aus. Die Menschen kommen weil sie an Leib und Leben bedroht sind. Ganz abgesehen davon, dass es despektierlich ist Kreigsversehrte Kinder aus Syrien mit Kaugummikugeln zu vergleichen.
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    6. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Jetzt muss ich aber Herrn Duran Recht geben. Hier in Basel stösst man Nicht nur auf eine Gruppe asiatischer Touristen. Die gab es schon immer. Aber was einen nachdenklich macht , wenn die Hälfte der Fahrgäste im Tram Ausländer sind.,? Für mich kein Alptraum, aber man fragt sich schon manchmal, wo bin ich hier. ? Wird das immer so gut gehen wie jetzt noch.?
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    7. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      @A. Z.: Wer komplett fremde Kulturen kennen lernen möchte, könnte ja auch in diesen Ländern Urlaub machen & damit dort u. a. die Wirtschaft einwenig ankurbeln. Und Menschen & ihre Kultur in ihrer Heimat, statt hier an Bahnhöfen usw. kennen zu lernen, ist doch viel näher an den Menschen & ihrer Kultur zu sein.
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