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Förster gegen Umweltschützer Der Kampf um den letzten Urwald Europas

Die Förster wollen ihn retten, indem sie die kranken Fichten fällen. Die Umweltschützer, indem sie die Förster daran hindern. Sicher ist: Im polnischen Wald von Bialowieza tobt ein Kampf um ein unersetzliches Naturerbe.

Blick in den Wald.
Legende: Einzigartiges Ökosystem: In weiten Teilen des Waldes wurde nie Holz geschlagen. Krystian Maj

Der Wald von Bialowieza war das Jagdgebiet der polnischen Könige. Er steht seit Jahrhunderten unter Schutz. Nur einige Abschnitte des Waldes werden seit dem ersten Weltkrieg genutzt. Biologen sprechen vom letzten ursprünglichen Wald Europas. Immer wieder stossen sie auf Überraschungen bei der Erforschung des Zusammenlebens von Pflanzen und Tieren.

Gerodete Waldfläche.
Legende: Riesige Schneisen: Gefällt werde auch in Schutzgebieten, sagen Umweltschützer. Krystian Maj

Vor zwei Jahren hat die polnische Regierung die erlaubte Holzschlagmenge verdreifacht. «Die Förster müssen die Borkenkäferplage in den Griff bekommen», so die Begründung. Seither entstehen vielerorts im Wald grosse Lichtungen. Die Förster sagen, sie fällen nur da, wo es erlaubt ist. Die Umweltschützer sagen, die Schutzauflagen würden missachtet. Und die EU-Kommission hat beim Europäischen Gerichtshof Klage eingereicht wegen der Abholzung.

Abgestorbene Fichten.
Legende: «Stehende Leichen»: Förster haben tote Fichten markiert. Krystian Maj

Der Borkenkäfer befällt nur Fichten. Die liefern gut verkäufliches Holz, darum wurden sie früher gern angepflanzt. Doch für Fichten ist es in Bialowieza wegen des Klimawandels wohl zu warm geworden. Für Förster sind die toten Bäume «stehende Leichen». Sie möchten deren Holz ernten und befallene Gebiete neu aufforsten. Naturschützer wollen den natürlichen Zerfalls- und Wachstumsprozessen ihren Lauf lassen.

Mann zeigt auf Baumrinde.
Legende: Jedes Loch ein entflohener Käfer: Oberförster Grzegorz Bielecki mit zerfressener Rinde. SRF

«Mit jedem Baum, den wir fällen, retten wir 30 gesunde Bäume», sagt Oberförster Grzegorz Bielecki. Er macht kein Hehl daraus, dass er sich über die Verfügung des Europäischen Gerichtshofes hinwegsetzt, den Holzschlag bis zu einem Urteil zu unterlassen: «Das hiesse für uns ja, aufzuhören, den Wald zu pflegen.» Einen Wald schütze man, indem man ihn nachhaltig nutze, sagt er. Und in Schutzgebieten würden ja nur Bäume gefällt, die eine Gefahr darstellten: «Sie könnten auf Waldbesucher fallen.»

Joanna Pawluskiewicz.
Legende: Aktivistin Joanna Pawluskiewicz steht vor einer Sperre der Waldwächter. SRF

Ein Witz, findet Joanna Pawluswkiewicz: «Der einzige Mensch, der hier je von einem Baum erschlagen wurde, war ein betrunkener Holzfäller, der während eines Sturms in den Wald ging.» Für sie und ihre Mitstreiter ist es schwierig geworden, die Holzfäller aufzuhalten. Denn Waldwächter – auch aus anderen Gebieten Polens – wurden in Bialowieza zusammengezogen, und sperren viele Wege im Wald ab.

Holzvollernter im Wald.
Legende: Ungestörtes Arbeiten: Ein Holzvollernter rückt nach Anbruch der Dunkelheit aus. Krystian Maj

In Bialowieza kommen sogenannte Harvester, Holzvollernter, zum Einsatz. Die schweren Maschinen fällen, entasten und zersägen einen Baum in weniger als einer Minute. Sie sind für die industriemässige Forstwirtschaft ausgelegt, nicht für den Einsatz in Naturschutzgebieten. Ihnen fallen nicht nur tote Fichten zum Opfer, sondern auch gesunde Bäume, die im Weg stehen.

Baumstämme.
Legende: Trotz Schutz gefällt: Aktivisten kennzeichnen die über 100 Jahre alten Stämme. SRF

Besonders geschützt wären Bäume, die über hundert Jahre alt sind. Sie gehen zurück auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – vor den ersten menschlichen Eingriffen in das einzigartige Ökosystem. Für Biologen verliert der Wald an Ursprünglichkeit mit jedem solchen Baum, der gefällt wird.

Umweltschützerin an Holzfällermaschine gekettet.
Legende: Internationaler Widerstand: Aktivisten aus ganz Europa treffen sich im polnischen Urwald. Krystian Maj

Immer noch gelingt es Umweltschützern, sich an Waldmaschinen zu ketten. Über tausend Aktivistinnen und Aktivisten schlossen sich dieses Jahr schon für ein paar Tage oder Wochen dem Widerstand an. Sie kommen aus Warschau, Schweden, Italien, Deutschland oder Portugal. Unter ihnen sind viele Biologen, die auch den Wald inventarisieren und Buch führen über die Rodungen.

Plakate an Holzwand.
Legende: Alkoholverbot: Im Camp der Aktivisten gelten strenge Regeln, um der Polizei keine Angriffsfläche zu bieten. SRF

Die Waldschützer werden von der Polizei streng überwacht. Doch sie bieten keine Angriffsfläche. In ihrem Camp sind Drogen und sogar Alkohl verboten. Anfangs gingen viele Einheimische auf Distanz zu den auswärtigen Besuchern. Doch mit Informationsanlässen und vielen Gesprächen ziehen die Umweltschützer immer mehr Leute aus der lokalen Bevölkerung auf ihre Seite.

Mann zeigt auf Kinderzeichnung an Wand.
Legende: Sogar Kinder protestieren: Slawomir Dron organisiert den lokalen Widerstand. SRF

«Ausser dem Wald haben wir hier nichts Wertvolles», sagt Slawomir Dron. Er vermietet Ferienwohnungen und Velos. Seine Geschäfte sind dieses Jahr eingebrochen. «Die Touristen kommen nicht, wenn sie hören, dass die Waldwege gesperrt sind.» Dabei seien im Dorf Bialowieza zehnmal mehr Leute im Tourismus tätig als in der Forstwirtschaft. Seit diesem Frühling organisiert er den lokalen Widerstand gegen die Abholzung. Mit Erfolg: «Die Stimmung kippt», sagt er.

Baumstämme.
Legende: Bereit für den Verkauf: Die Regierung hat die Menge des erlaubten Holzschlags verdreifacht. Krystian Maj

Der Wald von Bialowieza macht nur 0,7 Prozent des Waldes in Polen aus. Es wäre kaum ein Verlust für die Regierung, hier auf den Holzschlag zu verzichten. Doch Beobachter vermuten, Umweltminister Jan Szyszko sei in Bialowieza auf Rache aus.

Vor zehn Jahren scheiterte sein Projekt einer Umfahrungsstrasse durch ein Naturschutzgebiet im Nordosten Polens am Widerstand der Naturschützer. Szysko sagt, es gehe ihm um den Borkenkäfer und den Erhalt des Waldes. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes über die Abholzung steht noch aus. Ungewiss ist auch, wie die polnische Regierung auf einen Schuldspruch reagieren wird.

Fläche von Urwald Bialowieza
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14 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Chauvet  (xyzz)
    Diese 600 Quadratkilometer Urwald könnten die Polen eigentlich in Ruhe lassen, vor allem wenn man sieht, wie viel weitflächige Gebiete in Polen heruntergekommen sind und jeglicher Beschreibung spotten.
  • Kommentar von Dani Queren  (Queren)
    Das Schweizer Mittelland sieht in 50 Jahren so aus wie der Gazastreifen. Da hat dann die Natur auch nichts mehr darin zu suchen und wir haben all dem sogar noch zugestimmt.
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Ich denke, sie waren noch nie im Gazastreifen.
  • Kommentar von Dani Queren  (Queren)
    Wir brauchen diese Flächen um die ganze Welt bei uns aufzunehmen, also weg mit diesem Wald. Ja so ist das Leben. Aber ein von der EU finanziertes Naturreservat wäre schon angebracht.
    1. Antwort von Marcel Chauvet  (xyzz)
      2004-2015 erhielt Polen 89,12 Mrd. Euro mehr aus der EU, als es eingezahlt hatte. Seit 2009 ist Polen der Spitzenreiter unter den Nettoempfängern, trotzdem halten sie sich nicht an die EU-Regeln, wozu sie sich im Beitrittsvertrag verpflichtet haben. Im übrigen hat der Europäische Gerichtshof von Polen den sofortigen Stopp des Holzschlages angeordnet, was missachtet wird und Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen im Gange sind.
    2. Antwort von E. Waeden  (E. W.)
      1. Wurde u. a. auch schon in D. viel Wald wegen des Borkenkäfer gerodet. Nicht nur in Polen verschwinden die Urwälder. 2. Wollte man ja die ehem. Ostblockstaaten unbedingt als Pufferzone gegen Russland in der EU. Diese sind halt jetzt auch eine Art von Borkenkäfern, welche die EU als ihren Wirt benützen. Also nicht jammern.