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Frankreich: Besserer Schutz der Kinder
Aus Rendez-vous vom 19.02.2021.
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Folgen der Affäre Duhamel Frankreich geht den weit verbreiteten Inzest an

Das französische Parlament debattiert über ein neues Gesetz. Dabei stellen sich heikle Fragen.

Anders als etwa in der Schweiz ist in Frankreich Inzest nicht grundsätzlich strafbar. Auch juristisch wird Inzest unterschiedlich definiert. In der Schweiz geht es um sexuelle Beziehungen zwischen Blutsverwandten im ersten und zweiten Grad.

In Frankreich wird der familiäre Kreis erweitert. Vor allem sind dort auch neue Partner der leiblichen Eltern inkludiert, wenn sie eine Art elterliche Gewalt ausüben.

Diskussion um Schutzalter 18

Die Debatte dreht sich deshalb um Kindesmissbrauch und den Begriff «Consentement»: War ein sexueller Kontakt zwischen Kindern oder zwischen einem Erwachsenen und einem Kind einvernehmlich?

Dagegen wehrt sich die sozialistische Abgeordnete Isabelle Santiago. Inzest oder sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen könnten nie einvernehmlich sein, sagte sie in der Debatte.

Ein Buch brachte die Sache ins Rollen

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Die Diskussion um Inzest in Frankreich begann mit dem Buch der französischen Anwältin Camille Kouchner. Darin wirft sie ihrem Stiefvater, dem einflussreichen Verfassungsjuristen Olivier Duhamel, vor, er habe ihren Zwillingsbruder missbraucht. Seither ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern in der eigenen Familie, also Inzest, ein grosses Thema in Frankreich. Zahlreiche andere Fälle von Kindsmissbrauch und Inzest wurden in Medien und sozialen Netzwerken an die Öffentlichkeit gebracht. Mittlerweile hat sich die Politik eingeschaltet. Am Donnerstag wurde ein erster konkreter Schritt gemacht: die Nationalversammlung verabschiedete in erster Lesung ein Gesetz, das Kinder besser schützen soll.

Auf ihren Antrag will die Nationalversammlung neu ein Schutzalter einführen. Bei sexuellen Beziehungen innerhalb der Familie sind es 18 Jahre. Das Gesetz geht nun an den Senat, der sich bereits für eine andere Fassung ausgesprochen hat.

Zehn Prozent haben Inzest erfahren

Ihren Vorschlag hatte Santiago anfangs Januar eingereicht. Zur gleichen Zeit, als das Buch zur Missbrauchsaffäre Olivier Duhamel erschien. Allerdings sei das Thema schon länger aktuell geworden, sagt Patrick Loiseleur, Vizepräsident der Kinderschutzorganisation «Face à l'Inceste».

Schon im November letzten Jahres zeigte die Organisation mit einer Umfrage, dass zehn Prozent der Befragten Inzest erfahren hätten.

Der Bevölkerung sei darum laut Loiseleur sehr wohl bewusst, dass die Geschichte von Camille Kouchner schnell ähnlich für 100'000 Familien in Frankreich gelte. Das Thema sei besonders heikel, weil es mit der Familie einen besonders intimen Erfahrungsbereich betreffe. Denn die Kinder stünden unter starkem Druck, zu schweigen.

Millionen Betroffene in Frankreich

Loiseleur kennt die Informationsveranstaltungen, die «Face à lnceste» an Schulen durchführt, bei denen Kinder zum Beispiel über ihre Rechte aufgeklärt würden.

Meistens würden sich anschliessend Kinder entweder bei der Lehrperson oder beim Kursleiter melden. Das Problem betreffe Millionen und bleibe trotzdem auf der Oberfläche unsichtbar. Von sich aus, glaubt er, würden Kinder innerhalb der Familie über Missbrauchserfahrungen reden. In den meisten Fällen würden sie aber nicht gehört.

Immense Dunkelziffer

Darum sei die Dunkelziffer beim Missbrauch von Kindern innerhalb der Familie besonders gross. Denn viele Kinder würden durch die Familie unter grossen Druck gesetzt, zu schweigen. Viele reden erst, wenn sie längst erwachsen sind, oft Jahrzehnte später. Darum sind auch Verjährungsfristen wichtig. In Frankreich sind es derzeit 30 Jahre.

Kinderschutzorganisationen möchten die Frist ganz aufheben. Das will die Regierung aber nicht. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass nur Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht verjähren sollen. Die Verjährungsfrist wird darum bei der weiteren Beratung des Kinderschutzgesetzes im Parlament ein weiterer Streitpunkt sein.

SRF 4 News, Rendez-vous vom 19.2.2021, 12.30 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Janis Wolfisberg  (immensitas)
    Das Thema ist sicher ernst zu nehmen, und die Dunkelziffer ist sicher ein wesentlicher Faktor. Aber die Zahl der Organisation "Face à l'inceste" kann ich unmöglich nachvollziehen..10%? 6.7 Millionen Franzosen sollen Opfer von Inzest gewesen sein?? Entweder die Definition von Inzest wurde unglaublich weit ausgelegt, oder die Studienteilnehmer sind definitiv nicht repräsentativ
  • Kommentar von Rolf Meier  (r0lf)
    Die Strafe für Inzest aufgrund von Blutsverwandschaft ist durch die erhöhte Gefahr von genetischen Fehlern begründet. Bruder und Schwester, die sich erst später kennenlernen, sind daher durch Strafe bedroht. Andererseits gibt es Menschen mit nachweislich vorhandenen Genfehlern, denen es aber ausserhalb der Familie trotzdem erlaubt ist, Nachwuchs zu zeugen, auch wenn diese zu 100% diese Genfehler an ihre Kinder vererben werden. Daher steht das Inzestverbot schräg in der Landschaft.
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Es geht kaum nur um Genetik, eher wird auch miteinbezogen, dass innerhalb der Familie zusätzlich praktisch ausschliesslich ein Abhängigkeitsverhältnis besteht.
  • Kommentar von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
    Welchen Unterschied macht es im Grunde, ob Täter und Opfer miteinander verwandt sind oder nicht? Kindesmissbrauch bleibt Kindesmissbrauch und gehört empfindlich bestraft - ob es nun der Vater oder der Pfarrer oder ein völlig Fremder war.
    1. Antwort von Silvia Grossenbacher  (Siku)
      Leider ist es nicht das selbe. Ein Missbrauch durch einen Aussenstehende ist schlimm genug und soll auch genauso bestraft werden. Vater, Mutter, Geschwister, Familie sind die ersten Menschen die wir lieben, mit denen uns ein Urvertrauen verbindet und wenn darin Missbrauch geschieht, zerstört es dieses Urvertrauen..... Es ist nicht in wenigen Worten zu erklären, dazu ist dieses Thema zu komplex. Nicht umsonst nennen es Menschen die damit zu tun hatten/haben Seelenmord.
    2. Antwort von Gabriella Itin  (Salat)
      Das Soziale geht verloren und dann wundert man sich noch ?
      Die Jugend hat so ein schwerer Stand. Von der Politik,der Wirtschaft
      So wie die moderne Welt was mehrheitlich nur negatives bringt.
      Ein Umdenken ist dringend nötig !
      Lieber zwei Schritte zurück dafür wieder Sozialer, mehr Kommunikation die heutzutage unterbunden wird etc.
      Wer sagt wir müssen mit der Zeit gehen ? Die die noch reicher werden wollen ?
      Wir müssen nicht ! Schon gar nicht wenn die Entwicklung dadurch gefährdet ist.