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Forschung zu Amok-Läufen «In den USA wird die Waffenkultur gefeiert»

Zaun vor der Schule in Florida. Daran sind ein Absperrband und Holzkreuze befestigt.
Legende: Nach dem Amoklauf: Soziologe Tristan Bridges analysiert die Beziehung amerikanischer Männer zu ihren Waffen. Reuters

Nach dem Amoklauf in einer Schule in Florida, bei dem 17 Menschen ermordet wurden, wird in den USA wieder über die Waffengesetze diskutiert. Doch es gehe nicht nur um die Gesetze, sagt Soziologe Tristan Bridges. Es gehe vor allem um die Waffenkultur der amerikanischen Männer.

SRF News: Warum werden in den USA vorwiegend Männer zu Tätern mit Schusswaffen?

Tristan Bridges: Tatsächlich sind es meistens Männer. Die Gesellschaft erklärt sich das so, dass Männer und Frauen halt unterschiedlich seien. Mit dieser Deutung bin ich aber nicht einverstanden. Das zeichnet ein schlechtes Bild der Männer. Denn dass Männer von Natur aus gewalttätig sein sollen, lässt sich nicht nachweisen. Wir wissen das auch deshalb, weil es diese Art der Gewalt nicht überall auf der Welt gibt. Wir sollten uns deshalb zwei Fragen stellen.

Dass Männer von Natur aus gewalttätig sein sollen, lässt sich nicht nachweisen.

Tristan Bridges

Tristan Bridges
Legende:ZVG

Der Soziologe ist Assistant Professor an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara und forscht zum Thema Maskulinität und Waffengebrauch.

Weshalb gibt es diese Schiessereien in den USA häufiger als sonst wo auf der Welt? Und warum sind die Täter amerikanische Männer? Diese Fragen erforsche ich zurzeit. Vieles deutet darauf hin, dass es bei vielen Verbrechen einen Zusammenhang zum Geschlecht gibt oder eben zu den Eigenschaften, die wir diesem Geschlecht zuschreiben.

Und welche Verbrechen kann man aus soziologischer Sicht den Geschlechtern zuschreiben?

Ein typisch männliches Verbrechen sind Überfälle. Mit gezogener Waffe ein Geschäft überfallen, das machen fast ausschliesslich nur Männer. Soziologen schauen dieses Vorgehen als Inszenierung von Maskulinität an. Diebstahl hingegen scheint ein eher weibliches Verbrechen zu sein. Vor allem junge Frauen stehlen häufig Dinge, die wir mit Weiblichkeit verbinden, Kosmetik, Unterwäsche oder Kleider. Die Tat ist gewissermassen eine Inszenierung von Weiblichkeit. Und wenn wir von diesem Konzept ausgehen, müssen wir uns nicht nur die Waffengesetze diskutieren, sondern auch, warum gerade Männer Waffen für Verbrechen einsetzen, um damit ihre Männlichkeit zu erleben.

Demonstration in den USA für strengere Waffengesetze
Legende: Nach dem Amoklauf in Florida fordern viele Amerikanerinnen und Amerikaner erneut die Verschärfung der Waffengesetze. Reuters

Abgesehen von ihrem Geschlecht, welche Charakteristika teilen die Täter sonst noch?

Dieser jüngste Fall in Florida ist für eine Schulschiesserei typisch. Der mutmassliche Täter ist ein weisser US-Amerikaner. Er hatte in der Schule und zu Hause Probleme. Er fühlte sich von seinen Klassenkameraden ausgeschlossen. Ihm fehlte die Bewunderung gleichaltriger Jungen. Und offenbar fand er auch keinen Zugang zu Mädchen seines Alters. Oftmals fühlen sich spätere Täter vom anderen Geschlecht zurückgewiesen. Wichtig aber ist: Mit diesen Erlebnissen war der mutmassliche Täter nicht alleine. Er passt genau in ein Muster, das wir seit den 80er-Jahren in den USA beobachten.

Was kann die Gesellschaft dagegen tun?

Strengere Waffenkontrollen sind ein extrem wichtiges Puzzlestück. Die Anzahl der Waffen in einer Gesellschaft hat einen klaren Zusammenhang mit der Anzahl solcher Taten. Aber es geht eben auch um Waffenkultur, um die Beziehung amerikanischer Männer zu ihren Waffen. In Kanada sind ähnlich viele Waffenhalter registriert wie in den USA. Dort sind es häufig Jagdwaffen oder Waffen für den Schiesssport. In den USA haben die Waffenbesitzer meistens mehrere Waffen und mehrere Waffentypen. Beliebt sind etwa Faustfeuerwaffen.

Eine der populärsten Waffen in den USA ist aber ein halbautomatisches Sturmgewehr, wie es auch der Täter von Florida gebraucht hat. Es ist speziell für den zivilen Gebrauch konzipiert und sieht aus wie eine Rambo-Waffe.

Eine der populärsten Waffen ist aber ein halbautomatisches Sturmgewehr, wie es auch der Täter von Florida gebraucht hat. Es ist speziell für den zivilen Gebrauch konzipiert. Es sieht aus wie eine Rambo-Waffe und ist wie gemacht für Amokläufe. Kurz gesagt, ja, in den USA gibt es sehr viele Waffen. Aber die Amerikaner haben auch eine andere Waffenkultur. Sie haben eine andere Beziehung zu ihren Waffen als anderswo.

Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es also nicht nur darum, dass US-Amerikaner Waffen besitzen, sondern dass sie diesen einen bestimmten Status geben?

Ja, es ist nicht per se das Problem, dass Männer Waffen besitzen, sondern dass sie sich vorstellen, diese auch gegen Menschen einzusetzen.

In Filmen werden Männer mit Waffen glorifiziert.

Das kommt auch daher, dass in Filmen und anderen Medien Männer mit Waffen glorifiziert werden. Die Waffenkultur wird gefeiert. Das ist eines der grossen Probleme, die wir angehen müssen.

Das Gespräch führte Sonja Mühlemann.

Waffenland USA

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31 Kommentare

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  • Kommentar von Hansruedi Elsener (Haru)
    Sie feiern die Waffenkultur und somit den Tod von Dutzenden, ja Hunderten von Mitbürger. Was für eine Gesellschaft, diese Amerikaner. Schämt euch.
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    1. Antwort von Chruti Da Goya (C-3PO)
      "Was für eine Gesellschaft, diese Amerikaner. Schämt euch." . . whoa, nicht verallgemeinern bitte, ich lebe zwar 20 Minuten noerdlich der US-Grenze, kenne aber das Land und die Leute ein wenig, und es sind bei weitem nicht alle waffenverliebte Trumpels. Ich schreibe ja auch nicht "in der Schweiz sind alles Buenzlis!" ..... auch wenn es so ist ;-)
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Gegen einen Sportschützen, der mit seinem Sportgewehr oder seiner Sportpistole seinem Hobby nachgeht, habe ich nichts. All die anderen Spinner welche mit Schnellfeuergewehren, Pumpguns und Ihren großkalibrigen Pistolen oder Colts herumballern und damit prahlen sind für mich eher Angsthasen oder/und leiden unter einem Minderwertigkeitskomplex.
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  • Kommentar von Peter Holzer (Peter Holzer)
    All die Erklärungen und Argumente der Waffennarren klingen für mich wie die Worte eines süchtigen. Die Entwaffnung dagegen scheint man beinahe als eine Art Kastration zu empfinden. Eine Waffe wird produziert um zu töten, auch wenn sie einige nutzen um damit „Spass“ zu haben. Ähnlich verhält es sich mit harten Drogen, einige haben „Spass“ damit, aber die meisten kommen dadurch zu tode.
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