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Korsika: Frankreich stellt «Autonomie» in Aussicht
Aus Echo der Zeit vom 16.03.2022.
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Frankreich und Korsika Autonomie für Korsika – ein Tabubruch mit Tücken

Autonomie – das Wort prangt in grossen Lettern auf der Tageszeitung «Corse Matin». Innenminister Gérald Darmanin hat es in einem Interview ausgesprochen: Die französische Regierung sei bereit, eine nie dagewesene Diskussion zur sogenannten institutionellen Frage aufzunehmen. «Wir sind bereit, bis zur Autonomie zu gehen», so Darmanin. Der Innenminister bereist die Insel in einem angespannten Kontext.

Pulverfass Korsika

Seit rund zwei Wochen kommt es auf Korsika immer wieder zu Protesten und Ausschreitungen, nachdem der korsische Nationalist Yvan Colonna im Gefängnis in Südfrankreich von einem Mitinsassen angegriffen worden war und seither in Lebensgefahr schwebt. Colonna war als mutmasslicher Haupttäter des Attentats von 1998 auf den Präfekten Claude Érignac zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Dass er nun im Gefängnis trotz Überwachungskameras äusserst brutal angegriffen werden konnte, wirft Fragen auf. Die Umstände werden untersucht. Für die Demonstrantinnen und Demonstranten auf Korsika ist der Schuldige längst gefunden: der französische Staat.

Zugeständnisse unter Druck?

Damit flammt ein Konflikt neu auf, den viele Festlandfranzösinnen und -franzosen der Vergangenheit zugeschrieben hatten. Was viele erstaunt: An den teils gewaltsamen Protesten beteiligen sich viele Jugendliche – obwohl sie zur Zeit der Verurteilung Colonnas noch nicht einmal auf der Welt waren. Der Konflikt ist in der korsischen Gesellschaft alles andere als vergessen.

Auch Junge gehen in Korsika auf die Strasse, wie hier bei Studentenprotesten in Ajaccio vor einer Woche.
Legende: Insbesondere Junge gehen in Korsika auf die Strasse – wie hier bei Studentenprotesten in Ajaccio vor einer Woche. imago images

Dies dürfte mit ein Grund sein, warum die Regierung unter Emmanuel Macron so rasch reagiert. Erst stellte sie in Aussicht, den besonderen Gefangenenstatus der beiden Mittäter Colonnas aufzuheben, sodass diese ihre Strafe in Korsika absitzen können – was einer langjährigen Forderung der korsischen Seite entspricht. Und nun stellt der Innenminister noch sehr viel weiterreichende Zugeständnisse in Aussicht.

Prüfstein für Macron im Wahlkampf

Damit katapultiert Macron die Korsika-Frage in den Wahlkampf. Denn der «Autonomie-Dialog» findet naturgemäss nur dann wie versprochen statt, wenn er wiedergewählt wird. Bedingung ist zudem, dass die Gewalt aufhört. Trotzdem sorgt es bei Macrons Gegnern für heftige Kritik, dass er unter dem Eindruck der Proteste handelt. Verschiedene Präsidentschaftskandidaten und -kandidatinnen links wie rechts sprechen sich heute gegen eine Autonomie Korsikas aus.

Video
Aus dem Archiv: Ausschreitungen in Ajaccio
Aus News-Clip vom 10.03.2022.
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Gleichzeitig ist unklar, wie eine solche Autonomie genau aussehen soll. Denkbar ist, dass die Inselpolitiker mehr Freiraum bei der Gestaltung eigener Gesetze bekommen – etwa um der Immobilienspekulation einen Riegel zu schieben. Schwieriger dürfte es werden, wenn es um die Anerkennung der korsischen Sprache als gleichwertige Amtssprache geht. Denn gemäss dem republikanischen Ideal sollen alle Französinnen und Franzosen gleich sein, auch in der Sprache.

Die Autonomie-Frage dürfte für Macron zum Prüfstein werden. Und das Thema ist noch immer hochentzündlich. Bereits droht die ehemals bewaffnete Untergrundbewegung FLNC damit, «den Kampf» wieder aufzunehmen. Wird Macron wiedergewählt, so wird seine zweite Amtszeit auch an seinem Erfolg oder Scheitern an der Korsika-Frage gemessen werden.

Echo der Zeit, 16.3.2022, 18 Uhr

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