Frauen in der Armee: «logisch»

Ein Bericht des Bundes zur allgemeinen Dienstpflicht verweist immer wieder auf das «norwegische Modell». Dort müssen seit vergangenem Jahr auch die Frauen einrücken. Die Norweger seien in Sache Gleichstellung grundsätzlich weiter als die Schweiz, sagt Journalist Carsten Schmiester.

Aufnahme von stehenden Soldaten: Zu sehen sind ihre Beine. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mann oder Frau? Das spielt hier keine Rolle: In Norwegen wird die Gleichstellung gross geschrieben. Keystone/Symbolbild

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Carsten Schmiester

Der deutsche Journalist ist Skandinavien-Korrespondent der ARD. Er lebt in Stockholm.

SRF News: Wie funktioniert das norwegische Modell?

Carsten Schmiester: Der Jahrgang 1997 wird komplett einberufen. Das ist eine Premiere. Statt 30‘000 ausschliesslich junge Männer sind es nun 60‘000 junge Männer und Frauen, die Ende Juli einrücken. Sie alle bekamen anfangs Jahr Post. Sie mussten einen Fragebogen ausfüllen. Es heisst, man habe sich danach die Geeignetsten ausgesucht. Davon sind 37 Prozent Frauen. Sie werden überall eingesetzt. Es gibt also keine Bereiche, wo Frauen nicht dienen müssen. Richtig gezwungen wird aber niemand, denn es wird nach Qualifikation ausgesucht. So werden beispielsweise Computerfachleute oder auch junge Menschen mit guten Sprachkenntnissen bevorzugt zum Dienst geholt.

Norwegen ist das erste Land der Welt, das eine militärische Spezialeinheit hat, die nur aus Frauen besteht. Was macht diese?

Das norwegische Militär spricht hier von einer Erfahrung, die man in Afghanistan gemacht habe. Gerade in Krisen- und Kampfsituationen gibt es auch Kontakte zur einheimischen weiblichen Bevölkerung. Dabei war es in Afghanistan nicht immer hilfreich, dass Männer mit diesen Frauen gesprochen haben.

«  In dem sehr auf Gleichberechtigung ausgerichteten Land war die Armee noch die einzige Ausnahme. »

Die Dienstpflicht für Frauen gilt in Norwegen seit letztem Jahr. War das Modell umstritten?

Hören Sie hier das Gespräch mit Carsten Schmiester

4:47 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.07.2016

Nein, nicht wirklich. Das hat aber auch damit zu tun, dass man in Norwegen Frauen in Uniform seit über 30 Jahren kennt. Es gibt den freiwilligen Dienst für Frauen schon lange. In dem sehr auf Gleichberechtigung ausgerichteten Land war die Armee noch die einzige Ausnahme. Die Mehrheit war der Meinung, dass sich das ändern müsse.

Im Sinne von «gleiche Rechte, gleiche Pflichten»?

Ja, und da gehört halt auch der Militärdienst dazu. Das wurde von den Frauen teils sogar eingefordert. Skandinavien tickt nun mal so. Gender-Neutralität ist hier ganz oben auf der Agenda.

In der Schweiz kommt die Idee einer Wehrpflicht für Frauen nicht überall gut an, gerade auch bei Politikerinnen. Sie sagen, die Schweiz habe punkto Gleichstellung noch viel aufzuholen. Stichwort: Kinderbetreuung, Lohngleichheit. Da müsse man sicher nicht mit dem Militärdienst anfangen.

Genau das ist in Norwegen und Schweden nicht das Problem: Frauen und Männer sind im Berufsleben vollkommen gleichberechtigt. Umgekehrt profitieren viele Männer von einer langen Elternzeit nach der Geburt eines Kindes, ohne dass ihnen das beruflich einen Nachteil bringen würde. Es ist in der Logik dieser Gesellschaften, den obligatorischen Militärdienst für Frauen einzuführen.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.