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Die Hikikomori: Warum sich Menschen in Japan jahrelang einsperren
Aus Zwischen den Schlagzeilen vom 20.11.2019.
abspielen. Laufzeit 11:23 Minuten.
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Freiwillige Isolation in Japan Wenn die eigenen vier Wände die ganze Welt sind

Bis zu einer Million Menschen in Japan lebt abgeschottet und ohne Job. Das wird für die Gesellschaft zu einem wachsenden Problem.

Sie verlassen die Wohnung nur, wenn es unbedingt sein muss: Hikikomori. So nennen Japanerinnen und Japaner ihre Mitmenschen, die sich selbstgewählt von der Gesellschaft abkapseln. Laut Hochrechnungen leben zwischen 500'000 und einer Million Menschen in Japan ein solches Einsiedlertum – meist bei ihren Eltern.

Durchs Internet sind Hikikomori mit der Welt vernetzt, ohne vor die Tür zu treten. Viele sprechen nicht mehr, kommunizieren mit Zetteln. Arbeiten ist unmöglich. Die Eltern, meist der Mittelschicht angehörend, umsorgen ihre Kinder und hoffen, dass sich das Problem von alleine löst.

Diese Abschottung ist ein schleichender Prozess. Knapp zwei Drittel der Hikikomori sind männlich, viele zwischen 15 und 24 Jahre alt. Eine Isolation bereits im Teenageralter ist möglich, weil die japanischen Behörden Schulabbrüche dulden.

Hikikomori werden Menschen genannt, die sich seit mindestens einem halben Jahr isoliert haben. Mehr als ein Drittel lebt seit mehr als sieben Jahren von der Aussenwelt abgeschottet. Die Ursachen für die soziale Isolation sind vielschichtig: Der Leistungsdruck bereits in jungen Jahren und der ausgeprägte Gruppenzwang in der japanischen Gesellschaft gelten aber als wichtige Motoren.

Viele Menschen in U-Bahn
Legende: Land der Angepassten: In Japan wird gesellschaftliche Konformität und akademische Leistung gross geschrieben. Einige halten dem Druck nicht stand – und fliehen in ihre eigene Welt. Keystone

Das Phänomen begann in den 80er-Jahren. Hikikomori wurde aber erst in den späten 90ern zum Begriff. Damals wurde ein neunjähriges Mädchen von einem Einsiedler entführt und in seinem Zimmer gefangen gehalten. Es folgten mehrere Fälle brutaler Messerattacken, die durch die Medien ihren Weg um den Globus fanden.

Im Jahr 2009 erstach ein 30-Jähriger fünf Familienangehörige, weil das Internet im Haus nicht funktionierte. Vergangenen Frühling lief ein Hikokomori bei einer Schule Amok und tötete eine Sechstklässlerin und ihren Vater. Das ist die eine Seite.

Das Stigma ist gross

Auf der anderen Seite gibt es Fälle wie die eines Vaters, der seinen Hikikomori-Sohn wenige Tage nach dem Amoklauf tötete – aus Angst, dieser könne selbst zum Amokläufer werden. Das Stigma ist gross: «Viele Familien verbergen ihre Einsiedler-Kinder vor den Nachbarn», sagt Martin Fritz.

Der freie Journalist lebt in Tokio und hat auf Reportagen verschiedene Hikikomori getroffen, die sich aus ihrer selbstgewählten Isolation befreit haben. Er sagt: Gewalt ist bei Hikikomori eigentlich nicht typisch. «Es geht ja meist um einen Rückzug nach innen.»

Martin Fritz

Martin Fritz

Freier Journalist

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Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi.

Das Problem blieb lange unter dem Deckel: Die Familie ist in Japan eine sakrosankte Einheit. Der Staat mischt sich ungern in familiäre Angelegenheiten ein. «Ob jemand das Haus verlässt oder mit seinen Eltern spricht, lässt sich von aussen nicht beobachten.»

Dutzende Japaner auf der Strasse
Legende: Manche Hikikomori kommen nachts aus ihren Zimmern, gehen Lebensmittel einkaufen, kochen. Sie sind auch verlorene Arbeitskräfte, die der japanische Staat wieder gewinnen will. Keystone

Durch die Gewaltverbrechen hat ein Umdenken stattgefunden, der Staat schaut genauer hin. Das hängt aber auch mit der Wirtschaft zusammen, weiss Fritz. Die Hälfte der Hikikomori ist mittlerweile zwischen 40 und 65 Jahre alt. Ein Problem für den Inselstaat, der an Überalterung und damit einhergehendem Arbeitskräftemangel leidet. Sterben die Eltern, werden die Einzelgänger zu Betreuungsfällen.

Die Regierung hat das Problem erkannt und unterstützt sozialpädagogische Programme, welche die Hikikomori wieder in die Gesellschaft und die Arbeitswelt integrieren sollen. Der Weg aus der Isolation ist ein langwieriger Prozess. Aber: «Schaffen die Hikikomori den Schritt in eine eigene Wohnung, verspricht das Erfolgsaussichten», so der Journalist.

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Eva Werle  (Eva Werle)
    so ganz selbst gewählt erscheint mir isolation nie. gründe gibt es sicher genug und vermutlich eine frage der dynamik zwischen dem betroffenen und seinen mitmenschen. menschen können sich selbst isolieren, von aussen isoliert werden oder durch krankheit isoliert sein. wer isoliert ist, nutzt vermutlich häufig digitale medien. ob man sich wegen der digitalen medien isoliert weiss ich nicht, glaube ich aber kaum, wenn man in ein beglückendes umfeld eingebettet ist.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Der japanische Arbeitsmarkt ist eh krank. Die Erschöpfungstote, Frauen müssen High Heels tragen, aber ja keine Brille, das unendliche Hierarchiedenken und die komplette Verpönung von Fehlern, welche mache in den Selbstmord treibt. Entsprechend skurilles Verhalten braucht es, um mit diesem Markt zurechtzukommen. Hologramm als Gebliebte (s. SRF-Dok.), Hikikomori... Eine beklemmend isolierte Gesellschaft, wie das Dakula-Schloss. Nichts drängt nach Aussen, einmal rein, nie wieder lebend raus...
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    1. Antwort von Erwin Jenni  (ej)
      Waren sie schon einmal in Japan oder schreiben sie das hier vom "hören sagen"? Es ist schon erschreckend wieviele einfach drauf los schreiben, wenn sie Artikel wie diesen hier lesen.
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    2. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @ Fitzi: Ich bin ganz Ihrer Meinung aber allzu sehr unterscheidet sich der europäische oder Schweizerische Arbeitsmarkt nicht vom Japanischen. Auch bei Uns gibt es sicher Erschöpfungstote, übertriebene Kleidervorschriften oder Menschen die eine künstliche Gestalt als Partner vorziehen. Auch bei Uns kapseln sich Menschen aus der Gesellschaft aus und sind dann empfänglicher für Verschwörungstheorien.
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    3. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Jenni, ich kenne Touristen, die schon in Japan waren - für 1-2 Wochen. Wäre doch ein Witz, ihre Erzählungen als eine bessere Informationsquelle, als Dokufilme, u.a. auf SRF anzuerkennen. Ebenfalls sehe ich nicht, dass man nach einigen Monaten, Jahren Aufenthalt anderen eine Gesellschaft erklären will. Ich, selber Migrantin, nach 25Jahren Aufenthalt in der Schweiz, lehne solche Grossmäule ab. Die Faktenlage, wie von mir beschrieben, ist ww bekannt, dokumentiert. Das hat Informationswert.
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    4. Antwort von Ludwig Zeier  (Louis)
      @Volkart 
      Einige meiner Patienten leiden an einer neurologischen Erschöpfung. Die sich daraus ergebenden Symptome sind psychisch wie physisch z.B erschöpft, frustriert depressiv,ect.Durch übermässigen Bildschirmkonsum Smartphones, Tablets, ect. wird die neuro-hormonelle Stressachse überfordert. Ich mache eher selten die Erfahrung dass diese gewalttätig sind. Eher überreizt. Aber es ist eine grosse Belastung für dessen Familien. Wenn man aber wie sie im mass Games spielt finde ich das in Ordnung
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  • Kommentar von Ludwig Zeier  (Louis)
    Also was in diesem Bericht nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass die Ursache dieser Problematik, welche es auch in der Schweiz immer mehr gibt, die Onlinespiele im Internet sind. Diese sollten schon längst verboten sein. Das wäre dann aber Verantwortung übernehmen und da hat die Wirtschaft etwas dagegen. So wie auch beim Umweltschutz, Kreditwesen, Gesundheitsvorsorge, ect. Dazu scheinen immer mehr Eltern unfähig eine gesunde Strenge in der Erziehung zu praktizieren.
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    1. Antwort von Erwin Jenni  (ej)
      Da kann ich ihnen nur zustimmen, denn die Gesellschaft wird dadurch immer kränker, nicht gesünder.
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    2. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      Es ist zu einfach hinter dieser Isolation das Spielen von Computerspielen zu sehen. Ich spiele übrigens auch Spiele am Computer. Arbeite aber normal, treffe mich mit meinem Freundeskreis ganz normal in der Wirklichkeit. Wandere häufig und verzichtete sogar auf ein Smartphone. Sie sehen also Gamesspielen ist nicht gleich Isolation, da braucht es schon deutlich mehr.
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    3. Antwort von Ludwig Zeier  (Louis)
      @Alex Volkart
      Sie können sich glücklich schätzen sie können das Maas einhalten.
      Viele können das aber nicht. Durch den erhöhten Konsum von visuellen Reizen erschöpft sich das Lymbische System in unserem Körper. Was zurückbleibt ist das Gefühl " Null Bock und keine Motivation" Ein Teufelskreis. Jedenfalls erlebe ich das bei meiner Arbeit.
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    4. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @Zeier: Ich muss mich offenbar wiederholen. Mit dem Spielen alleine hat es nichts zu tun, es braucht deutlich mehr. Alkohol, Drogen, Gewaltvorgeschichte, usw. Sprechen Sie mal mit Leuten die gerne Spielen, sie werden sehen das die Mehrheit nicht dem entspricht was Sie von Ihnen halten.
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    5. Antwort von Ludwig Zeier  (Louis)
      @Alex Volkart
      Nein Herr Volkart in meiner Arbeit mache ich diese Erfahrung nicht. Sicher gibt es diese Kombination, aber nicht ausschliesslich. Arbeiten Sie mit solchen Leuten ? Als Sozialarbeiter, Arzt, Therapeut ?
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    6. Antwort von Alfons Bauer  (frustriert)
      Und immer wieder tauchen die Rückständigen hier auf, die Games an allem die Schuld geben.
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    7. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      @Zeier: Wie geschrieben, ich bin selber Spieler. Bin befreundet mit Einigen aus der Spielerszene. Besuchte auch schon Meisterschaften. Ich sah bis jetzt noch niemanden der nur wegen eines Spieles gewalttätig wurde. Dafür brauchte es wie auch schon erwähnt noch andere Dinge. Ich arbeite nicht in einem Beruf in dem ich mit Spielern zu tun habe. Sie?
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