Gianni Infantino hat Donald Trump in den letzten Jahren beinahe alles geschenkt, was der Fussball an Gegenständen hergibt: Trikots, Bälle, gelbe und rote Karten, Wimpel, einen Pokal plus Medaille. Die WM in Kanada, Mexiko und den USA, die heute beginnt, verbindet die beiden seit der Vergabe vor acht Jahren. Was steckt hinter der besonderen Beziehung zwischen dem US-Präsidenten und dem Fifa-Chef aus dem Wallis?
1. Donald Trumps Machtanspruch
Körperlich ist Trump acht Zentimeter grösser als Infantino. Die Differenz wird auf gemeinsamen Fotos oft kaschiert. Doch die Macht des US-Präsidenten überragt jene des Fifa-Chefs deutlich, sagt Politikwissenschaftler Jules Boykoff: Infantino umwerbe, besuche und beschenke Trump – nicht umgekehrt.
Zwar spricht Boykoff von einer «symbiotischen Beziehung», von der beide profitieren würden, bestimmend seien aber Trumps Bedürfnisse: Obwohl er nicht als Fussballfan bekannt ist, habe er das politische Potenzial von Sport-Grossanlässen erkannt. Trump wolle die WM nutzen, um sich spektakulär zu inszenieren, in der US-Bevölkerung seine Beliebtheitswerte zu verbessern und von Kritik abzulenken. Trump betreibe Sportswashing, sagt Boykoff.
2. Gianni Infantinos Milliardengeschäft
Selbst wenn Trump dominiert: Aus wirtschaftlicher Sicht stelle Infantino den US-Präsidenten in den Schatten, sagt der Sportökonom Stefan Szymanski: «Infantino profitiert von der WM stärker als Trump.»
Das sei für Trump ungewohnt: Der US-Präsident sehe in der Regel überall eine Gelegenheit, Geld zu verdienen. In diesem Fall aber hätten die Gastgeberländer hohe Ausgaben, während die Einnahmen mehrheitlich an die Fifa gingen. Der Weltfussballverband erwartet Rekordeinnahmen von bis zu 11 Milliarden Dollar.
Infantino braucht Trump vor allem, um diese Einnahmen zu sichern und um die WM reibungslos über die Bühne zu bringen, sagt Szymanski. Der US-Präsident wisse genau, wie sehr der Fifa-Chef auf ihn angewiesen sei: «Trump geniesst es, wie Infantino ihn hofiert.»
3. Das Reden über Frieden
Sprechen Trump und Infantino bei gemeinsamen Auftritten nicht von Fussball, geht es meist um Frieden. Infantino ist Teil von Trumps sogenanntem Friedensrat; Infantino hat Trump den ersten Fifa-Friedenspreis überreicht. Nach welchen Kriterien der Preis vergeben wurde, ist nicht bekannt.
Politikwissenschaftler Boykoff sagt, Infantino und Trump hätten im Reden über Frieden einen gemeinsamen Nenner gefunden. Weil Frieden ein positiv besetzter Begriff sei, liessen sich damit Machtpolitik und Eigeninteressen in ein gutes Licht rücken. Zudem könne sich die Fifa so als unabhängig und neutral darstellen.
4. Der Umgang mit der Wahrheit
Dabei zeige gerade die Vergabe des Fifa-Friedenspreises wie politisch und widersprüchlich die Fifa heute agiere, sagt Boykoff: «Infantino und Trump neigen dazu, die Wahrheit so umzudeuten, dass sie kaum noch wiederzuerkennen ist.» Wer einen Staatspräsidenten, der Kriege unterstütze oder führe, mit einem solchen Preis auszeichne, missachte die Realität.
Wie sich Trump und Infantino abseits der Bühne verstehen, ist nicht bekannt. Hingegen verbindet sie auch ihr Umgang mit Medien. Der Fifa-Präsident stellt sich kaum kritischen Fragen. Als Infantino Trump im Weissen Haus eine rote Karte überreicht, sagt der Fifa-Chef: «When you want to kick out someone...» – «Wenn du jemanden rauswerfen willst...» Trump zögert keine Sekunde, zeigt die rote Karte in Richtung der anwesenden Journalistinnen und Journalisten und sagt: «That’s true, that’s true.»