Jacob Afotogbo sitzt am Strand, im Schatten einer Palme. Vor ihm glitzert der Atlantik, in der Ferne zieht ein Frachtschiff vorbei. Doch das Meer, das hier so sanft heranrollt, hat ihm vieles genommen. «Die Wellen und die Erosion haben uns hart getroffen», erzählt der 46-jährige Fischer. «Im alten Fuveme hatten wir gute Häuser – die sind nun alle im Meer. Auch mein Haus ist weg.»
Afotogbo ist in dem Fischerdorf an Ghanas Küste geboren – und er hat es im Meer versinken sehen. Um die Jahrtausendwende lagen zwischen den ersten Häusern Fuvemes und der Brandung noch zweihundert Meter Strand. Dann kam das Meer näher. Jahr für Jahr ein paar Meter. Erst unterspülte es die Palmen, dann die Häuser. Im August 2016 stürzte die Dorfschule ein. 2018 verlor Afotogbo sein Haus.
Die Bewohner zogen weiter. Wenige Hundert Meter vom alten Dorf bauten sie ein neues auf – dort, wo Afotogbo nun sitzt. Doch der Landbesitzer dulde sie nur, sagt er. Feste Häuser seien verboten, die Wände würden aus Bastmatten bestehen.
Mit dem alten Dorf sei auch ihre Vergangenheit im Meer verschwunden, sagt Afotogbo: «Die Menschen, die dort begraben wurden, die Kirche, heilige Orte, unsere Erinnerung.» Manchmal fühle er sich wie ein Fremder. «Wir sind hier geboren. Etwas sollte getan werden, damit wir bleiben können.»
Klimawandel-Hotspot
Die Küste Westafrikas gilt seit Jahren als Hotspot des Klimawandels. Die Strände werden hier schneller abgetragen als andernorts. Bei Fuveme zog sich der Strand zuletzt um bis zu fünfzehn Meter pro Jahr zurück.
Yaw Agyeman Boafo ist Professor für Klimawandel an der University of Ghana und hat Fuveme mehrmals besucht. Man sei in Ghana schlecht vorbereitet auf den steigenden Meeresspiegel, sagt er. «An manchen Abschnitten der Küste wurden vor zehn, fünfzehn Jahren Wellenbrecher gebaut. Trotzdem verlieren wir weiter Land, das Meer übernimmt langsam.»
Flucht vor den Wellen
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Bild 1 von 5. Palmen am Strand bei Fuveme: Viele sehen wegen der Erosion aus wie vekohlte Streichhölzer. Bildquelle: SRF / Fabian Urech.
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Bild 2 von 5. Fischer Jacob Afotogbo sagt: «Wir sind nicht frei hier.». Bildquelle: SRF / Fabian Urech.
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Bild 3 von 5. Die Schule von Fuveme ist dringend sanierungsbedürftig. Bildquelle: SRF / Fabian Urech.
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Bild 4 von 5. Manche Gebäude am Strand beim neuen Fuveme wurden bereits von den Wellen unterspült und stehen verlassen da. Bildquelle: SRF / Fabian Urech.
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Bild 5 von 5. Früher an Land, nun eine Insel: Ein einzelnes Haus bleibt übrig vom alten Fuveme. Sein Besitzer hat zehn Leute angestellt, um das Grundstück gegen die Wellen zu sichern. Bildquelle: SRF / Fabian Urech.
Die Küstenerosion ist eines der drängendsten Probleme Ghanas. Ein Viertel der Bevölkerung lebt am Meer. Rund fünf Millionen Menschen sind davon betroffen, dass die Strände immer weiter abgetragen werden.
Boafo plädiert für eine umfassende Strategie: Mangroven aufforsten, Dünen restaurieren, Schutzwälder anlegen. Das wirke langfristig – und sei günstiger.
«Wissen nicht, was morgen passiert»
In Fuveme ist davon nichts zu sehen. Selbst Wellenbrecher fehlen hier. Dorfchef Moses Akorlikorli sagt, er sei dreimal bei der Lokalregierung gewesen. Passiert sei bislang nichts. Das habe wohl damit zu tun, dass Fuveme abgelegen ist und an keiner wichtigen Verkehrsachse liegt, sagt Boafo. Mit den knappen Mitteln habe die Regierung jene Küstenabschnitte bevorzugt, die stärker frequentiert werden.
Auch das neue Fuveme hat das Wasser inzwischen erreicht. Erst vor wenigen Wochen stand es zeitweise bis zu den ersten Türschwellen. Die Bewohner gruben eine Schneise in den Strand, als provisorischen Abfluss.
Verlieren die Menschen in dem Fischerdorf ihr Zuhause bald ein zweites Mal? Boafo hat wenig Hoffnung. «An manchen Orten lässt sich die Entwicklung kaum mehr aufhalten. Ich sehe kein Szenario, in dem es das Dorf in zehn Jahren noch geben wird.»
Jacob Afotogbo blickt aufs Meer. Sein altes Dorf liegt darin. Das neue vielleicht bald auch. «Wir sind nicht frei hier. Wir wissen nicht, was morgen passiert – alles kann passieren. Wenn niemand diese Küste schützt, sind wir nicht mehr lange hier.»