Im Slum Korogocho in Nairobi, wo Wellblechhäuser dicht an dicht stehen und die Wege nach dem Regen zu Schlamm werden, beginnt der Samstagmorgen früh. In einem kleinen Gemeinschaftsraum versammeln sich ältere Frauen. Einige kommen mit dem Stock, andere eingehakt bei einer Nachbarin. Sie lachen kurz, dann wird es still. Sie stellen sich im Kreis auf, die bunten Kitenge-Kleider rascheln leise.
Dann brechen Schreie los, und sie schlagen auf das Kissen ein, das den Angreifer darstellt.
Trainieren für den Ernstfall
Esther Muiruri ist 84 Jahre alt und die Dienstälteste hier. Sie hat fast alle ihre Kinder verloren, lebt heute von Gelegenheitsjobs, verkauft Gemüse auf dem Markt, wenn sie kann. «Am Anfang tat das Karate-Training weh», sagt sie und lächelt. «Richtig weh.» Heute fühle sie sich leicht. Bereit.
Die Frauen nennen sich «Shosho Jikinge» – Suaheli für «Grossmutter, schütz dich». Was wie ein Slogan klingt, ist hier überlebenswichtig. Korogocho gilt als eines der härteren Quartiere Nairobis. Viele Frauen leben allein, oft in Häusern mit Türen, die sich leicht aufbrechen lassen. Die Polizei kommt selten. Lange Zeit waren ältere Frauen besonders verletzlich: überfallen, ausgeraubt, vergewaltigt. Ein Aberglaube hielt sich hartnäckig: Sex mit älteren Frauen schütze vor Krankheiten.
Doch 2007 beginnen einige von ihnen, sich zu wehren.
Heute wird das Karate-Training von Fred Ogolla von der Restoring Dignity Foundation mitgetragen. Er spricht ruhig, fast nüchtern. «Keine Waffen», sagt er. «Nur der eigene Körper.» Die Karate-Techniken sind reduziert aufs Nötigste: ein Schlag gegen die Nase, ein Tritt in den Unterleib, ein Griff, der löst. Am Ende jeder Übung ein lauter Ruf: «No! No! No!» Es geht nicht ums Kämpfen, sondern darum, den Moment zu kippen und wegzukommen.
Mit der Zeit verändert sich etwas im Quartier. Geschichten machen die Runde, von Grossmüttern, die sich wehren. Die Angriffe werden seltener.
Wenn du dich wehrst, verliert der Angreifer seine Macht.
Aber sie verschwinden nicht: Eines Abends ist Esther Muiruri auf dem Heimweg vom Markt. Es ist dunkel, die Gassen sind leer. Schritte hinter ihr. Zu nah. Sie spürt, was gleich passiert.
Dann dreht sie sich um. Schreit. Schlägt. Tritt. Geht nach vorne. Nicht weg. Auf ihn zu. «Wenn dir jemand gegenübersteht, der sich wehrt», sagt sie, «verliert er seine Macht.» Der Mann flieht.
Mehr als nur Selbstverteidigung
Im Trainingsraum in Korogocho wird zwischen den Übungen gelacht und es werden Neuigkeiten geteilt. Viele der Frauen leben allein. Eine Rente hat hier praktisch keine. In einer sogenannten Chama, einer einfachen Spargemeinschaft, legen sie kleine Beträge zusammen: für Arztkosten, Beerdigungen, Schulgebühren. Es ist ihr eigenes Sicherheitsnetz, aufgebaut mit dem, was sie haben.
Mehr als Selbstverteidigung
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Bild 1 von 5. In einem kleinen Gemeinschaftsraum in Korogocho präsentieren ältere Frauen in diesen Bildern ihren Lieblingskick. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 2 von 5. Viele von ihnen leben allein und wurden immer wieder angegriffen. Hier lernen sie, sich zu wehren. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 3 von 5. In bunten Kitenge-Kleidern üben sie gezielte Schläge und Tritte, um Zeit zu gewinnen und zu entkommen. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 4 von 5. Das Training gibt ihnen Sicherheit und verändert auch das Quartier. Die Angriffe gehen zurück. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 5 von 5. Was als Schutz begann, ist heute mehr. Ein Ort gegen Angst, gegen Gewalt und gegen die Einsamkeit. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck .
«Wenn wir hier sind, sind wir glücklich», sagt Esther Muiruri. «Allein zu Hause, das macht krank.»
Was hier entsteht, ist mehr als Selbstverteidigung. Es ist eine Verschiebung. Diese Frauen warten nicht mehr darauf, dass jemand sie schützt. Sie tun es selbst. Schritt für Schritt. Schlag für Schlag. Und jedes «Nein» hallt ein Stück weiter durch die Gassen von Korogocho.