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Gespräche zwischen den Koreas «Ein Schritt weg vom nuklearen Abgrund»

Die Telefonleitung zwischen den Staaten ist friedensfördernd – aber auch ein strategischer Schritt, sagt Journalist Martin Fritz.

Martin Fritz
Legende: Der Journalist Martin Fritz berichtet seit Jahren aus Asien – auch über Nord- und Südkorea. zvg

SRF News: Die vor zwei Jahren stillgelegte direkte Telefonleitung zwischen Nord- und Südkorea wurde wieder aktiviert. Wie wichtig ist diese Leitung?

Martin Fritz: Sie zeigt, dass Nordkorea es mit dem Gesprächsangebot ernst meint. Seit zwei Jahren gab es keine direkte Gesprächsmöglichkeit zwischen den beiden Ländern. Das ist beispielsweise bei militärischen Konfrontationen gefährlich. Jetzt ist die Kommunikation wiederhergestellt. Das erklärt, wieso Südkorea diese Öffnung als sehr bedeutsam bezeichnet hat.

Bei den geplanten Gesprächen soll es – zumindest vordergründig – nicht um das nordkoreanische Atomprogramm gehen, sondern um die Teilnahme Nordkoreas an den olympischen Winterspielen in Südkorea. Was soll das?

Das ist ein klares Entspannungssignal. Bisher musste Südkorea als Veranstalter befürchten, dass Nordkorea die Spiele stört oder gefährdet. Dieses Damoklesschwert hat Nordkorea nun zurückgezogen.

Welche Gegenleistungen wird Nordkorea dafür verlangen?

Nordkorea hat zwei Ziele: Erstens, dass die Wirtschaftssanktionen wieder gelockert werden. Zweitens, dass es sein Atomraketenprogramm trotzdem behalten kann. Die Annäherung an Südkorea wird als Hebel dienen, um die USA zu Verhandlungen über eine Lockerung der Sanktionen zu zwingen. Bisher sind die USA an Gesprächen nicht interessiert und wollen zuerst die Wirkung der Gespräche abwarten. Nordkorea versucht dem via Südkorea vorzugreifen.

Bisher musste Südkorea als Veranstalter der Winterspiele befürchten, dass Nordkorea diese stört oder gefährdet.

Was erhofft sich Südkorea von den Gesprächen?

Der neue Präsident Moon Jae-In ist ein Liberaler. Er setzt auf Verhandlungen und Wirtschaftshilfen, um das nordkoreanische Atomprogramm zu beenden. Er hat auch kein Interesse an der Konfrontation zwischen Washington und Pjöngjang oder womöglichen militärischen Abenteuern der USA. Bisher hat Nordkorea alle seine Gesprächsangebote abgelehnt. Nun bekommt Moon seine Chance.

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un und US-Präsident Donald Trump streiten sich darüber, wer den «grösseren Atomknopf» hat. Hofft Kim, dass er dadurch aus einer Position der Stärke mit Südkorea verhandeln kann?

Das sind Hinweise darauf, dass sowohl Nordkorea als auch die USA die Möglichkeit haben, den anderen mit Atomwaffen anzugreifen. Diese Fähigkeit hatte Nordkorea früher nicht. Kim fühlt sich deshalb sehr sicher. Ein militärischer Regimewechsel in Pjöngjang scheint nicht mehr möglich, ohne einen Atomkrieg zu provozieren. Seine Aussage bedeutet aber auch, dass das Rüstungsprojekt bis auf einige Feinarbeiten abgeschlossen ist. Für das kommende Jahr sind nur wenige Raketen- und vermutlich gar keine Atomtests zu erwarten. Das würde auch bedeuten, dass es für Verhandlungen kaum noch Störungen gäbe.

Für das kommende Jahr sind nur wenige Raketen- und vermutlich gar keine Atomtests zu erwarten.

Die Entspannung zwischen Nord- und Südkorea erfolgt zeitgleich mit dem Schlagabtausch mit Washington. Will Nordkorea damit einen Keil zwischen die USA und Südkorea treiben?

Das ist eine alte Taktik von Nordkorea, die auch immer wieder funktioniert. Nikki Haley, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, hat Gespräche ausgeschlossen. Südkoreas Präsident Moon will die Gesprächsmöglichkeiten aber ausloten. Und schon entsteht ein Dissens zwischen den USA und Südkorea.

Eine echte Annäherung ist also nicht zu erwarten?

Ich erwarte keinen Abbau der Atom- und Raketenrüstung. Wir werden in diesem Jahr aber auf der koreanischen Halbinsel eine Phase der Entspannung sehen. Die Welt tritt einen Schritt vom nuklearen Abgrund zurück.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Damit, mit diesen Aktivitäten ist rein gar nichts passiert. Da findet nur ein Zwischenspiel statt. Die Bedrohungslage selber ändert sich gar nicht. Kim Jong Un macht da nur Propaganda in eigener Sache. Fast moechte man sagen, er fuehrt die Welt "erfolgreich" an der Nase herum und bleibt sich damit auch selber treu. Ach ja, da ist Kim Jong Un das eigentlich Problem und eben nicht Trump, auch wenn's einigen schwer fällt.
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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Kultur, Moral und Legitimierung des Krieges praktizieren manche Gesellschaften über mehr als 2000 Jahre patriarchaler Systeme. Ein beständige Praxis - lehren, lernen und Nachahmung. Bedenken wir wie viele Ressourcen, Geld, Material, Inventionskraft, Menschleben in das Geschäft der Kriege investiert worden ist, müssen wir doch zugeben, dass dem Frieden bisher kaum reelle Chancen gegeben worden sind. Frieden scheint dermaßen abstrakt, dass vergessen geht, dass es genauso wie Krieg eine Praxis ist.
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