Zum Inhalt springen

Header

Audio
Der Zorn in der Bevölkerung wächst
Aus SRF 4 News aktuell vom 06.12.2019.
abspielen. Laufzeit 10:42 Minuten.
Inhalt

Gewalt gegen Frauen in Indien «Soziale Netzwerke sind voll von Gratulationen an die Polizisten»

Nach der Vergewaltigung und dem Mord an einer jungen Tierärztin in Indien haben Polizisten die mutmasslichen Täter bei einer Tatortbegehung erschossen. Die genauen Umstände sind unklar. Doch die Polizisten werden nun als Helden gefeiert.

Laut einer Statistik kommt es in Indien zu 90 Vergewaltigungen am Tag – die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen. Die Menschen sind seit dem Mord an der jungen Frau wieder auf den Strassen: Sie fordern Lynchjustiz oder die Kastration von Vergewaltigern, berichtet die Journalistin Silke Diettrich.

Silke Diettrich

Silke Diettrich

ARD-Korrespondentin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Diettrich ist seit 2017 Südasien-Korrespondentin für die ARD in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

SRF News: Wie breit ist die Unterstützung für solch radikale Vorschläge wie etwa Lynchjustiz?

Silke Diettrich: Das kommt in der Bevölkerung richtig gut an. Ich war diese Woche auf einer Demonstration in Neu-Delhi. Wieder einmal sind im ganzen Land Menschen auf die Strasse gegangen, weil die Woche zuvor eine junge Tierärztin von einer Gruppe vergewaltigt und getötet wurde. Die Leute haben im Chor gerufen: «Erhängt die Täter, so schnell wie möglich!»

Wie aufgeheizt ist die Stimmung?

Sehr. Der Fall der ermordeten Tierärztin ist auf allen lokalen TV-Kanälen Breaking News. Die vier angeklagten Männer, die im Gefängnis sassen, wurden heute Morgen durch die Polizei erschossen. Die Polizei sagt, sie wollte die Angeklagten zum Tatort bringen, als diese versucht hätten, zu fliehen.

Auch Politiker bedankten sich bei den Polizisten für die Erschiessung der Angeklagten.

Das Wahnsinnige daran ist, dass die sozialen Netzwerke nun voll von Gratulationen an die Polizisten sind. Auch Politiker bedankten sich bei ihnen und fanden, andere sollten sich ein Beispiel daran nehmen. Man darf der Polizei nicht unterstellen, dass sie die mutmasslichen Täter mit Vorsatz erschossen hat, aber die Geschichte ist schon komisch. Man hätte ihnen auch in die Beine schiessen können.

Polizisten und Schaulustige am Tatort
Legende: Rosen für die Polizisten: Viele Menschen versammelten sich am Tatort und feierten die Tötung der vier mutmasslichen Täter. Keystone

Eine TV-Moderatorin fragte während einer Sendung unter Tränen, wie lange sie solche Meldungen noch erzählen müsse, bis sich etwas ändert. Hat sich in den letzten Jahren nichts getan?

Nach der international bekannt gewordenen Gruppenvergewaltigung vor sieben Jahren, als eine Studentin in einem Bus vergewaltigt wurde, wurde die Todesstrafe für Vergewaltiger eingeführt. Aber die Justiz ist sehr langsam, darum kocht das Thema auch so oft hoch. Die meisten verurteilten Vergewaltiger der Studentin sitzen noch immer im Todestrakt.

Demonstranten mit erhängten Puppen, die die Vergewaltiger darstellen sollen
Legende: Hang zur Selbstjustiz: Einige Leute bieten sich bereits freiwillig als Henker an. Im Bild: Demonstration in Ahmedabad nach der Vergewaltigung dreier Mädchen, April 2019. Reuters

Warum sind Vergewaltigungen ein so grosses Problem?

Es ist in Indien ein Schandfleck, wenn jemand aus der Familie jemanden vergewaltigt. Aber es ist noch ein viel grösserer Schandfleck für die Opfer. Es liegt in der Tradition, dass Frauen hier weniger wert sind als Männer. Wird eine Tochter geboren, ist das ein Stigma für die Familie, denn sie müssen – obwohl das gesetzlich verboten ist – eine Mitgift mitgeben. Viele weibliche Föten werden nach wie vor abgetrieben.

Indisches Mädchen mit Blumenstrauss
Legende: «Eine Tochter grosszuziehen, ist wie die Blumen deines Nachbarn zu giessen» – so ein indisches Sprichwort. Getty Images

Ein Sprichwort in Indien lautet: «Eine Tochter grosszuziehen, ist wie die Blumen deines Nachbarn zu giessen». Du hast jemanden zu Hause, der eine Last ist. Es gibt in Indien auch den Mädchennamen Nakusa, was übersetzt so viel wie «ungewollt» bedeutet. All das kann dazu führen, dass Männer denken, die Frauen, die kann ich mir einfach nehmen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich jetzt etwas ändert?

Die Frage ist, was sich noch ändern soll. Die Gesetzeslage ist da, Vergewaltiger werden zum Tod verurteilt. Urteile könnten aber schneller vollstreckt werden. Die Politiker scheinen sich ja genauso ohnmächtig zu fühlen. Abschreckung alleine scheint nichts zu ändern. Viele Frauen fordern deshalb: Blickt auf die Opfer, nicht auf die Täter.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Ulrich Zimmermann  (Crocc)
    Indien ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Ihr Kastensystem verhindert eine erfolgreiche Entwicklung. Im Vergleich mit China ist die Industrie und die Gesellschaft weit zurückgeblieben. Der Umgang mit Frauen ist verwerflich und lässt an einer Demokratie zweifeln.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
      Nebst Gesetzen zum Schutz der Frauen, ist eigentlich auch das Kastensystem verboten... alles Papiertiger.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Fritz Rueegsegger  (Matterhorn+234)
    Die indische Männerwelt wird sich nur radikal ändern, wenn Vergewaltiger rasch und hart bestraft werden und zwar sofort. Aber ob die politische Klasse bereit ist, hart durchgreifen und vor allem die Mittel bereitzustellen, damit durchgegriffen werden kann, ist fraglich. So isr es verständlich, wenn die Polizei Selbstjustiz macht und dafür gelobt wird.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    Der Anteil Frauen in Indien ist laut countrymeters 48.4% von 1'386'090'120. Die Ansicht ihrer Wertlosigkeit sitzt bei Männern tief in den Genen fest. Hinzu kommt noch der Filz bei Behörden, Polizei, Richtern und Politikern, die ihrerseits möglicherweise um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie sich der Tradition verweigern. Ich verstehe, dass bei der Bevölkerung, besonders bei Frauen, die Lynchjustik gut ankommt und mutige Polizisten gefeiert werden, wenn sonst trotz Gesetzen nichts getan wird.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen