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«Die meisten Mounties sind keine Rassisten»
Aus SRF 4 News aktuell vom 19.06.2020.
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Gewalt gegen Indigene Die kanadische Polizei und ihr koloniales Erbe

Auch die Polizeibeamten in Kanada, die Mounties, stehen in der Kritik. Der Ruf nach einer Polizeireform wird laut.

Systematischer Rassismus sei in den kanadischen Institutionen angelegt – auch in der RCMP, der Royal Canadian Mounted Police, sagte Premierminister Justin Trudeau kürzlich vor Journalisten. Angehörige von Minderheiten würden manchmal unfair behandelt, hätten gar Angst vor der Polizei.

Gut 30'000 Angestellte zählt die RCMP heute. Sie ist die kanadische Bundespolizei, die roten Uniformen werden nur noch zu repräsentativen Zwecken getragen, die Pferde sind durch moderne Polizeiautos ersetzt.

Vielfältiges Tätigkeitsgebiet

Die Aufgaben der Mounties umfassen Mordfälle genauso wie Wirtschaftskriminalität, Drogenhandel oder Terrorismusbekämpfung. Besonders in den bevölkerungsarmen Regionen erledigen sie auch Aufgaben der Provinz- und Gemeindepolizei, etwa in indigenen Gemeinschaften.

Diese koloniale paramilitärische Identität reproduziert sich weiter, sowohl auf der Führungsebene als auch im Polizeidienst.
Autor: Christian LeuprechtPolitologe

Die Anfänge waren bescheiden. Die RCMP war eine paramilitärische Organisation, gegründet zur britischen Kolonialzeit. Sie sollte Recht und Ordnung durchsetzen. Das präge sie bis heute, so der Politologe Christian Leuprecht. «Der Nachteil ist, dass sich diese koloniale paramilitärische Identität weiter reproduziert, sowohl auf der Führungsebene als auch in der Ausübung des Polizeidienstes.» Das sei im 21. Jahrhundert nicht optimal.

Leuprecht ist an der kanadischen Queen's University Experte für die RCMP. Die meisten Mounties seien keine Rassisten, sagt er: «Doch ist auf jeden Fall nachvollziehbar, dass die RCMP insbesondere mit Ureinwohnern eine überproportionale Anzahl an problematischen Interaktionen hat.»

Polizisten teilweise überfordert

Solch problematische Interaktionen enden manchmal tödlich. In New Brunswick, im Osten Kanadas, hat ein Polizist vor zwei Wochen eine junge Frau erschossen. Angeblich hatte sie psychische Probleme und sei mit einem Messer auf die Beamten losgegangen. In der gleichen Provinz erschoss die Polizei kurze Zeit später einen Mann – auch er angeblich bewaffnet mit einem Messer. Beide Opfer waren Indigene. Und sie sind nicht die einzigen.

Polizisten im Einsatz in Toronto
Legende: Auch Schwarze sind Opfer von Polizeigewalt. Eine Untersuchung von 2018 hat ergeben, dass das Risiko, in Toronto von der Polizei erschossen zu werden, für einen Schwarzen 20 mal höher ist als für einen Weissen. Keystone/Archiv

Experten sagen, die Polizisten seien mit solchen Situationen überfordert, könnten nicht deeskalieren, speziell wenn psychische Krankheiten oder Drogen im Spiel seien. Doch ohnehin hat die RCMP grundsätzliche Probleme: Seit fast 20 Jahren wird über Schwierigkeiten innerhalb der RCMP berichtet.

«Die Debatte über systematischen Rassismus ist nur ein Symptom der vielen anderen Probleme innerhalb der Institution», sagt Leuprecht. Aber es sei schwierig, diese alte, traditionsreiche Polizeibehörde zu ändern.

Keine umwälzenden Reformen

Jetzt ist der Ruf nach Reformen wieder lauter geworden: Auch in kanadischen Städten gingen in den letzten Wochen Tausende auf die Strasse, um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu demonstrieren. Darunter viele Schwarze. Trudeau schloss sich einer Demonstration an, sank demonstrativ auf ein Knie.

Grundlegende Reformen hat er keine angekündigt. Nur dass die Mounties künftig Bodycams tragen sollen. «Anstatt eine echte Debatte über die Polizeireform in Kanada zu führen, will er genau diese Debatte vermeiden, da sie für die Regierung letztlich sehr schwierig werden könnte», so Leuprecht.

Simple Massnahmen für die Kamera seien wesentlich einfacher. Die RCMP brauche aber tiefgreifende Massnahmen. Etwa zivile Experten an der Spitze, nicht Polizistinnen und Polizisten in Uniform, die sich hochgearbeitet haben, aber nicht unbedingt geeignet seien, eine Behörde dieser Grösse zu leiten, so Leuprecht. Doch solche Reformen seien wohl auch diesmal nicht zu erwarten.

SRF 4 News, 19. Juni 2020, 6:45 Uhr

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Bucher  (DE)
    Ich habe kein Problem damit, wenn ein Polizist einen Anfreifer tötet, der ihn mit einem Messer angreift. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Täter psychisch krank ist oder ob es sich um einen Indigenen handelt. Selbstverteidigung ist ein Muss oder sollte der Polizist davonrennen und den Angreifer auf andere loslassen? Es gibt viele Sonderrechte für Indigene in Kanada aber Angriffe auf die Polizei sind nicht legal.
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    1. Antwort von mahmut alane  (holundder)
      Warum töten? Wir wärs mit einem Schuss in den Fuss?
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    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Schuss in den Fuss ist nicht sinnvoll. Die bewegen sich meist schnell, wenn man mit dem Messer auf Jemanden zurennt. Sie sind noch dazu ein eher kleines Ziel, nicht in der natürlichen Blickrichtung eines Polizisten und eine Verletzung hat nicht zwangsläufig die gewünschte Mannstopp-Wirkung. Weniger tödliche Waffen wäre eine Möglichkeit. Nahkampf hingegen bringt auch nichts, da selbst für Nahkampfspezialisten zu gefährlich und unberechenbar. Müssen wir schon realistisch bleiben.
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  • Kommentar von Franz Giger  (fjg)
    Das kann doch nicht sein, schliesslich hat sich der nette Trudeau als absolut blütenreiner Saubermann geoutet, als er neulich medienwirksam mit erhobener Faust niedergekniet ist........
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    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Er hat nie behauptet, dass es unter seiner Führung keine solche Probleme gibt. Er hat den systemischen Rassismus sogar öffentlich bestätigt. Auch eine symbolische Geste bedeutet nicht, dass man selbst frei von Fehlern ist. In Ihrer Sichtweise scheint es allerdings nur gut/schlecht zu geben. Kein Platz mehr für eine differenzierte Wahrnehmung.
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    2. Antwort von Franz Giger  (fjg)
      Es geht nicht um simple Einteilung zwischen schlecht und gut. Es geht darum, dass ein Staatschef sich erst dann zu so einer populistischen Geste hinreissen lassen sollte, wenn in seinem Land diesbezüglich alles zum Besten bestellt ist.
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    3. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Mit so einer Geste erkennt er an, dass eben nicht alles gut ist. Das ist kein Widerspruch. Man kann Vorkommnisse auch würdigen, wenn in eigenen Land nicht alles perfekt ist. Etwas anderes wäre es, wenn er die Probleme im eigenen Land nicht wahrnehmen oder gar bestreiten würde. Dies tut er jedoch nicht. Die Argumentation "Zuerst vor der eigenen Tür kehren" ist in den meisten Fällen eine reine Trotzreaktion, um sich nicht wirklich mit den Problemen befassen zu müssen.
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  • Kommentar von Philippe Müller  (Phippu Müller)
    Sehr interessanter Bericht. Danke ans SRF Team.
    Was aus meiner Sicht vielfach überhaupt vergessen wird, nicht nur die USA oder Kanada haben in ihren Polizeikorps ein Rassismus Problem, das Problem besteht weltweit. Ob hier in der „Heilen“ Schweizer Welt, auch Australien mit den Aborigines hat ein ähnliches Kolonialdenken.
    Jetzt wird einfach mal alles „schlecht“ geredet.
    Das Problem muss an der Wurzel behandelt werden: bei den Menschen.
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