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Gewalt und Kontrollverlust Chaotische Zustände im Gefängnis von Birmingham

Über Nacht hat der britische Staat der Privatfirma die Aufsicht über das Gefängnis entzogen. Wie effizient arbeitet der Privatsektor wirklich?

Legende: Audio Kakerlaken, Drogen und eingesperrtes Gefängnispersonal abspielen. Laufzeit 02:27 Minuten.
02:27 min, aus Info 3 vom 20.08.2018.

Gefängnispersonal hat sich sich selber eingesperrt, um sich vor Tätlichkeiten der Häftlinge zu schützen. Ratten und Kakerlaken hatten freie Bahn. Der penetrante Dunst von Drogen zwang Hilfskräfte, Gefängnisräume zu verlassen. Die Häftlinge hatten ungehinderten Zugang zu Gebäudeteilen, die eigentlich hermetisch abgeschlossen sein sollten.

Gefängnispersonal betritt das Gefängnisgebäude
Legende: Staatliche Gefängnisaufseher beginnen mit der Arbeit, nachdem die Firma «G4S» die Aufsicht entzogen wurde. Reuters

Diese Bilanz des Überraschungsbesuchs des Gefängnisinspektorates hat den beispiellosen Schritt der britischen Regierung ausgelöst: Das Gefängnis von Birmingham wurde mit sofortiger Wirkung aus der Kontrolle der Privatfirma «G4S» entfernt und in staatliche Hände gelegt. Das soll für mindestens sechs Monate gelten – bis die Wärter wieder die Kontrolle erlangt haben.

Gefängnismauer von aussen
Legende: Gefängnis Birmingham: Anfang Jahr bis Juli wurden 1434 Angriffe auf Mitarbeiter gemeldet – die landesweit höchste Zahl. Getty Images

«G4S» kommt immer mal wieder in die Schlagzeilen, erhält aber trotzdem immer neue Regierungsaufträge. Während den olympischen Spielen vor sechs Jahren in London mangelte es an Personal. Ein andermal verrechnete die Firma dem Staat überhöhte Gebühren. Doch ein grundsätzliches Umdenken ist nicht geplant. Minister wiesen mehrfach darauf hin, dass das Unternehmen andere Gefängnisse zur allgemeinen Zufriedenheit betreibe. Das scheint hinreichend zu sein.

Für jede Glühbirne eine Rechnung

Es ist ein schlechtes Jahr für die privatisierten Teile des britischen Service public. Im Januar schlitterte Carillion in die Zwangsverwaltung; eine Bau- und Wartungsfirma, die zahlreiche staatliche Aufgaben erfüllt – oder erfüllen sollte.

Im Juni übernahm das britische Transportministerium die Eisenbahnlinie von London nach Edinburgh, weil der private Betreiber Virgin zu wenig Geld damit verdiente. Und das gesamte Gesundheitswesen ächzt unter den jährlichen Zahlungen an Privatfirmen, die einst im Auftrag des Staates die Spitäler bauten und nun für jede kaputte Glühbirne eine saftige Rechnung stellen.

Beim langsamen Abstieg des Gefängnisses von Birmingham, wo Ende 2016 schlimme Krawalle ausgebrochen waren, spielte die staatliche Sparpolitik der letzten zehn Jahre bestimmt eine entscheidende Rolle. Andernorts regiert das Dogma, der Privatsektor arbeite billiger und effizienter. An Beweisen für das Gegenteil herrscht kein Mangel, aber der Tanz ums goldene Kalb geht weiter.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Henri Jendly (Henri Jendly)
    Privatisierung öffentlicher Aufgaben ist Teil der politischen Märchenstunde der Neoliberalen. Letztlich zahlt der Staat resp. die Bürgerschaft ja doch alles, nur braucht es bei privatisierten Betrieben noch eine oder mehrere Amtsstellen, welche die Privaten kontrollieren. Kostet ja auch. Die Kostenkontrolle ist zudem schwieriger, weil der Konzessionsnehmer selber abrechnet. Letztlich alles Sand in die Augen-Streuerei.
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Ein Gefängnis zu Bertreiben gehört in den Aufgabenbereich des Staates und nicht in den Bereich einer privaten Firma. Denn eine private Firma denkt in erster Linie an die Kosten und nicht an den eigentlichen Aufgabenbereich.
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  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Privatisierung von Gefängnissen kann nicht funktionieren. Private Firmen wollen und müssen einen Gewinn machen, um weiter exisitieren zu können. Mit Gefängnissen soll aber kein Gewinn gemacht und folglich auch keine Sparüberungen durchgeführt werden. Gefängnisse müssen so organisiert und geführt werden wie nötig. Die Ausgaben werden aus den Staatskassen finanziert - auch wenn dies heisst aus Steuergeldern. Wenn wir so viele Kriminelle habe,n ist das ein Abbild der heutigen Gesellschaft.
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