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International Gewaltausbruch in Kiew – rund 170 Verletzte

Bei Massenprotesten gegen die ukrainische Regierung sind in Kiew mehr als 170 Menschen verletzt worden. Oppositionsführer Klitschko, der ebenfalls Buhrufe erntete, warnte vor einem Bürgerkrieg. Die USA und Deutschland kritisierten die Regierung scharf und forderten ein Ende der Gewalt.

Legende: Video Proteste in der Ukraine eskalieren abspielen. Laufzeit 1:30 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 20.01.2014.

Die verbotene Grossdemonstration mit rund 100‘000 Menschen auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew vom Sonntag ist in schwere Ausschreitungen umgeschlagen. Dabei wurden rund 170 Menschen verletzt.

Angriff auf Parlamentsgebäude

So sprach das Innenministerium von über 70 Polizisten, die behandelt werden mussten, davon 40 in Spitälern. Auf der Gegenseite berichteten Medien von mindestens 100 Verletzten. Darunter seien auch mindestens vier Journalisten.

Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle hatten versucht, Absperrungen im Regierungsviertel zu durchbrechen, um das Parlamentsgebäude zu stürmen. Einige warfen Steine auf die Polizisten, zündeten Feuerwerkskörper und bewarfen Einsatzfahrzeuge der Polizei mit Molotowcocktails.

In einer Videobotschaft richtete sich der Oppositionsführer Vitali Klitschko an die Ukrainer und fordert diese auf, sich an den Protesten gegen die Führung in Kiew zu beteiligen. «Die Regierung hat dem Volk den Krieg erklärt», sagte der Ex-Boxweltmeister. «Wir sind mehr. Ihr werdet hier gebraucht, damit die Ukraine gewinnt und nicht Janukowitsch».

Klitschko schliesst Bürgerkrieg nicht aus

Am Sonntagmorgen kündigte Präsident Viktor Janukowitsch nach einem Treffen mit Klitschko die Gründung einer Kommission an, die sich aus Regierungsmitgliedern und Oppositionsvertretern zusammensetzt. Sie soll versuchen, die Krise beizulegen und dafür am Montagmorgen zusammentreten.

«Ich schliesse einen Bürgerkrieg nicht mehr aus. Doch wir werden jede Möglichkeit nutzen, um Blutvergiessen zu vermeiden», betonte Vitali Klitschko noch am Sonntag.

Legende: Video Klitschko zwischen den Fronten abspielen. Laufzeit 1:10 Minuten.
Aus Tagesschau Spätausgabe Wochenende vom 19.01.2014.

Unmut über Klitschko

Klitschko war während den Ausschreitungen angegriffen worden, als er versuchte, die wütende Menge zu beruhigen. Auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie er mit einem Feuerlöscher besprüht wurde. Bei der Kundgebung gab es insbesondere gegen Klitschko Buhrufe.

Er steht in der Kritik, ohne Plan und unentschlossen zu handeln. Zudem wird ihm vorgeworfen, die zersplitterte Opposition nicht einen zu können. Klitschko hatte sich immer wieder für einen friedlichen Machtwechsel ausgesprochen.

Auch der prominente Oppositionspolitiker Arseni Jazenjuk warnte vor einem «blutigen Machtwechsel»: Der Wandel müsse auf friedlichem Wege erreicht werden.

Nach Meinung von Beobachtern fordern aber vor allem jüngere Demonstranten rasche Veränderungen. «Wir brauchen einen Anführer, der uns heute und jetzt zum Sieg führt. Wir brauchen einen Namen», sagte Dmitri Bulatow, einer der führenden Köpfe der Strassenproteste.

Scharfer US-Appell an alle Seiten

Nach der Eskalation der Proteste rief die US-Regierung zum sofortigen Ende der Gewalt auf. Die Regierung habe die «Grundlagen der Demokratie» geschwächt, indem sie friedliche Proteste kriminalisiere und der Zivilgesellschaft und politischen Gegnern wichtige Rechte aberkenne, sagte die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats.

Auch die deutsche Bundesregierung fürchtet eine Zuspitzung des Konflikts in der Ukraine. Der Regierungssprecher rief im Namen der Bundesregierung Opposition und Regierung in der Ukraine zum Dialog auf. Beide Seiten müssten von Gewalt Abstand nehmen.

Neue Gesetze lösten Proteste aus

Das ukrainische Parlament hatte zuvor mehrere umstrittene Gesetze gegen Regierungsgegner verabschiedet. Menschenrechtler kritisierten die Verschärfung der Gesetze gegen Andersdenkende als schwersten Rückschritt in der Ex-Sowjetrepublik seit Jahren. So steht erstmals seit 2001 wieder Verleumdung unter Strafe.

Einschätzung

Porträt von Peter Gysling

Die Regierung verliere allmählich die Kontrolle, analysiert SRF-Korrespondent Peter Gysling. «Diese Oppositionsbewegung harrt schon zwei Monate auf dem Unabhängigkeitsplatz aus und man sieht keine Fortschritte», so Gysling. Die gesamte Einschätzung lesen Sie hier.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Samuel Bendicht, Bern
    Hier wird von rechtsbürgerlichen Kommentatoren mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Schweiz geredet und unsere gewählte Regierung mit Gewalt bedroht? Früher nannte man solche "freie Meinungsäusserungen" Aufwiegelung und die Menschen die solches machten galten als Defätisten oder Landesverräter, die zeitweise sogar mit der Todesstrafe bedroht wurden und heute liest man solche aufwieglerische Aussagen auf der Webseite des Schweizer Fernsehen? Bedenklich, wie sich die Zeiten ändern.
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    1. Antwort von M. Haener, Büsserach
      @Samuel Bendicht: Vor nicht allzu langer Zeit meinten wir Menschen auch die Erde sei eine Scheibe und freie Meinungsäusserung ist eben freie Meinungsäusserung. Freiheit birgt Gefahren, Unfreiheit jedoch ist immer tödlich, für jegliche Form von Kreativität. Ansonsten muss eine andere Definition her, wie wäre es mit unfreier Meinungsäusserung..? Mir ist es lieber, wenn jemand offen und ehrlich seine Meinung sagt, auch wenn ich nicht gleicher Meinung bin. Ps: Kennen sie Dynamit von Mani Matter..?
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  • Kommentar von W. Pip, ZH
    Schaut Euch die Bilder genau an. Wir werden sie innert der nächsten 10 Jahre in unserem eigenen Land wiederfinden, wenn unsere Regierung weiterhin das macht, was ihr gerade gefällt. Und wer mich der Übertreibung bezichtigen will... bitte... reden wir dann nochmal...
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    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Solche Bilder gabs auch in der Schweiz, zuletzt beim Jugendhauskrawall. Es werden auch in Zukunft wieder Leute auf die Strasse gehen. Aber nicht diejenigen,die sie gerne auf der Strasse sehen würden.
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    2. Antwort von A.Käser, Zürich
      Sie sprechen hier etwas an,das ich auch schon gehört habe.Eine Bekannte von mir,die weit weg ausgewandert ist,schilderte mir vor bald 15 Jahren eine Vision,die sie gehabt hätte.Darin habe sie gesehen,wie in der Schweiz alles in Schutt und Asche liege.Schwarz und verkohlt.Überall Rauch,Tote.Damals habe ich an ihrem Verstand gezweifelt.Hilt es für ein absolutes Hirngespinnst."Aber nicht in der Schweiz"dachte ich damals.Heute bin ich mir nicht mehr sicher,ob diese Vision,doch ein "Vorausschauen"war
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  • Kommentar von D. Flückiger, Zürich
    @Ruf:Ich glaube nicht an eine Inszenierung.Kenne das Land sehr gut und auch die dort herrschenden Methoden!Daher wird hier nicht inszeniert,sondern viel mehr möchte jeder etwas vom Kuchen haben.So viel Korruption gibt es fast nicht.Die Leute auf der Strasse sind nicht für Klitschko oder für Janukovic, sie sind gegen das ganze System.Jedoch muss man auch festhalten,dass viele eigentlich bereits aufgegeben haben.Opposition als auch Regierung sind korrupt!Klitschko hat Geld, das ist sein Vorteil!
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