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Globus-Atelier in England Die Welt liegt in ihren Händen

Nur wenige haben das Privileg, die Welt täglich im Blick zu haben. Dazu gehören Astronauten, Korrespondenten – und die Macher von Globen. Im Zeitalter von Google Earth sind Globen rar geworden. Im Norden von London werden sie aber noch von Hand gefertigt. Ein Einblick, was die Erde zusammenhält.

Kasia Ostrowski sitzt vor einer grossen Erdkugel und koloriert mit einem feinen Pinsel aus Marderhaar den Indischen Ozean. Neben ihr auf dem Tisch steht eine grosse Flasche «deep ocean blue». Über ihrem Kopf an einer langen Leine zum Trocknen hängt als Kartenstück Russland. Die Ukraine dagegen liegt in Streifen geschnitten auf einer Ablage.

Frau bemalt Globus in Atelier.
Legende: Kasia koloriert den Globus. Dieser wurde mittels Streifen auf der Kunststoffkugel zusammengesetzt. SRF

Hier im Atelier von Peter Bellerby wird die Welt erst einmal mit dem Skalpell in spindelförmige Streifen geschnitten, gewässert, getrocknet. Anschliessend faltenfrei auf Kunststoffkugeln geklebt und dann bemalt und beschriftet.

Atelier mit Malutensilien auf Tisch und Globus.
Legende: «Ocean blue» für den Ozean: Die Farbe ist parat. srf

Erdkugeln gibt es seit dem Mittelalter. Heute gehören sie noch zum Inventar von Schulzimmern und manchmal auch von Privathaushalten, jedoch sind die Globen rar geworden. Bellerby ist die einzige Manufaktur in Grossbritannien, die noch handgefertigte Globen produziert. Ein Handwerk, bei dem man die Welt buchstäblich in den Händen hält. Eine Arbeit, so erklärt es Ostrowski, die Sorgfalt, Geduld, aber ebenso ein Interesse am Weltgeschehen erfordere.

Globen sind da, um uns zu inspirieren.
Autor: Peter Bellerby Firmengründer

«Man kann nicht stundenlang die Wüste des Sudans kolorieren, ohne an den Krieg und die Gräuel zu denken, die sich dort abspielen.» Sie höre deshalb während der Arbeit oft Hintergrundsendungen der BBC über die Weltgegend, die sie gerade koloriere. Um das Universum danach wieder ein bisschen zu justieren, aber häufig auch Johann Sebastian Bach.

Werkstatt mit Karten und Globen, Menschen bei der Arbeit.
Legende: Überall hängen Kartenstücke von der Decke: Das ist die Globenmanufaktur in Islington. srf

Im Bellerby-Atelier in Islington im Norden von London herrscht eine andächtige, schon fast pastorale Stille. Die Welt mit Pinseln, Pinzetten und Kleister Schicht um Schicht im Kleinformat zu rekonstruieren, wirke im Zeitalter von Google Earth tatsächlich leicht aus der Zeit gefallen, meint der Firmengründer Peter Bellerby.

Aber Globen hätten einen völlig anderen Zweck: «Sie sind da, um uns zu inspirieren. Nie würde ein Schiff mit einer Erdkugel in See stechen. Das Schiff würde nie am Ziel ankommen. Um von A nach B zu kommen benutzen wir exakte, digitale Karten. Sie zeigen den Weg ans Ziel.» Ein Globus animiere uns dagegen allenfalls, einmal A oder B zu besuchen. Ein Globus mache neugierig und allenfalls auch demütig.

Aus einem Geburtstagsgeschenk wurde ein Geschäft

Peter Bellerby war ursprünglich Journalist. Einst wollte er seinem Vater einen Globus zu Geburtstag schenken und merkte, dass es abgesehen von billiger Dutzendware solche gar nicht mehr gibt. Deshalb machte er sich daran, selbst einen zu bauen. Nach unzähligen Fehlversuchen hielt er fünf Jahre später seinen ersten Globus in den Händen und gründete seine Manufaktur. Heute arbeiten dreissig Leute in seinem Atelier.

Person deckt grossen Globus mit Decke ab.
Legende: Firmengründer Peter Bellerby mit einem Globus. AP Photo/Kin Cheung

Das Handwerk ist jenem des Auslandskorrespondenten verwandt. Es bietet einen anderen Blick auf die Welt. Und ist ebenfalls nicht ganz ungefährlich: «Länder können verschiedene Namen und Grenzen haben, je nachdem wohin wir unsere Globen verschicken. Wenn sie für China bestimmt sind, heisst Taiwan «Taiwan – Provinz der Volksrepublik China». Und wenn ich einen Globus nach Indien verschicke, auf dem Kashmir verzeichnet ist, kann ich für sechs Monate im Gefängnis landen.»

In Islington dauert die Erschaffung der Welt neun Monate

Gott soll die Erde in sechs Tagen erschaffen haben. In Islington dauert es ein bisschen länger. Neun Monate benötigen Peter Bellerby und seine Leute, bis ein grosser Globus fertig ist.

Dabei werden auch handwerklich Grenzen verschoben. Kasisas Kollege Eddy da Silva schneidet gerade mit einer chirurgischen Schere sorgfältig den Nordpol aus. 

Mann schneidet Papier an einem Schreibtisch.
Legende: Eddy da Silva schneidet den Nordpol aus: Ihn aufzukleben, ist eine heikle Angelegenheit. srf

«Flaches Papier auf eine Kugel zu kleben geht wider die Natur der Zellulosefasern im Papier. Deshalb muss die Spannung vom Nord- zum Südpol perfekt abgestimmt sein, wenn wir die spindelförmigen Kartenstreifen aufkleben. Diese sind mit nassem Leim getränkt. Wenn jemand zu festzieht, zerreissen sie am Äquator.»

Wir kleben die Welt nicht einfach zusammen, sondern wir erschaffen sie.
Autor: Eddy da Silva Globenbauer

Zwei Leute sind nötig, um die Kartenstreifen zu falten- und unfallfrei auf eine Kugel zu kleben. Man beginne immer am Nordpol und Ende am Südpol. Bei diesem Prozess müsse man absolut harmonisch aufeinander abgestimmt sein. «Diesen Arbeitsgang muss man spüren. Wir kleben die Welt nicht einfach zusammen, sondern wir erschaffen sie», sagt Eddy da Silva.

Die Arbeit mit nassem Papier und Aquarellfarben ist eine fliessende. «Es ist wie Klavier spielen ohne Noten. Es benötigt ein Gespür für Tempo, Pausen und Spannung: Ab wann ist das Papier zu nass oder zu trocken, wann erreichen wir den Punkt, an dem es reissen könnte.» Um eine Partitur zum Klingen zu bringen, müsse ein Musiker in perfektem Einklang mit seinem Instrument sein. Genau so sei es, wenn man Globen baue. 

Russland ist mittlerweile trocken. Die Ukraine wird morgen zusammengeklebt. Die Welt ist eine fragile Angelegenheit. Doch die Globusmacherinnen und -macher in Islington wissen, was sie zusammenhält: Nebst einem guten Leim, in erster Linie Fingerspitzengefühl: Denn wer zu fest an ihr zieht, zerreisst sie.

Echo der Zeit, 25.3.2026, 18 Uhr;liea

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