Jedes vierte Asylgesuch in der EU stellt ein unter 18-Jähriger. Viele dieser Jugendlichen kommen in Griechenland an. Minderjährige haben mehr Rechte, sie brauchen Schutz und eine intensivere Betreuung.
Doch nun werden Angebote, die sich direkt an Minderjährige richten, gestoppt. Zentral gelegene, kleine Unterkünfte sollen geschlossen werden. Dies bestätigte der griechische Migrationsminister Athanasios Plevris im griechischen Fernsehen.
Plevris begründet die Massnahme mit gesunkenen Zahlen: «Diese Unterkünfte wurden geschaffen, als wir hier 3000 unbegleitete Minderjährige hatten. Heute haben wir nur noch 1500.» Er weist auch auf die Kosten hin, die vom europäischen und griechischen Steuerzahler getragen werden, und betont, dass Athen nicht die alleinige Last tragen könne.
Sorge um das Kindeswohl
Im Athens Solidarity Center verfolgt man diese Entwicklungen mit grosser Sorge. Gegenüber SRF betont ein Sozialarbeiter die Bedeutung städtischer Unterkünfte: «Es ist sehr wichtig, dass sich die Unterkünfte für unbegleitete Minderjährige in der Stadt befinden, wo es Spitäler und Schulen gibt und wo sich die Jugendlichen integrieren können. Das ist in abgelegenen Gegenden nicht möglich.»
Die Konsequenz der Schliessungen sei, dass viele Jugendliche diese Unterkünfte verlassen und auf Arbeitssuche gehen. Für jene, denen dies nicht gelingt, gab es bis vor Kurzem Notunterkünfte in Athen, die Obdachlosigkeit verhindern sollten. Doch auch diese Notunterkünfte werden nun geschlossen.
Unterbringung in «Safe Areas» und Abschiebepläne
Nach Angaben des griechischen Migrationsministers sollen unbegleitete Jugendliche künftig vor allem in den sogenannten «Safe Areas» in Flüchtlingscamps untergebracht werden. Dies betreffe insbesondere zwei Gruppen: Jugendliche, die verhaltensauffällig werden, und Jugendliche aus bestimmten Herkunftsländern.
Plevris erklärt: «Es gibt Jugendliche, die heute in betreuten Wohngemeinschaften leben und Probleme bereiten. Diese Minderjährigen werden zurück in geschlossene Camps gebracht, und wenn sie volljährig werden, werden wir uns um ihre Abschiebung kümmern, nach Bangladesch, Pakistan oder Ägypten, je nachdem, wo sie herkommen.» Er fügt hinzu: «Personen aus diesen Ländern sind meist keine Flüchtlinge.»
Das ist mit den internationalen Standards, die den Kindesschutz betreffen, nicht vereinbar.
Theodora Tsovili vom griechischen Büro des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) gibt an, dass derzeit rund 50 Prozent der unbegleiteten Minderjährigen in Griechenland aus Ägypten stammen. Sie betont jedoch, dass alle unbegleiteten Minderjährigen ein Recht auf Schutz hätten, unabhängig davon, ob sie vor Krieg und Verfolgung geflohen sind oder aus finanziellen Gründen die Reise in die EU angetreten haben.
Kritik an der Kategorisierung von Kindern
Die Unterscheidung von Kindern nach ihrer Herkunft in «gute und böse Kinder» oder «kriminelle und brave Kinder» bereitet Hilfsorganisationen grosse Sorge. Tsovili äussert sich dazu deutlich: «Da sind wir alle, die sich mit dem Kindeswohl beschäftigen, vereint dagegen, bestimmte Kategorien in Camps zu stecken. Das ist mit den internationalen Standards, die den Kindesschutz betreffen, nicht vereinbar.»
Sie weist darauf hin, dass viele unbegleitete Minderjährige stark traumatisiert seien und deshalb verhaltensauffällig werden könnten. Diese Jugendlichen als «Strafe» in abgelegene Flüchtlingscamps wegzusperren, sei der falsche Weg.