In den letzten Jahren ist die Zahl der Menschen, die über Libyen nach Griechenland geflüchtet sind, gestiegen. Sie überqueren in überfüllten Flüchtlingsbooten das Mittelmeer und kommen meist auf der kleinen Insel Gavdos ganz im Süden des Landes an oder auf der grösseren Nachbarinsel Kreta. Auf dieser Route sind letztes Jahr 20'000 Migrantinnen und Migranten in Griechenland angekommen.
Welcher Schleuser würde denn in ein marodes Flüchtlingsboot steigen und eine zweitägige Fahrt auf sich nehmen? Die wahren Schleuser sitzen doch in Libyen, nicht hier.
Doch nicht alle von ihnen können auch tatsächlich Asyl beantragen. Denn einige werden kurz nach ihrer Ankunft festgenommen, unter dem Vorwurf, Schlepper zu sein. Auch wenn sie selbst aus Kriegsgebieten kommen.
Wer hat das Boot gefahren?
Die griechische Regierung spricht von einer Bekämpfung der Schleuserkriminalität, Aktivistinnen und NGOs hingegen von einer Kriminalisierung von Geflüchteten.
Nach der Ankunft werden die Bootsinsassen von der griechischen Küstenwache vernommen und gefragt, wer das Boot gefahren hat. Denn das reiche schon aus, um jemanden als Schleuser festzunehmen, sagt die 46-jährige Aktivistin Irini Zilavaki. Für sie ist das unverständlich.
«Welcher Schleuser würde denn in ein marodes Flüchtlingsboot steigen und eine zweitägige Fahrt auf sich nehmen? Von Libyen nach Kreta? Die wahren Schleuser sitzen doch in Libyen, nicht hier», sagt Zilavaki. «Die griechischen Richter sagen aber, wichtig sei nicht, ob die Angeklagten Geld bekommen haben, sondern nur, ob sie eine aktive Rolle während der Reise hatten und dadurch andere in Gefahr gebracht haben.»
Aufklärung der griechischen Öffentlichkeit
Die Solidaritätsinitiative «Fifty out of Many», zu Deutsch «Fünfzig von vielen» versucht, auf Informationsveranstaltungen die griechische Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen – etwa im Athener Navarinou Park, einem kleinen Park im Athener Linkenviertel Exarchia.
Teil des Events sind Workshops, eine Ausstellung mit Zeichnungen zum Thema Flucht und Paneldiskussionen. «Wir wollen Besuchende informieren und uns vernetzen. Und wir möchten Geld sammeln, damit wir die Geflüchteten unterstützen können», sagt Zilavaki. «Die Veranstaltung ist wirklich gut besucht. Es gibt viele Menschen, die helfen wollen.»
Mein Mann hat die Fahrt überlebt. Er ist nicht im Mittelmeer ertrunken. Aber jetzt ist er im Gefängnis.
Aktuell seien besonders viele Menschen aus dem Sudan und Südsudan angeklagt, Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen und deshalb in Griechenland zu den Nationalitäten gehören, die meist als Geflüchtete anerkannt werden, sagt Zilavaki.
2500 Geflüchtete deswegen in Haft
Auf der Veranstaltung kommen Betroffene und ihre Familien zu Wort. Hunderte Menschen hören ihnen aufmerksam zu. Etwa der Sudanesin Rose mit ihrer fünfjährigen Tochter. Rose erzählt mit gebrochener Stimme, wie ihr Mann in Griechenland festgenommen wurde.
«Er sagte mir: ‹Heute fahre ich aus Libyen los›. Ich antwortete ihm: ‹Mit Gottes Hilfe wird alles okay›. Einen Monat später rief mein Mann aus dem Gefängnis an, er war verhaftet worden. Er soll das Boot gesteuert haben. Ich sagte: ‹Das kann doch nicht sein. Ich hatte doch das Geld für seine Überfahrt gesammelt›. Er hat die Fahrt überlebt. Er ist nicht im Mittelmeer ertrunken. Aber jetzt ist er im Gefängnis», sagt Rose.
Der Mann der jungen Sudanesin ist kein Einzelfall. Aktuell sitzen in Griechenland rund 2500 Migranten in Haft, weil sie illegal Menschen ins Land geschleust haben sollen.