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Ernüchterndes Fazit zum Grundeinkommen
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.05.2020.
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Grundeinkommen in Finnland «Es macht glücklicher, aber nicht unbedingt nützlicher»

Finnland hat von 2016 bis 2018 2000 Langzeitarbeitslosen ein Grundeinkommen bezahlt. Auf nationaler Ebene gab es das zuvor noch nirgends. Ein Forschungsteam hat die Daten des Experiments jetzt fertig ausgewertet. Die Bilanz falle durchzogen aus, schildert Nordeuropa-Mitarbeiter Bruno Kaufmann.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Skandinavien-Korrespondent

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Bruno Kaufmann berichtet seit 1990 regelmässig für SRF über den Norden Europas, von Grönland bis Litauen. Zudem wirkt er als globaler Demokratiekorrespondent beim Internationalen Dienst der SRG, swissinfo.ch/directdemocracy, Link öffnet in einem neuen Fenster.

SRF News: Was ist die Haupterkenntnis des Experiments Grundeinkommen?

Bruno Kaufmann: Die eine Haupterkenntnis gibt es nicht, die Bilanz ist durchzogen. Doch es gibt Einsichten: Zum einen, dass das Grundeinkommen bei jenen, die es erhielten, sehr willkommen war. Zuerst waren sie skeptisch, dann fanden sie es eine super Idee. Das Medienecho war weltweit sehr gross.

Drei Viertel waren vor und auch nach dem Experiment eher skeptisch gegenüber dem Grundeinkommen.

Andererseits haben Langzeitarbeitslose durch das Grundeinkommen nicht in eine reguläre Arbeit wechseln können. Auch die Meinung in der Bevölkerung in Finnland hat sich nicht gross geändert. Drei Viertel waren vor und auch nach dem Experiment eher skeptisch gegenüber dem Grundeinkommen.

Als man vor einem Jahr vorläufig Bilanz zog, kam man zum Schluss: Ein Grundeinkommen steigere das Wohlbefinden der Empfängerinnen und Empfänger, führe allerdings nicht zu mehr Beschäftigung. Dann gilt das immer noch?

Ja, man kann wirklich sagen: Das Grundeinkommen macht glücklicher, aber nicht unbedingt nützlicher. Die Zufriedenheit war vor allem bei jenen, die es bekommen haben, gross, weil sie nicht in diese Bürokratie einsteigen mussten. Die Arbeitslosenkasse und die Sozialversicherungen in Finnland sind sehr kompliziert.

Auf der anderen Seite haben Personen mit wenig Flexibilität, dass sie irgendwo angestellt werden können, davon profitiert. Ich hatte in Nordfinnland einen Musikinstrumentenbauer mit sechs Kindern besucht. Dieser war sehr zufrieden, weil er sich nicht überall vorstellen musste. Er konnte die Zeit nutzen, um ein eigenes Online-Unternehmen aufzubauen.

Das finnische Modell des Grundeinkommens

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Man nennt es in Finnland bedingungsloses Grundeinkommen, doch tatsächlich war es mit einigen Bedingungen verbunden, erklärt Bruno Kaufmann. Langzeitarbeitslose Menschen zwischen 26 und 58 Jahre alt wurden ausgelost und erhielten über zwei Jahre 600 Franken pro Monat überwiesen. «Das ist ein Grundsozialbeitrag und reicht natürlich auch in Finnland nicht zum Leben», sagt Kaufmann. Schon während des Versuchs hatte die damalige Regierung signalisiert, dass sie das Grundeinkommen nicht weiterführen will.

Ein grosser Streitpunkt rund um das Experiment war, ob es die Menschen aktiver oder passiver macht. Gibt es zu dieser Frage Erkenntnisse?

Die Sozialversicherungsbehörden sagten, es habe weder in die eine noch in die andere Richtung viel verändert. Dort, wo es Potenzial gab, um sich weiterzubilden oder etwas aufzubauen, hat es den Trend verstärkt. Andererseits hat es bei Menschen, die eher Passivität zeigten, nicht viel bewirkt. Die Grunderkenntnis ist, dass das Grundeinkommen gegenüber dem existierenden System nicht viel verändern konnte.

2016 waren in Finnland die Konservativen an der Macht. Heute sind es die Sozialdemokraten. Macht diese Regierung in Sachen Grundeinkommen weiter?

Ja und Nein. Die Linken standen dem Grundeinkommen eher skeptisch gegenüber. Premierministerin Sanna Marin will das Grundeinkommen so nicht weiterverfolgen. Stattdessen möchte sie eine Negativsteuer einführen: Unter einem gewissen Einkommensniveau soll man vom Staat bedingungslos Geld bekommen.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

SRF 4 News, 7.5.2020, 6.40 Uhr;

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73 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Die Idee des Grundeinkommens ist eine Fünfer und Weggli Idee. Die Kehrseite wird nur ungern betrachtet. Da die meisten Betroffenen das Geld einfach nehmen und ökonomisch untätig bleiben, stellt sich die Frage wer genau das finanziert. Natürlich kann man das Sozialsystem als System eines bedingungslosen Grundeinkommens umfunktionieren, allerdings benötigt das Abgaben und Steuern. Die Bezahler dieser Abgaben/Steuern sind aber nicht bereit für die Faulheit zu bezahlen! Darum scheitert die Idee.
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    1. Antwort von Lorenzo Morreale  (S. Lorenzo Morreale)
      1. Grosskonzerne generieren Reichtum eines jeden postindustriellen Landes, nicht die Steuerzahler, nicht die Erwerbstätigen. Also, mind. 2'500 CHF für ALLE! Solidarität kann nicht ohne ein BGE erreicht werden. Wir müssen an ALLE BÜRGER denken! Wer dies noch nicht begreifen will, ist sich nicht bewusst, was um ihn herum so geschieht! 2. Ein BGE bedeutet nicht, dass wir nicht länger tätig und faul sein werden - ganz im Gegenteil. Sprechen Sie bitte für sich selbst und nicht für alle!
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  • Kommentar von Michael Geissbühler  (M.Geissbühler)
    Es ist eigentlich egal ob man das Geld vom Staat Grundeinkommen oder Sozialhilfe nennt.
    Es darf nicht bedingungslos sein. Arbeitsunwilligkeit darf nicht belohnt werden. Die Bequemlichkeit entfaltet sonst ihre Eigendynamik. Die Folgen sind noch stärker überproportional steigende Staatsausgaben, i.d.R. zu Lasten der zukünftigen Generationen (Schulden). Schon kleine Tendenz-Unterschiede führen über die Zeit zu grossen kumulierten Differenzen.
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    1. Antwort von Alex Baumann  (GuterNutzername)
      Herr Geissbühler,

      Haben Sie jemals den Gedanken gehabt, dass die meisten Regierungen mittlerweile genung Geld haben um Menschen zu helfen dennen es nicht gut geht. Das bedingungslose macht genau das und mehr. Es folgt dazu das Menschen nicht illegal oder verbrecherisch Arbeiten machen müssen um verzweifeltelte Situation zu Überleben. Es zeigt, dass eine Gesellschaft alle Ihre Bürger wertschätzend Unterstützt, anstatt ein Klassensystem der Reichen und Armen zu Unterstützen.
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    2. Antwort von Lorenzo Morreale  (S. Lorenzo Morreale)
      @Michael Geissbühler
      Das BGE ist kein Staatsgrundeinkommen oder Sozialhilfe! Sie müssen entweder ein Rentner sein, der stets das Privileg hatte, "Arbeit" zu finden, der nun die "Freiheit" geniesst und nun arroganterweise dasselbe von Ihren Mitbürgern erwartet. Oder Sie üben aktuell eine Erwerbstätigkeit aus, sind sich jedoch nicht über Massenerwerbslosigkeit und Armut bewusst.
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  • Kommentar von Lily Mathys  (Alle vergeben)
    Gedankenexperiment: Verkäuferin in Migros kriegt 3500chf /Monat /100%. Annahme, 3500 chf als Grundeinkommen. Die Migros kriegt keine Angestellten mehr für den Preis (kriegen gleich viel mit 100% Freizeit). Erhöht Löhne, was zu Preissteigerungen führt. Viele Angestellte kriegen bis 50-60t/Jahr, bei Jobs, die nur bedingt intrinsisch motiviert verrichtet werden.
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    1. Antwort von Alex Baumann  (GuterNutzername)
      Sie haben das System überhaupt nicht verstanden. Und Ihr unüberlegtes und unstudiertes Gedankenexperiment ist falsch, fachlich und faktisch.
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