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Legende: Audio Finnland testet das Grundeinkommen – mit umgerechnet 600 Franken im Monat abspielen. Laufzeit 04:46 Minuten.
Aus Rendez-vous vom 08.04.2019.
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Bedingungsloses Grundeinkommen Wie die Entlassung aus dem Gefängnis

Zwei Jahre lang testete Finnlands bürgerliche Regierung das bedingungslose Einkommen. Ein erstes Fazit fällt durchzogen aus.

Die Lancierung des weltweit erstmaligen Pilotversuches mit einem bedingungslosen Grundeinkommen auf nationaler Ebene weckte vor zwei Jahren viel Aufsehen. Auch in der Schweiz, wo die Stimmbürger 2016 die Idee an der Urne haushoch verworfen hatten.

Der Anstoss zum Versuch in Finnland kam vom bürgerlichen Ministerpräsidenten Juha Sipilä von der Zentrumspartei – einem früheren Topmanager aus der Wirtschaft.

Versuch mit 2000 Arbeitslosen

In den Jahren 2017 und 2018 erhielten 2000 ausgeloste Finninnen und Finnen jeden Monat gut 600 Franken aufs Konto einbezahlt. Dabei kamen nur Personen zum Zug, die über eine längere Zeit arbeitslos gewesen waren.

Nach Ende der zweijährigen Versuchsphase hat die Regierung jetzt eine erste Bilanz gezogen. Die Arbeitslosigkeit unter den Bezügern des Grundeinkommens sei nicht zurückgegangen, erklärte die zuständige Sozialministerin Pirkko Mattila. «Aber sie betrachten ihre Lebenssituation bedeutend positiver.»

Die Auswertung zeigt auch, dass Grundeinkommenbezüger ihre Situation grundsätzlich viel positiver bewerten als eine Vergleichsgruppe von Arbeitslosen, welche mindestens gleich viel Geld aus der Arbeitslosenkasse bezieht. Genauere Forschungsergebnisse sollen bis im Sommer vorliegen.

Seit sechs Jahren arbeitslos

Bei Beginn des Versuches vor zwei Jahren trafen wir den sechsfachen Familienvater und Musikinstrumentenbauer Juha Järvinen an seinem entlegenen Wohnort, vier Zugstunden nördlich der Hauptstadt Helsinki.

Mann in Fellmütze vor einem Haus, es liegt Schnee.
Legende: Juha Järvinen konnte dank dem Grundeinkommen seine Instrumentenbau-Firma voranbringen. srf/Bruno Kaufmann

Er sagte damals, dass er den Brief der Behörden zum Grundeinkommensversuch wie seine Kinder den Weihnachtsmann erwartet hatte. «Das Grundeinkommen ist zwar geringer als das monatliche Arbeitslosengeld, trotzdem erwarte ich davon etwas Positives», sagte Järvinen im Februar 2017. Zuvor hatte er sechs Jahre lang vergeblich versucht, einen Job zu finden, oder eine eigene Existenz aufzubauen.

Zwei Jahre später zieht er eine positive Bilanz. Er habe in den zwei Jahren eine eigene Firma als Trommelbauer aufziehen können. «Und das, ohne ständig beim Arbeitsamt anzutraben und irgendwelche Formulare auszufüllen.» Die Teilnahme an dem Versuch sei für ihn gewesen, als ob er aus dem Gefängnis in die Freiheit entlassen worden wäre.

Statistik erklärt nicht alles

Angesprochen auf die erste Bilanz der Regierung, die wenig Positives zu vermelden hat, was die Jobsuche der Grundeinkommensbezüger angeht, meint Järvinen: «Diese Statistiken sind mit Vorsicht zu geniessen.» Er selber habe dank dem Grundeinkommen jenes Geld, welches er als Trommelbauer verdient habe, gleich wieder in Ausrüstung investieren können. In der Statistik sehe das aber aus, als ob er nichts gearbeitet hätte.

Ob das bedingungslose Grundeinkommen in Finnland eine Zukunft hat, ist ungewiss. Die bisherige bürgerliche Regierung hat kaum Aussichten, nach den bevorstehenden Wahlen von Mitte April an der Macht zu bleiben. Verschiedene Parteien zur Linken wie zur Rechten haben jedoch angekündigt, sich in einem zweiten Schritt für einen Ausbau des Grundeinkommen-Modells einsetzen zu wollen.

Der finnische Pilotversuch mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ist beendet. Doch die Debatte dazu hat eben erst begonnen.

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Rudolf Salzgeber  (R.G.S)
    Das BGE macht Sinn! Finanzierbarkeit: kein Problem, denn fast sämtliche anderen Sozialbeiträge würden praktisch entfallen, die Administration und dadurch entstehende Kosten wegfallen. Parallel dazu müsste auf Quellenbesteuerung umgestellt werden was die Verwaltungskosten nochmals deutlich senken würde. Viele Leute würden so auch vermeiden in eine Schuldenfalle wegen unbezahlter Steuern zu geraten. Außerdem wäre der Sozialstatus ein ganz anderer und würde vielen eine gewisse Würde zurückgeben.
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  • Kommentar von Bruno Bär  (Wahrheitssucher)
    Die Reichen wollen das nicht und sie bestimmen schon immer. Die breite Masse wird manipuliert, weshalb die Abstimmung in der Schweiz auch verloren ging. Es herrscht die Meinung, dass man Geld nur durch Arbeit verdienen darf. Wer "auf der faulen Haut liegt", hat nichts verdient. Nur, die ganz Reichen liegen schon lange "auf der faulen Haut" . Für sie arbeitet ihr Kapital (Rente des Kapitals). Deshalb müssten sie zur Finanzierung des BGE verpflichtet werden.
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    1. Antwort von Haller Hans  (H.Haller)
      Lieber reich, faul und intelligent, als arm, faul, dumm und dämlich. - Fragen Sie sich mal, wie so etwas letztlich erwirtschaftet werden soll. Und dann kommen Sie schnell mal auf den Punkt, wo's klemmt. Das Manna kommt eben nicht so einfach vom Himmel herab. Da hat der Herrgott offenbar zuwenig an die Armen, Dummen und Dämlichen gedacht. (smile) Und ach ja, auch noch so nebenbei: Wie viel möchten Sie (persönlich), oder können Sie überhaupt leisten um letztlich andere damit finanzieren zu können.
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  • Kommentar von Alex Moser  (AM)
    Für mich wird nach diesem Artikel vor allem eines klar: es bracht nicht unbedingt ein "bedingungsloses Grundeinkommen" - aber ganz dringend einen Abbau der Bürokratie! Der Instrumentenbauer zeigt das sehr schön und deutlich auf. Die Erleichterung war nicht das Geld (wovon er ja weniger als vorher bekommen hat), sondern dass er nicht mehr unnütze Formulare ausfüllen musste! Und das genau gleiche Problem haben wir auch in der Schweiz!
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