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Israel: Hilferuf von Frauenorganisationen
Aus Rendez-vous vom 01.05.2020.
abspielen. Laufzeit 05:29 Minuten.
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Häusliche Gewalt in Israel Die Krise verschärft die missliche Lage bedrohter Frauen

Die Notrufe seien mit Corona vor allem in den israelisch-arabischen Vierteln gestiegen, berichtet eine Sozialarbeiterin.

In Israel wurden seit Beginn der Coronakrise mindestens fünf Frauen von Ehemännern oder Familien umgebracht – fast so viele wie im ganzen letzten Jahr. Die Regierung hat Sozialarbeiterinnen im Bereich häuslicher Gewalt von den Restriktionen der Notgesetze befreit: Sie dürfen rund um die Uhr arbeiten.

Häusliche Gewalt kommt in allen Gesellschaftsgruppierungen vor. Besonders häufig ist sie bei den jüdisch-ultraorthodoxen und arabischen Bevölkerungsminderheiten, wo das Thema eher tabuisiert wird.

Die promovierte Sozialarbeiterin Manal Shalabi aus Haifa ist Gründerin und Direktorin von Adar. Die Organisation von Fachleuten befasst sich mit tödlicher Gewalt gegen Frauen in den israelisch-arabischen Gemeinden.
Legende: Die promovierte Sozialarbeiterin Manal Shalabi aus Haifa ist Gründerin und Direktorin von Ad'ar. Die Organisation von Fachleuten befasst sich mit tödlicher Gewalt gegen Frauen in den israelisch-arabischen Gemeinden. ZVG

Zuerst wurde es ruhig

Manal Shalabi arbeitet mit arabischen Frauen. Als die Coronakrise begann und die Ausgangssperren kamen, gingen die Anrufe von Frauen wegen häuslicher Gewalt fast auf null zurück: Selbst Frauen, die vor der Krise angerufen hatten, meldeten sich nicht mehr. Oder dann nur, weil ihre Familien nicht genug zu essen hätten. «Familienprobleme und Gewalt sprachen sie nur noch indirekt an», sagt die Sozialarbeiterin.

Das Phänomen ist nicht neu: «Wir beobachten, dass sich Frauen in Krisen wie zum Beispiel Krieg in den ersten ein bis zwei Wochen keine externe Hilfe holen: Weil sie mit der Situation überfordert sind und zuerst in der Familie Schutz suchen – selbst dort, wo sie Gewalt erleben.»

Krise mit zwei Geschwindigkeiten

Die Coronakrise erreichte die arabische Minderheitsgesellschaft in Israel – zu der Muslime und Christen gehören – mit Verspätung. Die ersten Coronafälle wurden in der jüdischen Bevölkerung bereits Ende Februar registriert. Die israelische Übergangsregierung unter Premier Netanjahu startete eine Aufklärungskampagne, die jedoch bei der arabischen Minderheit nicht ankam.

Denn dort waren keine Ansteckungsfälle bekannt. Erst als israelisch-arabische Parlamentsabgeordnete Druck machten, die arabische Bevölkerung ebenfalls auf Corona zu testen, erreichte die Krise auch diesen Teil der Gesellschaft.

Nun verläuft die Krise in unterschiedlichen Geschwindigkeiten: In den mehrheitlich jüdischen Städten und Dörfern werden die Massnahmen wieder gelockert, während in mehrheitlich arabischen Gemeinden weiter Ausgangssperren gelten.

Anrufe enorm gestiegen

Inzwischen berichten Frauenorganisationen und Sozialarbeiterinnen von einem enormen Anstieg der Anrufe auf Notnummern für häusliche Gewalt. Allerdings riefen nicht Frauen, sondern hauptsächlich Jugendliche an, sagt Manal Shalabi: «Siebenmal mehr Anrufe von Jugendlichen als sonst zeigen, wie stark die Familien unter Druck sind.»

Allerdings rufen jetzt bei häuslicher Gewalt nicht Frauen, sondern hauptsächlich Jugendliche an.
Autor: Manal ShalabiManal ShalabiSozialarbeiterin, Gründerin und Direktorin der Hilfsorganisation Ad'ar

Dass die Frauen nicht selbst anrufen, liegt daran, dass sie unter den Umständen gar keine Privatsphäre haben: Firmen und Schulen sind geschlossen, hinzu kommen Ausgangssperren. Wenn sie dennoch anrufen, so vor allem aus wirtschaftlicher Not. Die Männer haben kein Einkommen mehr, vielen Haushalten fehlt es an Lebensmitteln.

Warten auf zusätzliche Frauenhäuser

Alle gemeinnützigen Organisationen verrichteten in dieser Krise Arbeit, die eigentlich der Staat machen müsste, sagt die Sozialarbeiterin. Der Staat bürde den zivilgesellschaftlichen Organisationen zu viel Verantwortung auf.

Ein Beispiel dafür sind laut Manal Shalabi die Frauenhäuser: 14 davon gibt es in ganz Israel, alle sind zurzeit voll. Zusammen mit anderen Organisationen fordert ihre Organisation Ad'ar von der Regierung nun zwei zusätzliche Frauenhäuser in den arabischen Gemeinden Israels. Die Regierung hat Hilfe versprochen – gehandelt hat sie noch nicht.

Rendez-vous, 01.05.2020, 12:30 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Glaube nicht, dass dies nur ein Problem in Israel ist. Und - nebst der verabscheuungswürdigen Gewalt gegen Frauen geht es um Gewalt generell: Die physische und die noch schlimmer psychische Gewalt. Wichtiger als Gesetze wäre das Problem an der Wurzel zu packen: Erziehung unserer Kinder (Eltern, Lehrer, Trainer usw.), Vorbild sein der Erwachsenen und Überwachung im Internet!
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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Ich formuliere den gleichen Inhalt halt um: Es sind nicht nur strengere Gesetze gegen Gewalt nötig, sondern kulturelle Eigenheiten (auch Religion!) müssen so gelenkt werden, dass Frauen sich nicht mehr per se als "das schwächere Geschlecht" fühlen. An sich wären viele Frauen befähigt, sich gegen Gewalt zu wehren. Bloss wegen kultureller Einprägung (du bist schwächer, du musst gehorchen, kein eigenes Einkommen da Lebensinhalt Mann&Kinder sind usw.) wehren sie sich nicht. Das muss sich ändern.
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  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Gewalt gegen Frauen leider weltweit, Schweiz nicht ausgenommen. Viel schartigere Strafen und bereits bei den Religionen ansetzen
    Religionen sind Unterdrücker daraus entstehen Kaempfe und Kriege
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