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Legende: Audio Journalist Christian Putsch: «Das Problem ist drängend» abspielen. Laufzeit 07:51 Minuten.
Aus SRF 4 News aktuell vom 12.03.2019.
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Häusliche Gewalt in Südafrika Die Ehefrau – zum Besitztum degradiert

Eine bekannte südafrikanische Sängerin wird vor laufender Kamera von ihrem Mann geschlagen. Die Suche nach Erklärungen.

Darum geht es: Babes Wodumo, eine bekannte südafrikanische Sängerin, wird von ihrem Freund verprügelt – live auf Instagram. Sie fragt: «Warum schlägst du mich?» Er antwortet mit einem weiteren Schlag. Das Ganze geschah vergangene Woche. Seitdem wird in dem Land über häusliche Gewalt debattiert – so intensiv wie selten, sagt Christian Putsch, Journalist in Kapstadt. «In den sozialen Netzwerken und auf der Strasse hört man das Thema deutlich öfter.» Das sei ein Fortschritt, glaubt er: «Man hat erkannt, das Problem ist drängend und es muss etwas dagegen getan werden.»

Christian Putsch

Christian Putsch

Journalist in Kapstadt

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Putsch ist Autor und Südafrika-Korrespondent. Er berichtet unter anderem für «Die Welt» aus dem südlichen Afrika.

Das ist das Ausmass des Problems: Gewalt gegen Frauen ist in Südafrika schon lange ein Problem. Bis in die 1990er-Jahre wurde kaum öffentlich darüber gesprochen. Inzwischen existieren Studien, die eine Vorstellung von der Dimension geben. So werden etwa drei Frauen pro Tag von ihrem Partner getötet. Die Femizidrate – die Anzahl Tötungen aufgrund des weiblichen Geschlechts – ist in Südafrika fünfmal höher als im globalen Durchschnitt.

Das haben Umfragen ergeben: Jeder vierte südafrikanische Mann hat im Laufe seines Lebens schon einmal eine Frau vergewaltigt. «Es ist ein grosses Problem, da gibt es keinen Dissens», ist der Journalist überzeugt. Acht Prozent der Männer sagen, es sei akzeptabel, die Ehefrau zu schlagen, wenn sie ihm widerspreche. Doch noch viel unfassbarer sei, dass auch sieben Prozent der Frauen diese Antwort geben. «Es gibt also auch Frauen, die solch unvorstellbare gesellschaftliche Ansichten haben.»

Frau wischt sich Tränen ab
Legende: Im vergangenen August kam es in Kapstadt zu einem Frauenmarsch gegen häusliche Gewalt. Keystone

Das sind die möglichen Gründe: Im südafrikanischen Parlament sitzen zwar verhältnismässig viele Frauen. Doch in vielen Familien – speziell auf dem Land – herrschen immer noch veraltete patriarchale Strukturen und Ansichten vor. Gewalt spiele in dem Land traditionell eine grosse Rolle, sagt Putsch. Während der Apartheid wuchsen viele mit Waffen auf. Auch die Prügelstrafe war in Schulen noch bis 1997 erlaubt und auch innerhalb der Familie akzeptiert. Zu wenig geeignete männliche Vorbilder spielen laut dem Journalisten ebenso eine Rolle: «Über die Hälfte der Kinder wächst in Südafrika ohne Vater auf.»

Polygamie in Südafrika erlaubt: Männer dürfen in Südafrika per Gesetz mit mehreren Frauen verheiratet sein. In der Praxis kommt dies nicht mehr so oft vor wie noch vor einigen Jahrzehnten. Die Praxis der Brautablöse bleibe aber wichtig: «Es ist hier – zumindest in den schwarzen Bevölkerungsschichten – üblich, dass man eine Brautablöse an die Familie der Frau zahlt.» Das seien oft mehrere Monatsgehälter. «Dies degradiert die Frau zum Besitztum.»

Die Brautablöse degradiert die Frau zum Besitztum.
Autor: Christian PutschJournalist

Das sind die Lösungsansätze: Es gibt Studien, die zeigen, dass bildungsferne Schichten in Südafrika deutlich öfter von häuslicher Gewalt betroffen sind. Einige Oppositionsparteien sagen denn auch, dass weiter in die Bildungsmöglichkeiten der Frauen investiert werden müsse. Das Thema müsste zudem stärker im Lehrplan berücksichtigt werden und Prominente könnten sich ebenfalls vermehrt engagieren, ist Putsch überzeugt.

Jacob Zuma
Legende: Jacob Zuma, von 2009 bis 2018 Präsident von Südafrika, hat 2018 seine siebente Frau geheiratet. Reuters

In den letzten Jahren ist zumindest auf Justizebene etwas passiert: Es gibt spezielle Gerichte, an denen ausschliesslich Sexualdelikte verhandelt werden, mit speziell geschulten Richtern, Strafverfolgern und Psychologen. «Das hat ein bisschen Bewegung in die Sache gebracht, nicht genug, aber immerhin.»

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18 Kommentare

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  • Kommentar von werner zuercher  (Werner Zuercher)
    Ins Mittelalter zurück! Von den europäischen Mainstream Medien verschwiegen, Südafrika geht den gleichen Weg wie Zimbabwe vor 30 Jahren. Zurück in Armut, Kriminalität, Misswirtschaft. Weiße Farmer, Grundbesitzer werden enteignet, verjagt und ermordet! Es ist ein richtiger Genozid, vorerst an den Weißen auf dem Lande. In einigen Jahren wird Südafrika zurück in Hunger und Mittelalter sein. In Europa darf darüber nicht gesprochen werden. Es würde das Bild der wunderbaren Kulturbereicherer trüben.
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  • Kommentar von Günter Rieker  (guedi)
    Vor rund 25 Jahren hat der Westen Südafrika Demokratie verordnet, mit dem Resultat, dass die Regierung und Staatsorgane heute von Korruption und Vetternwirtschaft nur so strotzen. Letztes Jahr wurden mehr als 300 Farmen überfallen und die weissen Besitzer bestialisch abgeschlachtet. Dieser Farmer-Genozid ist der Presse keine Zeile wert. Aber selbstverständlich sind wir empört über Gewalt gegen Frauen. Welcome to Africa!
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    1. Antwort von Beatrice Mayer  (signorinetta)
      Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
      Über beides sollten wir uns empören, wobei Gewalt gegen Frauen naturgemäss verbreiteter ist.
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  • Kommentar von Harald Buchmann  (Harald_Buchmann)
    Ja, dass sind Themen wo ich zum brennenden Feministen werde. Die Diskussionen bei uns ob jetzt ein Liedertext wo ein Mann eine Frau vermisst frauenfeindlich sei, geht selbst mir manchmal zu weit. In Südafrika, da gibt es offenbar echte Probleme zu lösen. (Soll jetzt nicht heissen, dass ich die Lohnungleichheit in der Schweiz OK fände oder so)
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