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Haiti: Zehn Jahre nach dem Erdbeben ist längst nicht alles gut
Aus SRF 4 News aktuell vom 13.01.2020.
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Haiti 10 Jahre nach dem Beben «Es gibt wahllos Schiessereien zwischen Gangs und Banden»

Vor zehn Jahren bebte die Erde in Haiti. Mehr als 200’000 Menschen verloren dabei ihr Leben. Mehr als 300’000 Personen wurden verletzt und 1.5 Millionen Menschen obdachlos. Auf das Beben folgte eine Cholera-Epidemie und 2016 kam der Hurrikan Matthew. Die Organisation Médecins sans Frontières (dt.: Ärzte ohne Grenzen) engagiert sich in Haiti. Auch der Schweizer Chirurg Thomas Schäfer operiert in dem Krisenstaat.

Thomas Schäfer

Thomas Schäfer

Arzt bei Médecins sans Frontières

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Schäfer ist Chirurg und arbeitet für die Organisation Médecins sans Frontières (MSF). Er stammt aus der Schweiz und hat sich in Australien niedergelassen.

SRF News: Was sind die grössten Herausforderungen, mit denen Haiti zurzeit zu kämpfen hat?

Thomas Schäfer: Seit zwei Jahren ist die wirtschaftliche Lage erschütternd. Wir haben einen grossen Mangel in der Gesundheitsversorgung. Die meisten öffentlichen und auch die meisten privaten Spitäler sind geschlossen und es gibt keine Gesundheitsversorgung für die Haitianer vor Ort. Das kommt zum wirtschaftlichen Druck dazu.

Wirtschaftlich liegt das Land am Boden, die Inflation steigt. Der Staat hat dadurch wenig Handlungsspielraum. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Wir haben angefangen, unser Personal in Dollar zu bezahlen, damit am Ende des Monats gleichviel bezahlt wird wie am Anfang des Monats. Die Inflation steigt wirklich rasant.

Die Strasse ist in Haiti wie der Wilde Westen.

Wie gross ist der Druck im medizinischen Bereich?

Wir haben schlicht keine Versorgung für Schwerverletzte. Im Moment ist auch – bedingt durch die wirtschaftliche Lage – die Kriminalität extrem hoch. Es gibt wahllos Schiessereien zwischen Gangs und Banden. Diese Gewalt ist sehr zufällig. Sehr viele Leute geraten in einen Schusswechsel und werden verletzt. Weiter kommt es zu vielen Verkehrsunfällen. Die Strasse ist in Haiti wie der Wilde Westen, so dass die Gesundheitslage deshalb wirklich prekär ist.

Thomas Schäfer im Operationssaal im Spital von Tabarre, Haiti.
Legende: Thomas Schäfer im Operationssaal im Spital von Tabarre, Haiti. SRF/Thomas Schäfer

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Wir als MSF haben das Spital in Tabarre in der Nähe von Port-au-Prince wiedereröffnet und versuchen, mit einem starken Auswahlkriterium nur die Schwerstverletzten zu behandeln. Wir haben nur 50 Betten zur Verfügung. Deshalb haben durch unsere Auswahlkriterien wirklich nur schwer Verletzte mit offenen Frakturen oder offenen Schussverletzungen bei uns Zugang.

Wenn die politische Lage unter Kontrolle wäre, dann sähe ich als Orthopäde und Chirurg eine Beruhigung.

Vor zehn Jahren hat ein Erdbeben der Stärke 7.0 die Insel schwer getroffen. Welche Spuren sind noch sichtbar?

Wenn man durch die Strassen fährt, gibt es zwar neue Gebäude, aber es hat dennoch sehr viele, die noch nicht wiederaufgebaut wurden. Zudem führte das Erdbeben zu Zerstörungen in der Grundversorgung, wie der Kanalisation und der Stromversorgung. Das ist heute noch ein Problem. Bei grossen Regenfällen sind die Strassen überschwemmt, die Stromversorgung bricht mehr oder weniger regelmässig zusammen. Wir haben im Spital grosse Generatoren, um das zu umgehen.

Wenn wir ein Fazit ziehen wollen: Was braucht es, um die Situation kurzfristig zu entspannen?

Es wäre gut, wenn die internationale Gemeinschaft einen Einfluss darauf haben könnte, dass sich die politische Lage beruhigt. Wenn das erst einmal im Griff wäre, dann sähe ich als Orthopäde und Chirurg erst einmal eine Beruhigung. Ansonsten braucht es Geld für den Wiederaufbau. Die Haitianer und Haitianerinnen sind ein stolzes und nettes Volk. Es ist wie immer bei diesen Missionen, man fragt sich: «Wie kann es sein, dass ein tolles Volk so geplagt wird?»

Das Gespräch führte David Karasek.

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Aus dem Archiv: Zehn Jahre nach dem Erdbeben in Haiti
Aus Tagesschau vom 06.01.2020.
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16 Kommentare

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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Es gibt wahllos Schiessereien zwischen Gangs und Banden". Dies beweist wieder einmal, was für eine "nette" Spezies der Zweibeiner ist. Während MSF sich bemüht, möglichst viele Leben zu retten, verschiessen sich die Anderen auf der Strasse. Unglaublich - und was tut die UNO???
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  • Kommentar von Stephanie Hunziker  (St. Hunziker)
    Was ist mit den Millionen von Franken die spendiert wurden? Wo wurden sie eingesetzt? Daraus hätte es ein neues grosses Spital gegeben und viele neue Häuser und neue Strassen!
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  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Na ja, ich lebe den grössten Teil des Jahres in der Dominikanischen Republik und kenne die Verhältnisse im Nachbarland Haiti ein wenig. Es ist in der Tat ein Desaster. Nichts, aber auch gar nichts funktioniert. Haiti ist wahrscheinlich das Paradebeispiel das zeigt, dass Entwicklungshilfe, so wie wir sie kennen, nicht funktioniert. Die Arbeit von "Ärzte ohne Grenzen" ist sicher gut, aber eben weder nachhaltig noch mehr als ein Tropfen auf einen heissen Stein.
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